Berlin : Berliner Unterricht – zu individuell und teuer?

Bildungsexperten widersprechen Finanzsenator Der hält Förder- und Teilungsstunden für ineffektiv

Daniela Martens

Bildungsexperten teilen die Kritik des Finanzsenators am Berliner Schulunterricht nicht. Thilo Sarrazin (SPD) hatte nach den teils besorgniserregenden Ergebnissen beim mittleren Schulabschluss den Teilungs- und Förderunterricht an den Schulen kritisiert: „Schlichter, solider, leistungsorientierter Unterricht wie in Bayern“ sei effektiver. Berlin gebe genug für seine Schulen aus. Vor allem das Schüler- Lehrer-Verhältnis sei im bundesweiten Verglich besonders gut: Im Schnitt kommen in Berlin 13,7 Schüler auf einen Lehrer. 16 Schüler sind es im Bundesdurchschnitt. In Bayern betreut ein Lehrer 16,7 Schüler, in Hamburg 15.

An Berliner Hauptschulen sieht die Situation noch besser aus: Dort steht für 9,2 Schüler ein Lehrer zur Verfügung. Das sind fast drei Schüler weniger als in Hamburg und rund fünf weniger als im Bundesdurchschnitt (14,4). Berliner Schüler seien nicht problematischer als andere, sagt Sarrazin. Die Statistik zeige, dass es in Hamburg, Bremen, Baden-Württemberg und Hessen mehr Schüler mit Migrationshintergrund gebe als in Berlin. Diese Gruppe hatte beim mittleren Schulabschluss – dem Ersatz für die frühere mittlere Reife – besonders schlecht abgeschnitten.

„Der individuelle Unterricht muss weiter ausgebaut werden, vor allem qualitativ“, sagt Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Es gebe – anders als Sarrazin glaube – immer noch viel zu viele Lehrer, die sich nicht vom Frontalunterricht trennen könnten: „Die Lehrer müssen lernen, wirklich auf die Schüler einzugehen.“ Ein Vergleich der Schülerleistungen in Berlin und Bayern sei, „als vergleiche man Äpfel mit Birnen“. Das findet auch Rose-Marie Seggelke: Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin weist darauf hin, dass es dort keine vergleichbare Anhäufung von sozialen Brennpunkten gebe. „Und wir haben die höchste Quote bei Kinderarmut.“ Außerdem würden in Bayern viel weniger Schüler Abitur machen. Sarrazins Kritik sei „sehr kurz gegriffen“: Der Finanzsenator gehöre doch dem Senat an, und der habe sich für eine intensive individuelle Förderung entschieden. „Wenn die SPD der Meinung ist, dass die Integrationsbemühungen zu teuer sind, soll sie das ehrlich sagen.“

Die Pädagogin sieht die Ergebnisse des mittleren Schulabschlusses nicht ausschließlich negativ: „Dass 42 Prozent der Hauptschüler die Prüfung bestanden haben, ist ein gutes Ergebnis.“ Ursache für die Defizite der anderen ist ihrer Meinung nach die mangelnde fachliche Eignung der Mathe- und Deutschlehrer in den Klassen 5 und 6. Oft seien sie nicht in diesen Fächern ausgebildet. Auch für Seggelke liegt die Lösung daher in einer besseren Qualifizierung der Lehrer. Sie erwartet, dass viele durchgefallene Schüler die zehnte Klasse freiwillig wiederholen werden. Das würde aber problematisch, da es für eine solche Zahl von Zehntklässlern nicht genügend Lehrer gebe.

Als „völligen Blödsinn“ bezeichnet Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Sarrazins Kritik am Förderunterricht: „Wir müssen weiter in Richtung Individualität gehen.“ Bei den Zahlen zur Schüler-Lehrer-Relation müsse man berücksichtigen, dass 3000 der 21 000 Berliner Vollzeitlehrer vom Unterricht freigestellt seien – als Schulleiter oder Personalräte.

Safter Çinar ist ebenfalls nicht mit Sarrazins Kritik einverstanden. Der Vorsitzende des türkischen Elternvereins sagt: „Die meisten Länder, die in der Pisa-Studie gut abgeschnitten haben, leisten sich eine individuelle Förderung der Schüler.“ Bildungspolitik sei keine statistische Angelegenheit, sondern solle sich nach dem tatsächlichen Bedarf richten.

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