Berliner Tierpark : Schon ein kleiner Umbau lohnt sich

Was könnte besser werden im Tierpark? Vor allem müsste der Kontakt zu den Tieren direkter sein, sagt ein Experte für Zooarchitektur und erklärt, dass man schon mit kleinen Änderungen Verbesserungen schaffen könnte.

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Ein Tiger im Raubtierhaus des Tierparks in Friedrichsfelde.
Ein Tiger im Raubtierhaus des Tierparks in Friedrichsfelde.Foto: Thilo Rückeis

Morgens, um kurz vor neun, ist das Schaufenster noch leer. Die meterhohen Panzerglasscheiben sind vom Raureif beschlagen. Auf einem kleinen cremeweißen Schild steht: „Amerikanischer Schwarzbär“, auf Deutsch, Latein, Englisch. Und: Füttern Verboten! – auf Russisch. Ein Relikt aus der Zeit, als der Tierpark Friedrichsfelde noch Hauptstadtzoo der DDR war. Bärenschaufenster heißt die Anlage neben dem Haupteingang, weil sie als einzige von außen zu sehen ist. Zwei Schulklassen vermischen sich vor dem Bärengehege. Doch das leere Schaufenster interessiert sie nicht.

Kieran Stanley kennt das Problem: „Das Ziel von Zoos muss es sein, dass die Besucher eine emotionale Beziehung zu den Bewohnern aufbauen.“ Das Stichwort „Erlebnisarchitektur“ steht auf seinen cremeweißen Visitenkarten. Zoodesigner nennen ihn manche. „Um Design geht es nicht. Design ist nur Zeitgeist“, sagt er. Kieran Stanley, schwarzer Vollbart, Seitenscheitel, graue Schläfen, schwarzgerahmte Hornbrille. Über seinen Beruf sagt er: „Andere erzählen Geschichten, ich baue sie.“ Auch für den neuen Berliner Zoochef Andreas Knieriem hat er schon Geschichten gebaut. In Hannover war Stanley mit seiner Berliner Architekturfirma dan pearlman am Umbau zum Erlebniszoo beteiligt. So etwas fordern viele auch für den Tierpark. „Es geht nicht nur um Erlebniswelten“, sagt er. „Es geht um Potenziale.“

Barrieren zwischen Tier und Mensch klein halten

Potenzial ist ein Wort, dass Stanley gerne benutzt. Und darum soll es bei diesem Rundgang durch den Tierpark gehen. Herauszufinden, was den Tierpark ausmacht. „Das ist die Natur – ganz im Gegensatz zum Zoo“, sagt Stanley, als er vor der Eisbärenanlage steht und nach oben in die Baumwipfel schaut. Eichen und Buchen haben die Felseninsel längst umschlossen. Links klatscht ein Wasserfall auf die Steine. Zwei Eisbären dösen, einer badet im Wassergraben, eine Schulklasse tobt ums Becken. Stanley deutet auf einen Jungen, der sich weit über den Betonrand beugen muss, um den Eisbären zu sehen. Doch der planscht im toten Winkel. „Gehege sollen emotional ansprechend sein“, sagt Stanley. Habitat immersion heißt das: Barrieren zwischen Tier und Mensch sollen so unauffällig und so natürlich wie möglich sein.

Hinein in den dicht bewaldeten Teil des Tierparks geht es nun, weit und breit ist kein Gehege zu sehen. Doch auch hier hätte Stanley Vorschläge, um die vorhandene Natur zu nutzen – Land usage nennt er das. Er zeigt nach rechts, wo das Unterholz hüfthoch zwischen den Bäumen wuchert. „Ich könnte mir hier einen Baumwipfelpfad vorstellen.“

Kieran Stanley, 43, studierte Architektur in Dublin. Er ist Geschäftsführer der Dan Pearlman Erlebnisarchitektur GmbH in Berlin und u. a. spezialisiert auf Zoo-Architektur.
Kieran Stanley, 43, studierte Architektur in Dublin. Er ist Geschäftsführer der Dan Pearlman Erlebnisarchitektur GmbH in Berlin...Thilo Rückeis

Der Wald lichtet sich, abgewetzte braune Holzställe und Hütten prägen den Streichelzoo, in dem Schafe, Wellensittiche und Hühner leben. Ein halbwüchsiges Huhn rennt hektisch über den Weg, verfolgt von einem kreischenden Kind mit Fotoapparat. Das kleine Huhn rettet sich ins Gebüsch, der Junge schaut zufrieden aufs Bild. „Das Erlebnis wird er wohl nie vergessen“, sagt Stanley. Das Huhn hoffentlich schon.

