Berlin : Berliner Tunten-Szene: Kirchentag für Drag Queens

Sebastian Schneller

Tabus für Tunten? Klar gibt es die: "Keine Laufmaschen und kein Sex auf der Bühne." Ovo Maltine, Berlins älteste amtierende Berliner Polit-Tunte, muss nicht lange überlegen. Die ehernen Gesetze der internationalen Schwesternschaft Fummel tragender Männer gelten noch immer und halten den bunten Clan zusammen. Man kennt sich, man schätzt sich, und zieht mit Vorliebe öffentlich über einander her, um sich hinterher wieder zu vertragen. Das war schon immer so, auch als Ovo Ende der Achtziger aus dem Kohlenpott nach der Schule nach Berlin kam. Das Vorwende-West-Berlin der späten 80er bot die ideale Bühne für Selbstdarstellerin Ovo. In der Schwulen-Szene gaben damals die Trash-Tunten vom "Schwuz" den Ton an.

Mit Playback-Nummern jenseits des guten Geschmacks kämpfen seitdem Ovo Maltine und ihre Mitstreiterinnen gegen das Image der spießigen Damenimitatoren. "Weg mit den alten Geschlechterrollen", lautet die Devise.

Einmal in der Woche lädt Ovo zu ihren "Transmodernen Narzissen", einer Art Drag-Queen-Salon. An diesem Samstag organisiert sie ein regelrechtes Drag-Queen-Woodstock: "Wigstöckel". Das findet im BKA-Luftschloss statt, die Bühnenshow soll die Nibelungensage verwursten.

Ovo erklärt, das "Wigstöckel" sei mehr als eine stinknormale Homo-Party: Wie beim Kirchentag gibt es einen "Markt der Möglichkeiten für die Transgender-Community". Neben Perückenläden sind da auch Hanf-Initiativen und die Heinrich-Böll Stiftung vertreten.

Wenn Ovo zu den "Queen mums" der Szene gehört, dann ist Biggy von Blond die Tochter, die es zu was gebracht hat: Von der Selbstdarstellung kann sie leben und die Partyveranstalter, die sie als Dekor buchen, sucht sie sich mittlerweile sehr genau aus. Als sie neulich für einen großen Juwelier dessen neuste Platin-Kollektion vorstellen sollte, hat sie angenommen. "Da saß ich dann mit einer Eigentums-Wohnung um den Hals, zwischen all den reichen Leuten und die mussten nett zu mir sein."

Eineinhalb Stunden braucht Biggy, um so unnahbar-bildschön und blond auszusehen. Die Glamour-Queen, die sie spielt, ist sie selbst: Egal ob sie als Biggy vor der Kamera steht, Platten auflegt, Kolumnen für ein Boulevard-Blatt schreibt oder im Lokal-Fernsehen eine Show moderiert.

Was sich in den letzten Jahren verändert hat? "Drag-Queens werden akzeptiert", sagt Biggy. Egal ob ein neuer Club aufmacht oder eine neue Whiskey-Marke herauskommt: Als Eye-Catcher und Werbeträger sind Tunten gern gesehen. Im Partyreigen mischen sie kräftig mit, nicht nur als gebuchte Gäste, sondern als Veranstalter: Nina Queer aus Wien, seit einem Jahr im Berlin-Exil, hebt eine Party nach der anderen aus der Taufe. "Ninas Tage" hieß eine: Die Einladungskarte zierte eine Nina in weißem Kleid mit rotem Fleck in Schritthöhe.

"Nichts ist Tabu" lautet nach wie vor die heiligste aller Tuntenregeln, aber das haben auch die restlichen Bewohner im Nachtleben-Dschungel schon längst erkannt. Das Credo der ersten "Queen mums" - Selbstdarstellung um jeden Preis - befolgen mittlerweile nicht nur die Tunten: Ein paar Hundert Meter vom Pfefferbeg entfernt legt Biggy von Blond im Goldmine Club Platten auf: Frauen mit Kittelschürze, über der Jeans, muskelbepackte Beafcakes in hautengen T-Shirts, jemand der aussieht wie Frank Zappa - alle tanzen und Biggy wippt mit dem Pagenkopf hinter den Turntables. Jeder ist hier sein eigener Selbstdarsteller.

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