• BERLINER VERBRECHEN Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle: Der plötzliche Horror

BERLINER VERBRECHEN Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle : Der plötzliche Horror

Eine Schulparty endet im Exzess: Jugendliche prügeln einen Vater fast zu Tode Der Mann ist Polizist, der sich in seiner Freizeit für junge Leute engagiert

Den 19. Jänner ging etwas zu Bruch. Die fast datumkorrekte Paraphrase auf den Anfangssatz von Georg Büchners „Lenz“ scheint der zwingende Einstieg in diese Geschichte. Ihr Ort ist ein Gymnasium, das nach dem Dichter benannt ist und in einem stillen Winkel von Berlin liegt, in Lichtenrade. Der gutbürgerliche, friedfertige Mittelstand lebt hier, gern in Häuschen mit Grundstück. Auch viel öffentlicher Dienst, nicht nur im Ruhestand. Westberliner Polizisten zieht es traditionell in die Vororte fern von den Dreckecken, die sie täglich aufräumen helfen.

Es war der 19. Januar 2007, und zu Bruch ging außer den Knochen eines Menschen die Illusion, es gebe eine heile richtige Welt innerhalb der gewalttätigen falschen. Aber hier endet die Parallele. Büchner hat den inneren Zustand eines kranken Individuums erzählt. Die Geschichte hier handelt von den Folgen des kranken inneren Zustands einer Gesellschaft für ihre Individuen.

Es ist ein typischer Tag des letzten Winters, nicht klirrend kalt, früh dunkel. Die 7. bis 10. Klassen der Georg-Büchner-Oberschule (GBO) feiern ihre jährliche Schulparty. „Die älteren haben das ja nicht mehr nötig“, sagt augenzwinkernd Günter Koschmieder, der stellvertretende Schulleiter, „die gehen in die Disko.“ Aber knapp zwei Dutzend Ältere haben den Job der „Security“ übernommen. An der GBO wird oft gefeiert – Weihnachten, Abi, die Verleihung des Georg-Büchner-Schulpreises für besonderes Engagement.

Um sechs Uhr geht’s los. Die Aula füllt sich mit Musik und 300 Schülern, in der Cafeteria haben Eltern die Verpflegung organisiert. „Damit die Kids sich einen schönen Abend machen“, lacht Michael Müller. Sein Sohn geht zur GBO, er ist Elternvertreter und ist an dem Abend fürs Grillen zuständig. Ein Bär, groß und stark und der Typ Beschützer. Ein Seebär ist er wirklich – er segelt. Er macht auch Jiu-Jitsu, hat früher Football gespielt und steht heute noch im Hockeytor.

Die Security hat sich etwas einfallen lassen, um die Regel durchzusetzen: Nur GBO-Schüler dürfen rein, Schulfremde brauchen einen Bürgen von der GBO, der sie mitnimmt. Die GBO ist eine offene Schule, nach innen wie nach außen. Kids anderer Schulen „kommen nachmittags öfter rein, schmeißen Papierkörbe um, randalieren“, sagt Koschmieder. Oder machen in Graffiti-Künstler. Und neuerdings gehört „Party-Breaking“ dazu. Also bauen die Schüler eine Schleuse, an der sie Schülerausweise checken können. Sie spannen Flatterband um die beiden Säulen vor der Außentür und binden damit auch stählerne Gerüstbaustangen fest.

Die Schupos vom Abschnitt 47 genau gegenüber der Schule hatten am frühen Abend auf dem Parkplatz vor dem 60er-Jahre-Flachbau „Präsenz gezeigt“ und kommen öfter vorbei. Zwei Zivilpolizisten sind unsichtbar dabei. Auch Koschmieder, der in seinem Büro über Stundenplänen brütet, geht alle Viertelstunde mal nachschauen. „Da kamen ein paar, ganz lieb eigentlich, die hat keiner mit rein genommen: ,Herr Koschmieder, Sie kennen mich doch, ich bin’n Netter, lassen Sie mich doch rein!‘ Aber wir haben unsere Regeln. Es geht eben nicht.“

Müller hat beim Würstchenwenden vor der Caféteria die Glastür im Blick. Hin und wieder gibt es verbale Scharmützel. „Aber die Schüler selbst haben die gut runtergekocht, erklärt, warum das so ist, und dann war gut.“ Müller kann nicht anders, er muss die Lage im Auge behalten. „Das ist ’ne Jacke, die man immer anhat“, seufzt er, halb amüsiert. Müller ist seit 23 Jahren Polizist, Kriminalhauptkommissar in der Direktion 4, die den ganzen Südwesten umfasst, und seit fünf Jahren arbeitet er in der Dienststelle, die vor allem mit Jugenddelinquenz zu tun hat - Raubdelikte, Jugendgruppengewalt, Landfriedensbruch. Sein Blick scannt alle. „Ist das Klientel, kenne ich die aus dem Dienst? Kennen die mich?“ Bei einigen ist er sicher, dass sie ihn erkennen. Aber das ist okay – auch seine Arbeit besteht zum großen Teil aus Prävention, er macht sie in Zivil, nicht verdeckt. Er hat auch ein großes Herz für Jugendliche, er macht nach Dienstschluss mit ihnen Erlebnispädagogik auf der „Thor Heyerdahl“, einem Dreimaster. Er kann gut mit Jugendlichen, er respektiert sie.

