Berlin : Berliner Stadtschloss: Die Mehrheit ist für den Wiederaufbau

Lothar Heinke,Benjamin Wagener

Jahrelang haben alle Beteiligten über die Gestaltung des Schlossplatzes gestritten: Wiederaufbau Schloss, Erhaltung Palast der Republik oder Grünanlage. Es wurde viel diskutiert, noch mehr geredet und nie etwas beschlossen. Alle Argumente sollen jetzt zusammengefasst und gebündelt werden: Am 27. September will, wie gemeldet, das Bundeskabinett die internationale Experten-Kommission "Historische Mitte Berlins" berufen, die detaillierte Vorschläge für die Neugestaltung des Schlossplatzes erarbeiten soll.

Doch ist die Einrichtung eines beratenden Gremiums sinnvoll zu einem Zeitpunkt, an dem alle Argumente geäußert sind und viele endlich eine Entscheidung fordern? "Ja", sagt Wilhelm von Boddien, "die Kommission ist auch zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig. Sie wird Anregungen in beide Richtungen geben und sie wird - das ist das Gute - eine Entscheidung einfordern." Der Schlossexperte und Vorsitzende des Fördervereins Stadtschloss sieht die Arbeit des Gremiums als wichtigen Beitrag für eine durchdachte und sachverständige Lösung. "Und die Berliner sind schon immer berühmt dafür, dass sie sich nicht einigen können. Sie brauchen immer eine Art höhere Weihe, die sie durch die Kommission jetzt bekommen", so Boddien weiter.

In der Kommission sitzen 21 Vertreter, die nicht alle Fachleute für städtebauliche und architektonische Fragen zu sein scheinen. Neben Vertretern aus Politik, Architektur, Städteplanung und Denkmalpflege gehören zu der beratenden Runde unter anderem auch der Molekularbiologe, DDR-Bürgerrechtler und einstige Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten Jens Reich, der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger, der Ostberliner Schriftsteller Friedrich Dieckmann oder der ehemalige Pizza-Fabrikant und Klinik-Besitzer Ernst Freiberger. Wilhelm von Boddien glaubt, dass gerade die breitgefächerte Mischung der Kommission den Prozess vorantreiben werde. "Es sind alles Persönlichkeiten, die nicht extrem denken und ideologisch nicht eingeschränkt sind."

Die Entscheidung, den Vorsitz an den österreichischen Europaabgeordneten und ehemaligen Wiener Stadtbaurat Hannes Swoboda zu geben, sei geschickt. "Er ist ein Mann, der nicht aus dem Zentrum der Diskussion stammt und deswegen einen ausgleichenden Einfluss haben wird", so von Boddien weiter. Hoffnung mache, dass Swoboda eine Kompromisslösung ablehnt. Das Votum, das die Kommission abgeben wird, wird "auf einer knappen Entscheidung beruhen, aber ganz bestimmt durchdacht sein", so die Auffassung Boddiens.

Dies dauert freilich noch seine Zeit. "Über den Stand der Arbeit der Expertenkommission wird der Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen das Bundeskabinett in der zweiten Jahreshälfte 2001 gesondert unterrichten", heißt es in einem Beschlussvorschlag für die Sitzung des Bundeskabinetts am 27. September, auf der die Expertenkommission "Historische Mitte Berlin" offiziell bestätigt werden soll. In einer Kabinettsvorlage wird die weitreichende Aufgabe der Kommission, über deren Zusammensetzung wir bereits berichteten, formuliert: "Die bisherigen Vorschläge zur Nutzung und zur Gestaltung des Schlossplatzareals haben noch nicht zu umsetzungsfähigen Konzepten geführt. Weder der von Bund und Land ausgelobte städtebauliche Ideenwettbewerb noch das 1997/98 durchgeführte Interessenbekundungsverfahren hatten ein realisierbares Ergebnis. Die Kommission soll auf der Basis städtebaulicher Überlegungen umfassende Vorschläge zur Bebauung des Berliner Schlossplatzes sowie zur städtebaulichen Gestaltung des umliegenden Areals erarbeiten, auf deren Grundlage eine politische Grundsatzentscheidung getroffen werden kann."

Im Einzelnen bedeutet dies für die Kommission, in der die "Fraktion" der Schloss-Befürworter eine knappe Mehrheit haben dürfte, dass sie prüfen muss, welches Nutzungskonzept für die Bebauung des Schlossplatzes in Frage kommt, wie die bauliche und architektonische Gestalt der zukünftigen Bauten aussehen soll und welches Finanzierungskonzept möglich ist. Und auch für die Umgebung, also für Schlossfreiheit bis Werderschen Markt, Bauakademie, Staatsratsgebäude bis zur Breiten und Scharrenstraße soll ein städtebauliches Konzept empfohlen werden. Viel Arbeit!

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