BERLINER VERBRECHEN : Spione am Bauzaun

Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle: Illegale Beschäftigung bleibt ein Problem auf Berliner Baustellen. Der Unternehmerverband setzt Detektive ein, die den Zoll bei der Fahndung unterstützen

Pieke Biermann

Ercin ist ein Mann, den jede seriöse Detektei und auch so manche Polizeieinheit gern in ihren Reihen haben möchte. Ein einfach sympathischer Mann. Durchschnittlich groß, durchschnittlich kräftig, ethnisch schwer zu lokalisieren. Anfang vierzig ist er, geht aber glatt für um die dreißig durch. Basecap, Sportklamotten, passende Körpersprache, fertig. Anderer Griff in den privaten Fundus: Anzug, frisch gebügeltes Oberhemd, Kragenknopf offen, Krawatte nein, gediegenes Schuhwerk ja, und schon steigt ein Typ aus dem Auto und geht zielstrebig auf ein paar herumstehende Bauarbeiter zu, der könnte der Bauherr sein. Oder der Statiker? Architekt? Fragt nach, ob die Rohrleger der Firma Schulz schon da seien. Wieso Schulz? Achselzucken. Na, aus Weißensee. Nee, sagen sie, die Rohrlegerfirma heißt doch Schmidt, die kommt aus Erkner, da hinten, das ist der Firmenwagen. Ein blassblauer Kleintransporter ohne Logo.

Ercin heißt natürlich nicht Ercin, und auf Baustellen herumlaufen und Arbeiter ansprechen tut er auch nur selten. Dabei heißt der Job, den er seit vier Jahren macht, inzwischen genau so: Baustellenläufer. Sein Arbeitgeber ist die Fachgemeinschaft Bau, der Verband der mittelständischen Bauwirtschaft in Berlin und Brandenburg. Zur FG Bau gehören knapp tausend Bau- und Handwerksbetriebe mit etwa zehntausend Beschäftigten. Eins ihrer größten Probleme ist die Schwarzarbeit. „In Berlin haben wir eine Quote von fünfzig Prozent“, zitiert Burkhard Wenkel, seit vierzehn Jahren Hauptgeschäftsführer, die Zahlen, von denen auch das Bundesfinanzministerium ausgeht, „in Brandenburg sind es dreißig Prozent.“

Das Schadensvolumen liegt bundesweit bei jährlich rund 350 Milliarden Euro, 150 davon laufen allein in der Bauwirtschaft auf. Und weil das, was von Staats wegen, nämlich lange Zeit nur von der Arbeitsverwaltung, dagegen getan wurde, „vollständig unzureichend war, sind wir selbst aktiv geworden. Als erster Verband bundesweit!“

Sie haben aus dem Heer arbeitsloser Baufachleute zwei erfahrene Männer ausgesucht und sie – mit einem „Einführungszuschuss“ von der Jobagentur – umgeschult zu „Detektiven am Bau“. Ercin ist der eine der beiden. Gelernter Maurer, zwanzig Jahre in einer großen Firma, gern da gearbeitet, bis hoch zum Vorarbeiter, schließlich Polier. Dann der Horror: Die Firma muss Insolvenz anmelden. Ercin ist über ein Jahr arbeitslos. Der Job bei der FG Bau ist ein Sechser im Lotto. „Macht mir Spaß“, sagt er, parkt den Wagen, der ebenso unauffällig ist wie er, am Straßenrand, lässt die verspiegelte Scheibe auf der Fahrerseite heruntersurren und beobachtet die Szenerie. Er steht vor einer Reihe von eingerüsteten Häusern, einige sind mit Planen verhängt. Ein paar Männer sind auf dem Gerüst zu sehen. „Viele Helme heute, gut!“ stellt Ercin fest. Aber auch viel Zivilkleidung, unsicheres Schuhwerk. Ungeschütztes Arbeiten geht zu Lasten der Unfallkassen. Wenn er das entdeckt, ruft er die Berufsgenossenschaft an. „Wir haben von da auch schon Dank bekommen. ,Sie haben vielleicht Leben gerettet!‘“ Hauptsächlich aber sammelt er Beweise für all die Formen illegaler Beschäftigung, die zu Lasten der Steuer- und Sozialsysteme gehen. Die gehen als „Meldung über einen Verdachtsfall von Schwarzarbeit“ an die ermittelnde Behörde, und das ist seit Januar 2004 die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Zolls. Detailliert recherchierte Dossiers mit Fotos und Skizzen.