Der richtige Mann am richtigen Platz, scheint es. Aber an diesem Abend schlägt das Schicksal grausam zu. „Wir hatten den Abend gut über die Bühne gebracht, das Grillen war beendet, die Cafeteria klargemacht“, erzählt Müller, „ich hab Mülltüten zum Auto gebracht, und plötzlich hör ich an der Tür irgendwie Stress. Ich dreh mich um und sehe, da schlägt einer in die Ordner.“ Im Reflex rennt er los, gibt sich als Polizist zu erkennen, geht dazwischen und – von diesem Moment an sind seine Erinnerungen nur noch Fragmente, „Bilder ohne Bewegung“. Er weiß nicht mehr, dass er den Schläger packt und nicht mehr loslassen will oder wie er getreten und geschlagen wurde. Von einer wilden Horde Jungen, die eine Stahlstange losgerissen haben und damit auf ihn losgehen. Ein Hieb trifft sein Auge mit voller Wucht. „Das ist so ein Bild, wie dieser Schlag aufs Auge kommt.“ Die ganze Szene dauert nur ein paar Minuten, dann haben Schüler und Erwachsene den gefällten Bären gerettet.

Auch Koschmieder hat nur Erinnerungsfetzen. Das Kommando „alle rein, Türen zu“ weiß er noch. Auch dass er irgendjemanden mit Handy am Ohr gesehen hat, die Polizei rufen. „Ich hab hier an der Tür gestanden und – Panik gekriegt.“ Diese Reaktion bereut er bis heute. Dabei sind in dem Moment einfach zwei Emotionen in ihm aufeinander gekracht: das Hochgefühl über einen geglückten Abend und der plötzliche Horror. Aus dem Chaos von Kopflosigkeit und Starre hat er die grellste Erinnerung. „Der Herr Müller hier innen über einen Tisch gebeugt, schmerzverzerrt, blutend, und sein Sohn, der neben ihm stand und seinen Vater angeguckt und furchtbar geweint hat. Das Bild kriege ich nicht mehr aus dem Kopf.“

Michael Müller blutet aus vielen Kopfwunden, ein Oberarmknochen ist gebrochen, eine Schulter lädiert. Ein halbes Jahr braucht sein Körper, um sich einigermaßen zu erholen, manche Schmerzen und die eingeschränkte Sehkraft dauern bis heute. Er knabbert mit professioneller Hilfe nach und nach den Traumaberg klein, den jener Abend nicht nur in ihm aufgetürmt hat. Und allmählich kann er wieder einiges „über den Sport kompensieren“, so wie er es immer gemacht hat und wie es auch der Junior macht.

Neun Jugendliche werden gleich nach dem Gewaltexzess festgenommen. Fünf davon, 15 bis 18 Jahre alt, kommen vors Jugendgericht wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten Totschlags. Anfang September wird der Jüngste freigesprochen, die vier anderen verurteilt zu zwei bis dreieinhalb Jahren Jugendhaft. Alle stammen aus türkischen und arabischen Familien der – ja: Mittelschicht. Nicht aus notorischen Problemkiezen. Aus Lichtenrade allerdings auch nicht. Sie waren, vermutlich per Handy von jemandem auf der Party animiert, aus anderen Bezirken angereist und hatten dabei schon randaliert. Uniformierte Kapuzenmachos. Unter solchen Typen ist ein Spruch zur Zeit Standard: „Fass misch nisch an, isch bin Araba!“

Weder Müller noch Koschmieder oder die Schülerschaft der GBO gehören zu denen, die solche Typen hassen. Die GBO trägt die begehrte Plakette „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“, und wenn hier „Fröhliche Weihnachten“ in allen Herkunftssprachen der Schüler an der Aula steht, sind Schriften dabei, die Koschmieder noch nie gesehen hat. Gesehen hat er E-Mails, die ihm den Eintritt in die NPD empfahlen, weil er öffentlich das „südländische Aussehen“ der Täter erwähnte. Es ärgert ihn. „Integration funktioniert doch nur so: Lasst uns Regeln für alle anerkennen. Insofern war für die Schüler und auch für mich das Urteil so entscheidend. Das ist ein Signal: Die Gesellschaft nimmt das nicht hin.“

Müller arbeitet wieder. Noch vorsichtig, solange er kann, aber auf seiner Dienststelle, die ihm so am Herzen liegt, weil er da „etwas bewegen“ kann. Für die Opfer und bei den Tätern. „Aus solchen Vorfällen darf nicht nur die reißerische Überschrift werden“, sagt er, immer noch ungläubig, dass vor seinem Krankenbett plötzlich zwei Journalisten gestanden haben. Ihm geht es um jene kranken Stellen, die er täglich erlebt. Jugendgewalt, Desintegration, Verrohung aus Frust und Langeweile wären sehr wohl heilbar. „Was man im Jugendbereich spart, fällt einem später auf die Füße. Ein Knastplatz ist teurer.“ Ganz zu schweigen von dem, was Strafermittlung und -verfolgung kosten. „Das ist ein Moloch. Da müssen wir alle, als Gesellschaft, überlegen: Wo investiere ich mein Geld?“

Büchners „Lenz“ endet mit dem trostlosen Satz: „So lebte er hin.“ In dieser Geschichte tut das niemand. Alle, die es getroffen hat, scheinen glücklich aufgefangen worden zu sein. Die nächste GBO-Party ist in Planung, „vielleicht müssen wir ein paar Mann professionelle Security dazukaufen“, wie Günter Koschmieder prophezeit. Und Michael Müller wird weiter jungen Menschen beizubringen versuchen, dass das Faustrecht abgeschafft ist und man Probleme ohne Gewalt lösen kann. „Ich werd mich doch durch so ein Geschehen nicht aus meinem Ich drängen lassen!“

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