Berlin : Berliner Unterwelten: Eine Geburt zwischen Betonwänden

Michael Brunner

Zuerst geht es die längste Rolltreppe von Berlin hinab zum Bahnsteig der U-Bahnstation Gesundbrunnen. Dann flink um die Ecke, ein paar Stufen hinauf und schon fällt der Blick auf eine Stahltür mitten in einer grün gekachelten Wand. Dahinter beginnt der Bunker Gesundbrunnen: Zwar keine ganze Stadt, aber immerhin ein Dorf unter der Weddinger Erde. Für 1400 Personen war das Labyrinth von Luftschutzräumen im Zweiten Weltkrieg zugelassen. Aber wenn die Bomber kamen, drängten sich bis zu 4000 Personen unter der 1,20 Meter starken Betondecke. Wie es dabei zuging, will der Verein "Berliner Unterwelten" am Sonnabend ab 19 Uhr demonstrieren. Bei der "Langen Nacht im Bunker" darf sich das Publikum durch halbdunkle Räume tasten, Überreste der Berliner Rohrpost bewundern oder - bei Interesse - am Torfstreutrocken-Klosett mit Reichspatent schnuppern. Sieben Stunden lang soll die Stahltür offen bleiben.

Dietmar Arnold vom Verein weiß zwar nicht alles, aber sehr viel über die Bunker von Berlin. Der 35-jährige Stadtplaner und Historiker beschäftigt sich seit Jahren mit den alten, unterirdischen Bauten, die in den Jahren 1941 und 1942 in den Sand unter Berlin gebaut wurden. "1000 Bunker hat es einmal gegeben. Nur 50 bis 60 sind übrig geblieben", schätzt Arnold, der die meisten Bauwerke gut kennt. "Da ist radioaktives Material drin, bitte nicht dranfassen und den Finger in den Mund stecken", sagt Arnold und zeigt auf die 60 Zentimeter dicke Betonwand eines Schutzraums. Das Geheimnis der laut Gutachten von Schering kaum messbaren Radioaktivität ist schnell gelüftet: Um bei Bedarf das Licht zu löschen, sind die Bunkerwände mit "Leuchtfarbe" gestrichen worden - in den Farbschichten sitzen Millionen Pigmente aus radioaktivem Tritium 33.

Unter dem Bunker rumpeln die Züge der U-Bahnlinie 8 (Wittenau - Hermannstraße) entlang. Das klingt ziemlich bedrohlich. Aber gefährlich ist es nicht. Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG sind sowieso nicht wegzudenken aus dem Bunker. In der untersten Etage lagern noch immer kistenweise alte Baupläne und Urkunden. 30 Jahre lang müssen die Schriftstücke aufbewahrt werden. Früher ging es viel lebendiger zu: Bevor das Bauwerk Bunker wurde, war es Pausen- und Schlafraum für U-Bahn-Fahrer. Doch das ist schon lange her. Im Jahr 1945 sank das Interesse der Berliner an ihren Luftschutzbunkern verständlicherweise bis zum Nullpunkt. So ist es kein Wunder, dass die unterirdischen Bauten in Vergessenheit gerieten. Während der 28-jährigen Teilung der Stadt wurden die Unterwelten sogar zu verbotenen Orten. Denn die DDR ließ ihre Grenze bis tief ins Erdreich sichern: Bunker und Gänge sicherte man mit schweren Gittern.

Im Bunker Gesundbrunnen wurde erst vor zwei Jahren wieder Staub aufgewirbelt. Der Verein "Berliner Unterwelten" übernahm die Immobilie für eine nach Vereinsangaben günstige Miete. Seitdem haben Dietmar Arnold und seine Vereinskameraden insgesamt 6000 Stunden ihrer Freizeit geopfert, um die Luftschutzkeller in einen ständigen Ausstellungsort zu verwandeln. Jeden Sonnabend um 14 Uhr und um 16 Uhr veranstalten sie Führungen. Zu erkennen ist der Bunkereingang am südlichen U-Bahneingang ziemlich leicht: Hinter einem Bauzaun auf dem Gehweg stehen zwei große Betonungetüme. "Ein-Mann-Bunker aus Frohnau", sagt Dietmar Arnold, ohne auch nur die Miene zu verziehen. Trotzdem freut er sich, denn seit einem Jahr steht der Bunker auf der Liste der Berliner Denkmäler. "Das ist schon etwas", sagt Arnold. Dass der Verein die Unterhaltung aus der eigenen Kasse zahlt, verhehlt er aber nicht.

Es sind die Erlebnisse vieler Menschen, die den Blick in den Untergrund so spannend machen. Und es gibt zahlreiche Anekdoten. Zum Beispiel die Geschichte der Frau aus Wedding, die eines Tages erschien. "Ich suche mein Geburtszimmer", sagte die 55-Jährige den Männern vom Bunkerverein. Und tatsächlich: Eine Nachfrage ergab, dass die Frau aus der Nachbarschaft am 22. April 1945 im Bunker Gesundbrunnen geboren worden war. "Meine Mutter hat mich hergeschickt" sagte sie damals zu den Vereinsmitgliedern, während sie sich in dem schmucklosen Zimmer mit den Betonwänden umsah.

Der Verein hat einen Plan. Wenn alles klappt, soll der Bunker in zwei Jahren wie ein Museum aussehen. Erste Spuren gibt es bereits, etwa die Bedienungstafel für das Stellwerk Leinestraße, oder eine Kollektion von Dreistockbetten. Die Dinger sehen zwar ein bisschen rostig aus, könnten im Notfall aber durchaus nützlich sein. Dietmar Arnold klopft ans Bettgestänge. Er hat noch nie in den ehemaligen Schutzräumen übernachtet. Jede Woche bringt er mindestens fünf Stunden unter der Erde zu. "Ich bin auch froh, wenn ich wieder rauskomme", sagt er.

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