• BERLINER VERBRECHEN Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle: Ausgefeilte Beschäftigung

BERLINER VERBRECHEN Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle : Ausgefeilte Beschäftigung

Bevor straffällige Jugendliche vor Gericht stehen, beginnt hinter Gittern der Versuch einer Resozialisierung. Das ist ein Job für Pädagogen und Lehrausbilder

Herr Norbert sieht nicht so aus, als wäre mit ihm gut Kirschen essen. Oder Döner, Datteln, Doughnuts – je nachdem, wo einer herkommt. Herr Norbert hat einen Brustkorb wie ein Pumper, den Kopf kahlrasiert und eine Menge Metall an Händen und Ohren. Aber das Bild verblasst, sobald man ihn fragt, ob es eigentlich auch mal Feedback gibt für all die Arbeit hier. „Doch, gibt’s. Ich hab schon Briefe gekriegt, und ich antworte auch darauf“, sagt er mit leicht rauer Stimme, „einer hat sogar mal aus Amerika angerufen und sich bedankt, dass wir so nett waren.“

Hier – das ist die Malerwerkstatt der Jugend-Untersuchungshaftanstalt Kieferngrund. Der Anrufer war mal Insasse und wurde einer von denen, die doch die Kurve kriegten. Und das hat viel mit der Arbeit zu tun, die hier geleistet wird, mit und an Halbwüchsigen. Sie haben die Regeln der friedlichen Koexistenz mit ihren Mitbürgern gewaltsam und intensiv verletzt. Das heißt: Sie brauchen dringend Nachhilfe in Respekt.

Um den arbeits- und lebenspraktischen Teil dieser Aufgabe kümmert sich seit mehr als 50 Jahren in allen Berliner Justizvollzugsanstalten die „Universal-Stiftung Helmut Ziegner“. Helmut Ziegner (1921-2006), Schauspieler und RIAS-Sprecher, wurde selbst schon 1948 aktiv. Er war eher zufällig auf die entscheidende Frage gestoßen: Was passiert eigentlich, wenn Häftlinge wieder rauskommen? Oder andersrum: was muss passieren, damit sie nicht wieder reinkommen? Sie brauchen Kleidung, Wohnraum und Arbeit oder Ausbildung. Aus Ziegners legendärer Kleider-für-Ex- Knackis-Sammlung mit der Schubkarre auf dem Ku’damm wurde bald ein Netzwerk aus Übergangswohnungen und Handwerksbetrieben. Resozialisation avant la lettre, entstanden als klassisches Graswurzel-Projekt und 1957 institutionalisiert in einer von Land und Arbeitsamt Berlin geförderten Stiftung.

In Kieferngrund unterhält die Organisation drei Handwerksbetriebe mit je zwei Verantwortlichen, die alle eine pädagogische Zusatzausbildung haben. Herr Norbert ist Malergeselle und seit mehr als zehn Jahren hier. Sein Kollege Herr Klaus – Vornamen sind tabu, das sorgt für Distanz –, ist seit 18 Jahren für die Stiftung tätig, hat außerdem noch Tischler, Schweißer, Steinsetzer und Maschinenbauer gelernt und schon in fast allen Berliner Knästen und in der U-Haftvermeidung gearbeitet. Zehn bis fünfzehn Jungs verschaffen sie hier täglich Zugang zu Werkstoffen, Berufsbildern und Sozialität. Von sieben Uhr morgens bis halb zwölf durchgehend und nach Mittagspause und Freistunde noch einmal etwa eine Stunde. Da werden dann auch die Noten besprochen. Schulnoten von Eins bis Sechs für Arbeitseinsatz und Disziplin. Schon für ungeputztes Arbeitsgerät gibt’s eine Fünf in Disziplin.