Sein erstes Zooerlebnis hat Kieran Stanley auch nicht vergessen. Als kleiner Junge war er mit seinen Eltern im Zoo seiner Heimatstadt Dublin. „Es war furchtbar. Nur enge Käfige, Menschenaffen, Raubtiere, alle mit Hospitalismus. Ich war total traurig.“

Manche Käfige können kaum vergrößert werden

Im Alfred-Brehm-Haus, dem Raubtierhaus, ist es ruhig, obwohl die Tropenhalle im Zentrum des Hauses zurzeit renoviert wird. Eine hohe Spanplattenwand verdeckt sie. Kaum ein Geräusch dringt von der Baustelle herüber. Als es 1963 eröffnet wurde, war es das größte Tierhaus der Welt – 5300 Quadratmeter, zukunftsweisend. Jetzt sind die meisten Käfige und Vitrinen mit den pastellfarbenen Wandkacheln leer. Weil das Gebäude denkmalgeschützt ist, können die Käfige kaum vergrößert werden. „Einen Teil könnte man als Museum nutzen“, schlägt Stanley vor, so wie es im alten Raubtierhaus im Leipziger Zoo schon geschehen ist. Hinter dem Raubtierhaus liegt die Voliere für Geier und Adler – 60 Meter lang und neun Meter hoch. „Die Größe der Anlage ist toll“, sagt Stanley, als er vor der riesigen Maschendrahtfront steht – einen verglasten Besuchereinstieg schlägt er vor, „sodass man ins Gehege gehen kann und nicht das Gefühl hat, dass die Tiere eingesperrt sind.“

Am Dickhäuterhaus vorbei führt der überdimensioniert wirkende Weg an einer struppigen Wiese mit Felsrückwand vorbei. Eine Streifenhyäne kommt aus einer Höhle und wittert. Stanley bleibt stehen, schaut auf den asphaltierten Weg, die niedrige gestutzte Hecke davor – wie in der afrikanischen Savanne sieht es hier nicht aus. „Wir werden nicht gerade eingeladen, uns mit ihr auseinanderzusetzen.“ Mit einfachen Mitteln wie Rindenmulch und Sand könnte man die Grenze zwischen Gehege und Besucherbereich verschwimmen lassen.

Der Tierpark ist der größte Zoo Europas

Neben der Makel hat der Tierpark einen Riesenvorteil: „Viele Zoos haben nicht die Fläche, sich auszubreiten. Der Tierpark hat Fläche.“ Mit 160 Hektar ist er der größte Europas. Sein Hauptproblem sind die, im Vergleich zu Zoo und Aquarium, niedrigen Besucherzahlen. „Oft werden Zoos nur von oben betrachtet, ohne wirklich die Nutzer zu berücksichtigen“, sagt Stanley. Schon des öfteren wurde überlegt, den Tierpark zu schließen, weil er zu viel Geld koste. Zuletzt hatte im Sommer 2013 ein FDP-Politiker diesen Einfall. Doch der neue Zoodirektor Andreas Knieriem hat bereits erklärt, weiterhin auf beide Einrichtungen zu setzen. Eine Stadt – zwei Zoos: Neben Berlin können das nur New York, San Diego, Chicago, London, Paris, Singapur und Tokio bieten. Darin ist Berlin wirklich eine Weltstadt.

Schon mit kleinen Änderungen könnte man Verbesserungen schaffen, erklärt Kieran Stanley. Auf dem Rückweg hat der Geschichtenbauer noch einen Rat: „Gehege kann man nicht kopieren.“ Es muss zum Tierpark passen, authentisch sein, „sonst ist es nur ein billiger Abklatsch.“

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