Berliner Stadtmenschen im Sommer : „Veganismus ist keine Lösung“

Jeanette Koepsel ist Tierärztin und Berlins einzige Stadtjägerin. Beim Italiener in Spandau erzählt sie, was ihr im Sommer vor die Flinte kommt. Teil 5 unserer Sommerserie.

Stefanie Golla

Auf Trophäen legt sie keinen Wert. Aber bei Bedarf holt Jeanette Koepsel das Fell eines Keilers hervor, den sie am Wasserwerk in Tegel erlegt hat. Das Tier lief mehrmals über die Straße und provozierte Unfälle. Mit einem Tellerschuss hinters Ohr hat sie ihn zur Strecke gebracht. Der Tod tritt so am schnellsten ein, weil die Kugel direkt ins Gehirn geht. Der Keiler lag sofort, was wichtig ist, wenn man in der Stadt jagt, denn ein angeschossenes Tier kann viel Schaden anrichten. Den zu vermeiden, ist Aufgabe der 30 Stadtjäger in Berlin. Jeanette Koepsel ist die einzige Frau.

Grundlage für das Jagen in der Stadt ist das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG). Es geht in erster Linie um Gefahrenabwehr, nicht um die Lust am Schießen. „Ich habe Respekt vor jedem Tier, dass ich töten muss“, sagt Jeanette Koepsel, die zusammen mit sieben Bracco Italianos (italienische Vorsteherhunde) und einer Hannoverschen Schweißhündin an der Grenze von Spandau zu Charlottenburg wohnt. Oft kommt es gar nicht zum Schuss, weil die betonierten Straßen keinen Kugelfang bieten. Eine Büchse hat einen Gefahrenradius von 3,5 Kilometern – eine Kugel, die austritt, muss irgendwo stecken bleiben können, damit niemand – außer dem Tier – zu Schaden kommt.

Es muss immer ein Kugelfang in der Nähe sein

Jeanette Koepsel wird in Notfällen von der Polizei gerufen, wenn Wildtiere dem menschlichen Lebensraum zu nahe kommen und es zu Zusammenstößen kommen könnte. Wie im Fall des kapitalen Damschauflers. Ein mannshohes Tier mit mächtigem Geweih, das testosterongesteuert in ein dicht besiedeltes Wohngebiet in Wilhelmsruh gelangte und von der Polizei nach stundenlanger Verfolgung in einem Vorgarten gestellt werden konnte. Der Stadtjägerin blieb keine andere Wahl, als das Tier zu erschießen, ein dicker Baum stand als Kugelfang bereit.

Meistens sind es aber kleine Tiere, weshalb Jeanette Koepsel in ihr Jagdgebiet Tegel-Spandau ausrücken muss. Oft sind sie krank, wie der von Staupe befallene Fuchs auf einem Parkplatz am Flughafen Tegel. Rehe, Waschbären und Wildkaninchen gehören ebenfalls zur städtischen Fauna. Im Sommer sind oft Jungtiere, insbesondere Jungvögel, der Grund für einen Einsatz. Bewohner lesen die vermeintlich aus dem Nest gefallenen Vögel auf. Dabei handelt es sich fast immer um so genannte Ästlinge, die noch nicht fliegen können und beim ersten Versuch auf dem Gehweg stranden. Diese Tiere nimmt sie mit in ihre Praxis und setzt sie nach erfolgreicher Behandlung wieder in sicherer Höhe am Fundort aus, wo die Eltern ihr Jungtier durch Rufen wiederfinden. Manche päppelt sie auf und wirft sie, falls nötig, vom Balkon eines Hochhauses – das klappt in Regel. Hege und Pflege sind das eigentlich Primat ihrer Arbeit als Jägerin und Tierärztin.

Das Unwissen über die heimischen Tierarten betrübt sie

Das Unwissen über die heimischen Tierarten betrübt sie. „Alle kennen den Unterschied zwischen Löwe und Tiger, aber kaum jemand den Unterschied zwischen Dam- und Rotwild.“ Die Kinder in der benachbarten Kita lädt sie darum in ihre Praxis ein, um Ihnen ein erlegtes Wildschwein zu zeigen. „Es ist wichtig, dass die Kinder wissen, dass ein Steak mal gelebt hat und nicht aus der Supermarkttheke kommt.“ Veganismus, sagt sie, sei auch keine Lösung.

Einmal stand die Jägerin im Grunewald mit ihren Hunden unerwartet mitten in einer Rotte aus 35 Bachen und Frischlingen. Was also tun, wenn einem im Park ein Wildschwein begegnet? Auf keinen Fall füttern! Und den geordneten Rückzug antreten. „Dabei das Tier im Auge behalten und langsam entfernen. Wenn die Distanz es zulässt, kann man sich auch groß machen, mit den Armen wedeln und brüllen, dann tritt das wilde Gegenüber die Flucht an.“ Rückzug, sagt Koepsel, sei aber in jeden Fall die beste Variante. Einer ihrer Lieblingsorte, nicht nur zum Jagen, ist der See im Volkspark Jungfernheide: „Ein herrliches Stück Natur!“ Am Wasserturm gibt es ein Café mit Sommergarten und für Familien einen Waldhochseilgarten zum Klettern. Imposant ist der Park auch im Herbst, wenn sich die Blätter der Buchen so schön rot färben.

Mehr Berliner mit interessanten Geschichten haben Lucia Jay von Seldeneck und Verena Eidel recherchiert: „111 Berliner, die man kennen sollte“ ist vor Kurzem im Emons Verlag erschienen (240 Seiten, 16,95 Euro).

Unsere Serie

Die Serie Stadtmenschen im Sommer erscheint in Kooperation mit Checkpoint, dem täglichen Newsletter des Tagesspiegel-Chefredakteurs Lorenz Maroldt. In den Sommerferien erscheint der Checkpoint immer montags. Parallel dazu stellen wir die Menschen in der gedruckten Zeitung und auf tagesspiegel.de ausführlicher vor. Bisher erschienen: Kolumnistin Pascale Hugues, Bademeister Andreas Scholz, Stadtimkerin Erika Mayr und Model Günther Krabbenhöft.

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