„Disziplin ist ein Problem“, sagt Herr Norbert, „die sind es nicht gewohnt, auf engem Raum mit andern Nationalitäten vernünftig umzugehen. Das lernen sie hier.“ Wer richtig bockt, den erwartet „HR“ – er muss zurück in seinen Haftraum. Aber meistens geht’s mit Reden. „Wir führen ja auch Sozialgespräche mit ihnen“, erzählt Herr Klaus, und man merkt, da ist er noch engagierter als beim Farbmischen und Schablonenschneiden. „Über die Zukunft, Weiterbildung, über das, was sie persönlich belastet. Die haben ja Probleme vor allem untereinander, und die müssen wir hier lösen.“ Wollen die das denn, diese „bildungsfernen Unterschichtkinder“ mit mehr oder weniger „Migrationshintergrund“, die doch angeblich nur die Sprache der Gewalt verstehen? Ja, sagen beide mit Nachdruck. „Klar gibt’s auch mal Nackenschläge“, Herrn Norberts Stimme wird leise und noch ein bisschen rauer, „wenn das eigene Kind überfallen wird oder man den Keller ausgeräumt kriegt, davon bleiben wir leider auch nicht verschont. Und wenn die Täter dann hier einsitzen ...“ Dann sei da mal kurz „so’n komischet Jefühl“. Herr Klaus nickt, um gleich zu ergänzen: „Aber dann hat man wieder Freude, sonst würden wir das doch nicht machen!“ Freude daran, dass die Jungs stundenlang konzentriert an ihren Bildchen sitzen und sich allmählich öffnen.

„Es ist ein Knochenjob!“, fasst Herr Zadlo halb stöhnend, halb lachend zusammen. „Wenn man nach den acht Stunden nach Hause kommt, weiß man, was man getan hat.“ Herr Zadlo ist einer der beiden Tischler, seit zehn Jahren bei der Ziegner-Stiftung, seit vier Jahren in Kieferngrund und heute allein mit zehn Häftlingen. In der Tischlerei herrscht Höllenlärm. Es wird gesägt, gehämmert, geschliffen und gebrüllt. „Die rufen auch nach Hilfe“, sagt er, „die sind schon fleißig, die wissen den Unterschied, ob man sich die Zeit allein auf Zelle vertreiben muss oder hier sein kann.“ Herr Zadlo spricht ein weiches melodiöses Deutsch mit polnischen Färbung. Wenn er die Werkzeugschränke aufschließt, wird Außenstehenden erst mal angst und bange: Sägen, Feilen, Stemmeisen, Hobel aller Art. Herr Zadlo winkt milde lächelnd ab. „Man gewöhnt sich dran – ist zum Glück noch nie was vorgekommen.“ Glück? Nicht nur. Die Ausbilder haben das unruhige Rudel mit den gefährlichen Werkzeugen jede Sekunde im Blick. Ständige Kontrolle ist anstrengend, vor allem für die Kontrolleure. „Belastet die Psyche, wenn es jeden Augenblick knallen könnte.“ Körperliche Auseinandersetzungen kommen – selten – auch mal vor. Einschreiten dürfen die Ausbilder nicht. Aber sie tragen Funkgeräte, die Werkstätten haben Alarmknöpfe, und die Justizvollzugsbeamten sind nie sehr weit weg.

Außer Holz und Farbe können Insassen in Kieferngrund auch Erde als möglichen späteren Werkstoff kennenlernen. Vor den beiden Werkstätten ist gerade ein gutes halbes Dutzend Jungs im Blaumann und mit Schaufeln bewaffnet zugange. Locker umstellt von Beamten. Garten- und Landschaftsbau ist beliebt in Häftlingskreisen. So kommen sie raus an die frische Luft. Und dem Biotop zwischen den hohen Mauern und dem Kleiderbügelbau in toskanischem Ochsenblutrot tut es gut, bepflanzt und begrünt zu werden. „Wir haben auch einen Gemüsegarten“, sagt Frau Körner, die Leiterin der hiesigen 13 Ziegner-Mitarbeiter, „was da wächst, wird in der Küche auch mitverarbeitet. Da können sie ein bisschen lernen, wie man was anbaut, bewässert...“ Kartoffeln wachsen da, Sellerie, Porree, Bohnen, Zwiebeln, Kürbisse. Für Kids, die Obst und Gemüse „nur gewaschen und in Scheiben geschnitten“ kennen, ist es fast ein Abenteuer, ein Radieschen aus dem Boden zu holen.

