Berliner Stabi : Sanieren geht über studieren

Seit zwei Jahren wird die Staatsbibliothek umgebaut. Der Asbest, muss raus, dann erst folgt die Komplettsanierung. Das kann dauern – bis 2016. Und kostet zwei Millionen mehr.

Christian van Lessen

Sie verschwindet immer mehr hinter Gerüsten, die 30 Jahre alte Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße. Fassadenteile sind aufgerissen, das Haus von Containern umstellt. „Es sieht schrecklich aus“, sagt Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf, das schöne, nach Hans Scharouns Entwürfen gebaute Haus habe jetzt etwas von einem Ufo, alles voller Planen, Gerüste, Gestänge, Folien. Die Asbestbeseitigung ist im Gange, vor zwei Jahren begannen die Arbeiten, bis 2012 werden sie dauern. Damit wäre der Zeitplan eingehalten – die erwarteten Kosten aber nicht: Sie sind um zwei auf 65 Millionen Euro gestiegen. Ist die Sanierung beendet, steht die Grundinstandsetzung an. Das könnte nach Ansicht der Generaldirektorin bedeuten, dass das Haus nach seiner sechsjährigen Asbestsanierung vier bis fünf weitere Jahre nicht voll funktionsfähig ist. Die Staatsbibliothek – eine Baustelle bis 2016.

Gearbeitet werden soll auch weiterhin bei laufendem Bibliotheksbetrieb mit täglich 3000 Besuchern und 600 Mitarbeitern. Ideal hätte es die Stabi gefunden, die aktuellen Arbeiten mit der Grundinstandsetzung zu verbinden. Die soll mit einer „maßvollen Neuaufteilung“ der Räume einhergehen. Dabei ließe sich beispielsweise mehr Platz für Lesesäle finden, wenn Bestände ins Haus Unter den Linden verlagert würden.

Aber das Asbestproblem habe nach gesetzlichen Vorgaben sehr schnell gelöst werden müssen, „das ließ sich nicht verzögern“, sagt Daniela Lülfing, die Baubeauftragte des Hauses. Vor der Grundinstandsetzung müssten auch umfangreiche Vorarbeiten, etwa ein Raumprogramm und eine Zustandsanalyse vorliegen, man sei mitten in einem längeren Planungsprozess. Die Asbestsanierung werde als Teil der künftigen Grundsanierung angesehen, sei „keine Wegwerfleistung“. Es sollte später nichts wieder eingerissen werden, wenn es um die Wärmedämmung der Fassade gehe und die Klimatisierung „optimiert“ werden müsse. Eine Schließung des Hauses, das 5,5 Millionen Bücher beherbergt, kam nie infrage. Die hohen Besucherzahlen und die Bedeutung für Studenten ließen dies nicht zu, meint die Bibliothek.

Zuständig für die aktuellen Sanierungsarbeiten an der Potsdamer Straße ist das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Es gab in den letzten Monaten neue Funde von Asbest, was die Sanierungskosten verteuert. Die Messwerte lagen und liegen nach Auskunft der Bibliothek „im grünen Bereich“, krebserregendes Asbest ist durch Schutzanstriche gebunden. In jüngster Zeit wurde der Wert von 100 Fasern pro Kubikmeter Luft nicht mehr gemessen, der maximal zulässige Wert liegt bei 1000 Fasern. Die giftigen Teile werden unter strengen Sicherheitsauflagen beseitigt, derzeit in den Kellern. Die Luft im Haus sei „insgesamt nicht richtig gut“, meint die Generaldirektorin. Die Lesesäle etwa seien zu warm.

Letztes Jahr wurde die bauausführende Firma gewechselt, für das „hoch spezielle Vorhaben“ habe man auch höchste Ansprüche stellen müssen, heißt es. Aber gepfuscht worden sei nicht. Die zentrale Luftansaugung der Klimananlage, die aus 74 einzelnen Strängen besteht, ist inzwischen saniert, auch die Wasseraufbereitung zur Befeuchtung. Aufs Dach wurden provisorisch Ventilatoren gestellt, die frische Luft in das nach und nach erneuerte Kanalsystem pusten. Bei der Installation der Ventilatoren durfte die Tragfähigkeit des Daches nicht überstrapaziert werden.

Überall muss saniert werden, auch Dachflächen werden bei dieser Gelegenheit erneuert. Wo gearbeitet wird, müssen Mitarbeiter in Bürocontainer und Bücher in Ersatzmagazine. Jeder hat hier einmal umzuziehen. Die Lesesäle werden etwa 2010 in Teilbereichen gesperrt, dann müssen Ersatzquartiere geschaffen werden. Das Foyer, heißt es, sei dafür die schlechteste Lösung.

Noch läuft alles im Inneren geräuschlos, von den lautstarken Arbeiten im zehnten Stock des Bücherturms, über die Klaus-Günter Wollny als stellvertretender technischer Leiter wacht, merkt das lesende Publikum nichts. Im Gegenteil. Seit Gebühren erhoben werden, achten die Leute noch mehr darauf, ihre Ruhe zu haben. Noch. Die ist in zwei Jahren auch dort vorbei.

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