Es ist Mittagszeit, er war frühmorgens schon mal hier und wird zum Feierabend noch mal kommen. Er zieht den Pilotenkoffer mit der Ausrüstung in Griffnähe und registriert innerlich die Bildmotive: Die fünf, sechs Männer, die jetzt auf die Rückseite schlendern; er hat sie schon um sieben Uhr fotografiert. Den Bulli ohne Firmenlogo. „Da, auch an den Gerüsten hängt weit und breit kein Firmenschild!“ zeigt er. Welcher normale Unternehmer verzichtet denn auf Werbung? Ercin ist Bau-Profi. Jeder Neubau, jede Sanierung hat Rhythmen und Routinen. In welcher Reihenfolge sind die einzelnen Gewerke dran? Wie lange brauchen sie jeweils? Er kennt das alles im Schlaf. Von der Faustregel: „Alles, was dreckig ist, mit viel Staub, schwere Arbeit, das wird schwarz gemacht“, bis in die kleinen Facetten, bei denen Erfahrung und Instinkt ineinander übergehen. Wer bewegt sich wie? Wer ist da, wer nicht und müsste aber eigentlich? Wie „tickt“ die Baustelle? Die Männer da schlendern ihm zu langsam – warum? „Zeit ist doch Geld! Wer bezahlt die?“

Er holt eine Digitalkamera aus dem Koffer, zoomt den werbefreien Bulli heran und macht Fotos vom Kennzeichen. Dann wendet er, um ihn seitlich ins Bild zu kriegen. Zoom. Klick-klick-klick. Haben sie ihm eine Fotografenausbildung angedeihen lassen? „Hab’ ich mir selber beigebracht. Am Anfang hab’ ich mich ziemlich doof angestellt“, lacht er. „Aber man lernt, und inzwischen kann ich das im Vorbeifahren – wie die Paparazzi.“ Sieht er sich auch so? Als Paparazzo? „Nein! Lieber als Detektiv.“ Als Verräter oder Spitzel jedenfalls fühlt er sich nicht. Er hat zu oft früher „seine“ Baustellen ins Chaos kippen sehen, wenn er als Polier nach Papieren gefragt hat und etliche Leute plötzlich verschwanden. „Ich möchte ehrlich mein Geld verdienen. Schwarzarbeit ist kein Kavaliersdelikt.“

Sie ist vielmehr ein Gewirr aus mehr oder minder schweren Delikten, von Ordnungswidrigkeit (Bußgeld) bis Straftat (hohe Geldstrafe und Haft). Steuerhinterziehung, Betrug und nicht selten, wenn auch eher auf Großbaustellen, Organisierte Kriminalität. Man stellt Minijobber ein, die angeblich nur zwei Stunden arbeiten, beschäftigt sie aber sechs oder acht Stunden, zahlt ihnen den Minilohn über die Bücher und den Rest schwarz. FG-Bau-Chef Burkhard Wenkel nennt das „die kleine Geldwäsche“. Oder man stellt gar keine Arbeiter mehr ein, sondern vergibt Aufträge an Subunternehmer, die wiederum Aufträge an Subunternehmer vergeben, und so weiter, bis die Preis-Leistungsspirale so verzwirbelt ist, dass Zoll und Justiz Jahre brauchen, um sie gerichtsfest zu entwirren. Je höher die Auftragsebene, desto strikter das Prinzip: Nichts schriftlich, bitte!

„Wir treffen auf Baustellen verstärkt ,Einzelunternehmer‘, für Arbeiten, die man gar nicht einzeln machen kann“, erzählt Hivzi Kalayci, Branchensekretär für das Bauhauptgewerbe der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt Berlin-Brandenburg. „So unterläuft man den Mindestlohn!“ Der liegt in Berlin bei gut zwölf, in Brandenburg bei gut neun Euro, weshalb auch auf legalen Berliner Baustellen vergleichsweise wenige Berliner Firmen zu finden sind. So ein „Einzelunternehmer“ ohne jede Tarifbindung und Verhandlungsmacht allerdings, sagt Kalayci, kann froh sein, wenn er auf sechs, sieben Euro kommt. Sozialabgaben? Rentenbeiträge? Wovon denn? Für Wenkel, den Mann von der anderen Tarifpartei, ist Scheinselbstständigkeit die heimliche Rückkehr zur Tagelöhnerei. Das missfällt ihm, auch wenn seine Seite von Mindestlohnhöhen etwas andere Vorstellungen hat als die Gewerkschaften.

