• Berliner Türken halten ihr Land für Europa-tauglich Die Diskussion über den EU-Beitritt wird aber durch Vorurteile beider Seiten erschwert

Berlin : Berliner Türken halten ihr Land für Europa-tauglich Die Diskussion über den EU-Beitritt wird aber durch Vorurteile beider Seiten erschwert

Werner van Bebber

Marieluise Beck, Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, wirkte bekümmert: Fast zwei Stunden lang wollte man im Türkischen Haus An der Urania über die Probleme der Integration sprechen – und hatte doch fast nur über Vorurteile gestritten. Politik und Wirtschaft der Türkei und deren mittelbare Wirkung auf das Zusammenleben von Deutschen und Türken – darüber hatte kaum einer reden wollen. Es war, als hingen Türken und Deutsche viel zu sehr an den Urteilen, die sie sich übereinander gemacht haben, um über Integration und deren Voraussetzung unbefangen zu streiten.

Zwei Themen hatte Moderator Wulf Schönbohm anfangs angesprochen – und es waren Fragen, mit denen sich Schönbohm als ehemaliger Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ankara bestens auskannte: Kann die Europäische Union die Türkei verkraften? Und kann ein mehrheitlich muslimisches Land EU-Mitglied werden? Das waren die Fragen eines deutschen Betrachters – die Mehrheit des Podiums und erst recht die Mehrheit des sicher 200 Personen umfassenden Publikums ließ sich darauf gar nicht erst ein. Zu verführerisch war schon für die Migrationsbeauftragte Beck die Vorlage der Unionsparteien – Abstimmung, ja oder nein? „Versprochen ist versprochen“, erklärte Beck. Sie erinnerte an die zahllosen „Erfolgsstorys“, die türkische Einwanderer zu erzählen hätten, aber auch an „viele Zurückweisungs- und Kränkungserfahrungen“.

Das waren Stichworte für die Anwältin Seyran Ates und für Emine Demirbüken, Ausländerbeauftragte von Tempelhof- Schöneberg. „Kränkend“ und „beleidigend“ seien, so Seyran Ates, die Debatten über die Europa-Fähigkeit der Türkei. Als Moderator Schönbohm einwarf, es gebe gewaltige Unterschiede zwischen dem europäischen Westen der Türkei und ihrem islamischen Osten, belehrte ihn Emine Demirbüken, die Türkei lasse sich nicht teilen in West und Ost. Dass noch vieles zu bewältigen sei, wisse der türkische Staat am besten.

Dem provokativ fragenden Schönbohm konterten die Frauen auf dem Podium und Männer aus dem Publikum mit vehementem Patriotismus. Vielleicht hängt die Bereitschaft zum türkisch-deutschen Missverständnis mit dem unterschiedlich ausgeprägten Stolz auf das Land zusammen, aus dem man kommt. Seyran Ates sagte, die Türkei sei mit anderen islamischen Staaten nicht vergleichbar. Emine Demirbüken sagte, die Türkei mit ihrer jungen Bevölkerung könne – Stichwort: Arbeits-Migration – zur Retterin des deutschen Rentenwesens werden. Ein Mann aus dem Publikum sprach von dem Drang der Deutschen in die Türkei, um wenigstens im Urlaub mal „ein lachendes Gesicht zu sehen“. Und hätten bei drei Millionen Einwanderern, davon allein 122000 Türken in Berlin, nicht auch die Deutschen Türkisch lernen können?

Die entstehende Parallelgesellschaft in Berliner Kiezen, der Machismo der jungen Männer, das Sportverbot für Mädchen aus streng religiösen Elternhäusern – lauter Themen, die nur angerissen wurden. Bevor man die gängigen Vorurteile weggeredet hatte, war der Abend vorbei.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben