"Berliner Unterwelten" : Das schwarze Loch von Germania

In einer neuen Ausstellung dokumentiert der Unterwelten-Verein die größenwahnsinnigen Hauptstadtpläne der Nazis. Sie zeigen, wo in Berlin sich hinter harmlosen Gullydeckeln und Türen in Bahnhöfen Tunnel und Bunker verstecken.

Stefan Jacobs
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Ins Leere. Ein Mitglied des Unterwelten-Vereins im nie fertig gebauten Tunnel unter der Straße des 17. Juni. -Foto: ddp

Manche sehen vielleicht einen Kanaldeckel neben dem Weg im Großen Tiergarten, etwa gegenüber dem sowjetischen Ehrenmal. Die meisten sehen nichts. Dietmar Arnold schiebt etwas Laub beiseite und öffnet den Deckel. Eine Leiter führt acht Meter abwärts zu den Spuren der größenwahnsinnigen Nazihauptstadt Germania. Konkret: zum 1938 gebauten Abzweig der Süd-Nord-Achse nach Westen. Durch einen Tunnel sollten die Volksgenossen kreuzungsfrei auf die Ost-West-Achse – die heutige Straße des 17. Juni – Richtung Charlottenburg einbiegen können. Eine leere Röhre mit Linkskurve, 90 Meter lang, elf Meter breit, viereinhalb Meter hoch. Ein Ende unterm Tiergarten, das andere, knietief im Wasser, unter dem Denkmalpanzer. „Neunfaches Echo“, sagt Arnold, er sei mal mit einem Jagdhorn hier unten gewesen. „Die Akustik ist einmalig.“ Das schwarze Loch brummt noch einige Sekunden zur Bestätigung. Dann Stille.

Arnold ist Vorsitzender des Vereins „Berliner Unterwelten“, und der Tunnelrohling ist Teil des „Mythos Germania“. So heißt eine Ausstellung, die die Hobby-Unterweltler in einem Pavillon neben dem Holocaust- Mahnmal zeigen. 25 000 Besucher waren seit März schon da. In den Straßentunnel, fünf Gehminuten entfernt, dürfen sie allerdings nicht.

Doch auch das Modell gibt eine Ahnung von den Germania-Plänen, die speziell rund um die – nie gebaute – große Kuppelhalle auch in die Erde hineinreichten. Zur Museumsnacht am 30. August kommt eine Sonderausstellung namens „NordSüd-S-Bahn – Bau, Zerstörung und Wiederaufbau“ hinzu. Sie zeigt, worüber man rund ums Brandenburger Tor bisher ahnungslos spazierte. Vieles von dem, was um Speers Riesenhalle verbuddelt wurde, ist längst getilgt. Anderes, etwa der Blinddarm des heutigen S-Bahntunnels, soll beim geplanten Bau der S 21 genutzt werden: Ungefähr vor der US-Botschaft werden sich die Züge auf die Trasse einfädeln, auf der zurzeit die S 1, S 2 und S 25 ganz selbstverständlich durch den Untergrund rumoren. Und wieder anderes schläft unter unauffälligen Deckeln.

„Es gibt in Berlin rund 80 ungenutzte Tunnel mit sechs Kilometern Gesamtlänge“, erzählt Arnold auf dem Weg vom Tunnel zur Ausstellung: Erster Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, S-Bahn-Boykott zu Mauerzeiten, nachwendische Vorratsplanung – alles hat Monumente aus Beton im Berliner Untergrund hinterlassen, die kaum jemand kennt. Wer weiß schon, dass hinter einer grünen Tür im Bahnhof Gesundbrunnen ein Bunker ist und an der Pankstraße ein Zivilschutzraum aus den 70ern mit 3500 Betten, Notstromaggregat, Wasserwerk, Geschirr, tausenden Damenbinden. Und 300 Leichensäcken.

Die Unterweltler wollen solche Relikte gern unter Schutz stellen. „Ich finde, da schläft das Landesdenkmalamt ein bisschen“, sagt Arnold, der aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat.

Die Denkmalverwaltung sei keineswegs abgeneigt, sagt Sprecherin Manuela Damianakis: „Wir prüfen das wohlwollend, aber es dauert seine Zeit.“ Für September stellt Arnold schon die nächsten Ausgrabungen in Aussicht: „Im Humboldthain haben wir noch ein paar spannende Sachen entdeckt.“ Stefan Jacobs

Ausstellung: Gertrud-Kolmar-Str. 14, tgl. 11-19 Uhr, Eintritt: 4 / 6 Euro. Infos online: www.berliner-unterwelten.de

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