Die IG Bau hat seit März 2004 eine bundesweite kostenlose Hotline. Dort gehen pro Woche etwa fünfzig Verdachtsmeldungen ein. Sie werden geprüft und an die Zollfahnder weitergeleitet. Ebenso wie die Beobachtungen, die die eigenen „Baustellenbetreuer“ machen. Denn auch die IG Bau schickt seit 2004 Kollegen los, ehrenamtlich allerdings. „Gestandene Leute, dreißig, vierzig Jahre Erfahrung, die in Rente sind und ein-, zweimal die Woche auf Baustellen mit den Leuten reden.“ Und dort nicht selten angefeindet werden. Von Kollegen, die ihre Gewerkschaft durchaus schätzen, wenn sie Ärger mit dem Boss haben, aber die Moralkeule schwingen, wenn es um illegale Beschäftigung geht. „Dann sind wir plötzlich ausländerfeindlich, dabei macht Nationalität gar keinen Unterschied bei Schwarzarbeit“, stöhnt Kalayci. „Haben sie mir auch schon ins Gesicht gesagt.“ Ihm, der als Kind aus der Türkei nach Berlin kam, Vulkaniseur gelernt und auf dem Bau gearbeitet hat, bevor er den zweiten Bildungsweg einschlug und beim DGB vom ehren- zum hauptamtlichen Gewerkschaftsmann aufstieg. Viel mehr als beobachten und anzeigen können sie nicht, sagt Kalayci. Und versuchen, über die Betriebsräte Einblick in Sub-Verträge zu bekommen.

Die bezahlten Vollzeit-Profis der FG Bau sind da besser dran. Die beiden Berliner haben letztes Jahr Verstärkung für Brandenburg bekommen, je zwei Mann in Neuruppin und Potsdam. „Die haben auch gerade das Fernrohr“, lacht Ercin. „Berlin hat ja nicht so eine Fläche, da braucht man selten ein Digitalfernrohr!“ Ein gutes Zoom reicht. Jede seiner Kameras lässt noch im sechsten, siebten Stock auf dem Gerüst jeden einzelnen Mann erkennen. Ercin steht jetzt auf einem Parkplatz auf der Rückseite der Baustelle. Der Mann da sieht nach Auftraggeber aus. Die vier da hat er auch heute früh schon fotografiert. Auf Zwei-Stunden-Minijob kann von denen jedenfalls keiner machen. Jedes Bild speichert Datum und Uhrzeit. Die Angaben erscheinen auch auf den Dateien, die an den Zoll gehen. Je fünf bis zehn Berliner Baustellen beobachten Ercin und sein Kollege pro Tag, jede einzelne an mindestens drei Tagen. Zwischen 350 und 500 Fälle entdecken sie durchschnittlich pro Jahr, 276 haben sie im letzten Jahr an die FKS geleitet. Was daraus wird, erfahren sie nicht. Der Zoll darf keine Auskunft über Ermittlungen geben. „Aber nach allem, was man so hört“, sagt Burkhard Wenkel zufrieden, „liegt die Trefferquote bei hundert Prozent“.

Ändert sich dadurch etwas auf den Baustellen? Kalayci, der Gewerkschafter, beobachtet, dass Schwarzarbeit „nicht mehr so extrem ist wie vor vier, fünf Jahren“. Dieses Jahr gibt es sogar knapp vierhundert gewerblich Beschäftigte mehr als 2007. Und die ersten Firmen klagen schon über einen Mangel an Baufacharbeitern. Vielleicht müssen Ercin und seine Kollegen bald Beweise sammeln, mit welchen kriminellen Machenschaften sich Baufirmen die Facharbeiter gegenseitig abspenstig machen.

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