Berliner Straßen : Ein Richter stemmt sich gegen das Verkehrschaos

André Muhmood ist Richter. Er hat Verständnis, wenn Leute mal am Steuer durchdrehen. Aber manche muss er ins Gefängnis schicken. In Berlin nimmt die Zahl der Toten und Verletzten bei Unfällen stetig zu. Dafür gibt es mehr als eine Erklärung. Unsere Blendle-Empfehlung.

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Alle vier Minuten passiert in Berlin statistisch gesehen ein Unfall.
Alle vier Minuten passiert in Berlin statistisch gesehen ein Unfall.Foto: imago/Jürgen Ritter

Dies ist der Ort, an dem die Seelen von Berliner Autofahrern in Gefahr geraten. Er liegt an der Moabiter Kirchstraße und verfügt über mintgrüne Teppichböden und eine Taschendurchleuchtungsmaschine am Eingang. Das Personal ist immer wieder aufs Neue um Gelassenheit bemüht.

Die Hölle ist das Amtsgericht Tiergarten, zuständig für die Verkehrsstrafsachen und Ordnungswidrigkeiten.

Es ist ein später Nachmittag im Mai, André Muhmood sitzt an seinem Büroschreibtisch vor vier Aktenhaufen. Rote und rosafarbene Mappen voller Unfallbeschreibungen und Bußgeldsachen, der Stapel mit den Fällen von Erzwingungshaft ist 20 Zentimeter hoch. Muhmood ist Jahrgang 1963 und seit 1994 Richter.

Zwei der Stapel sollte er an diesem Nachmittag noch abarbeiten, denn am kommenden Morgen werden schon wieder zwei neue dort liegen. Auf Muhmoods Tisch lagen vor einigen Monaten auch die Papiere zu den beiden Tauentzien-Rasern, die am 1. Februar um die Wette fuhren und dabei einen Mann töteten. Muhmood hat die Führerscheine eingezogen, bevor der Fall ans Landgericht ging. „Ich hab das früher mal gesagt: Die Sitten werden rauer“, sagt Muhmood. „Ich würde das heute nicht mehr sagen.“

Richter André Muhmood ist zuständig für Verkehrsstrafsachen.
Richter André Muhmood ist zuständig für Verkehrsstrafsachen.Foto: Torsten Hampel

138 000 Unfälle passierten im vergangenen Jahr auf Berlins Straßen, alle vier Minuten einer. Das waren vier Prozent mehr als 2014, seit 2011 steigt die Zahl kontinuierlich. 48 Menschen starben, vier weniger als im Jahr zuvor – elf mehr als 2013. In ganz Deutschland waren es 3475 Tote, drei Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der bundesweit Verletzten hat sich ebenfalls erhöht, um ein Prozent auf rund 394 000. Die Polizei dokumentierte 2015 2,5 Millionen Verkehrsunfälle – was einer Zunahme von vier Prozent entspricht.

Der amtlichen Statistik zufolge passieren die meisten der Berliner Unfälle beim Abbiegen und bei Missachtungen der Vorfahrt. Zu hohe Geschwindigkeit sei ebenfalls eine der Hauptursachen. Der zuständige Staatssekretär sprach vom „erheblichen Nachbesserungsbedarf bei der Verkehrsmoral vieler Verkehrsteilnehmer“.

Wer hat recht, Herr Muhmood, die Polizei-Statistik oder Sie? Früher, so gegen Ende der 90er Jahre, da habe er bei den schlimmen Sachen, den Straftaten, tatsächlich eine Brutalisierung beobachtet. „Es nahm damals zu, dass Waffen dabei waren. Dass im Kofferraum ein Baseballschläger lag.“

Aber hatte er nicht selbst noch vor ein paar Stunden, bei einer Verhandlung, gesagt: „Erst mal verkünden wir jetzt einen Haftbefehl, das machen wir in aller Kürze.“ Es ging um einen Fall, in dem ein Auto selbst die Waffe gewesen sein soll. Der Angeklagte habe damit möglicherweise auf sein Opfer zugehalten.

Unangreifbar muss jener junge Mann sich gefühlt haben, unangreifbar fühlt er sich offenbar bis jetzt. Er hatte eine Zeugin davor gewarnt, beim Verkehrsgericht auszusagen. Er versah dies mit Todesdrohungen, schriftlich, auf Instagram. Die Zeugin brachte sie mit.

Die Instagram-Sache hat ihn an diesem Tag seine Untersuchungshaftverschonung gekostet, es bestehe nunmehr Verdunkelungsgefahr. „Das wird keinen überraschen“, hatte Muhmood gesagt.

Trotzdem bleibt er dabei. Muhmood hat sich Gedanken gemacht, seit Langem. Es mag schlimm sein draußen auf den Straßen, aber nicht schlimmer. „Ich habe engen Kontakt zu den Tätern, zu den Opfern, ich sehe sehr viele psychologische Profile. Und ich habe sonst nichts zu tun.“

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