Für richtige Ausbildung ist die U-Haft zu kurz. Die Insassen bleiben maximal ein paar Monate, manchmal nur Tage. Das schränkt auch das Feld der Sportpädagogen der Ziegner-Stiftung ein. Dabei wäre gerade richtige Körperarbeit sinnvoll bei den meisten der Teenager, denn „motorisch sind die auf dem Stand von 12-, 13-Jährigen“, sagt Herr Kaufmann, einer der beiden Trainer. Was Fitness und Gewichtsprobleme angeht, ist Kieferngrund dem Augenschein nach auf dem Stand der Bundeswehr. Aber an die Geräte in den Wohngruppen kommt nur, wer Aufschluss hat, also eine hohe Stufe. „Manche machen auch im Haftraum Liegestütze oder legen sich unters Bett und stemmen das hoch“, sagt Herr Kaufmann. Aber der meiste Sport wird draußen getrieben. Fußball ist natürlich am beliebtesten. „Und nach einer Stunde sind die körperlich so beansprucht, dass sie froh sind, wenn Schluss ist!“ Befriedet, weil ausgepowert. „Ich denke schon, dass Sport hier zur Entspannung beiträgt“, sagt Herr Kaufmann. Aber? Kein Aber. Es dürfte nur gern mehr sein. Mehr Geräte, mehr Platz. Eine Geldfrage.

Sinnliche Erfahrungen und Eindrücke vermitteln, die sich hoffentlich festhaken und zünden, wenn der junge Straftäter in der Freiheit beweisen muss, dass er verantwortlich agieren kann. „Interesse wecken“, nennt Frau Körner es pragmatisch, „dass sie ausloten, hab ich vielleicht bestimmte Fähigkeiten?“ Legale, zum Leben in der Gesellschaft brauchbare Talente. Niemand hat ihnen die je abverlangt. Vielleicht haben sie genau deshalb entweder typisch irreale Träume: „Rap-Star werden – das ist das Ideal.“ Oder sie sind „erschreckend realistisch und sagen mit einem resignierten Lachen: ,Ich krieg eh bloß Hartz IV!‘“ Es dauert lange, bis sich etwas in den Köpfen formt, was realisierbar klingt. „Dann wollen viele hier gerade Koch werden.“

Auf dieses Realisierbare setzen alle Ziegner-Leute. Frau Körner zum Beispiel, die außer Sozialpädagogik auch Publizistik und Theaterwissenschaften studiert hat, bringt den nicht mehr schulpflichtigen Älteren Englisch und Deutsch bei. Das ist Teil des E-Learning-Projekts, das von der EU gefördert und von der Uni Bremen wissenschaftlich begleitet und ausgewertet wird. Mit Computern – ohne Internetzugang – lernen hier Jungen, Wissen aufzunehmen und selbstständig zu verarbeiten und zu erweitern. Für Deutsch ist leider die Software untauglich, dass Frontalunterricht nötig ist. Gesprochen wird Deutsch. Grammatik? Egal. Durch den Klassenraum schwirrt das allseits bekannte kehlige Araboturkdeutsch, gesprenkelt mit slawischen, asiatischen, hispanischen und dialektalen Variationen. Nur: Mit schiefem Deutsch kommt man nicht zu einem ordentlichen Schulabschluss. Heute also: Deklinieren. Die zierliche Frau Körner, die nebenbei jedes doppelbödige Kompliment parieren muss, lockt die Klasse auf die Suche nach dem Genitiv. Und fünf Schüler im ständigen Wechsel zwischen Hyperaktivität und Wegdriften werden wortschöpferisch tätig, bieten „Gimminativ“ und „Supplimitiv“ und kichern wie Kinder. Aber dann plötzlich , belehren sie sich gegenseitig im Fach Ernst des Lebens: „Eh, Schule ist das Wichtigste in dein ganzen Leb’n!“ – „Warum, ich kann auch so irgendwas ...“ – „Du brauchs doch Abschluss! Schwarzweiß Papier, sonz bissu nich angesagt hier in Deutschland!“

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