Berliner Verkehr : Tram aufs Abstellgleis

Vor 40 Jahren fuhr die letzte Straßenbahn im Westen Berlins. Die Verkehrsplaner wollten damals die autogerechte Stadt - heute bereuen das viele.

Klaus Kurpjuweit
Tram
Oldtimer: Diese Tram fuhr früher auch im Westteil der Stadt. -Foto: dpa

Welch ein Rummel: Die Straßenbahnen waren völlig überfüllt und am Schluss auch ziemlich demoliert. Der BVG war’s egal, denn sie brauchte die Züge nicht mehr. Vor 40 Jahren, am 2. Oktober 1967, hatte sie die letzten Bahnen zwischen Spandau und dem Bahnhof Zoo fahren lassen. Tausende waren bei den Abschiedsfahrten dabei und nahmen sich am Schluss „Souvenirs“ aus den Wagen mit. Im Westteil der Stadt war die Straßenbahn damit verschwunden – zur Freude der damaligen Verkehrsplaner und auch der BVG. Heute erlebt die Tram in Berlin eine Renaissance – aber hauptsächlich im Ostteil. Mit einer Streckenlänge von 191,6 Kilometern hat Berlin das größte Straßenbahnnetz in Deutschland.

1967 war daran im Westen nicht zu denken. Die Straßenbahn störte die Planer, die eine autogerechte Stadt haben wollten. Zudem galten Straßenbahnen als veraltet; fast überall in Deutschland und West-Europa gaben Großstädte ihren Straßenbahnbetrieb auf.

In West-Berlin war dazu nicht einmal ein förmlicher Beschluss des Senats erforderlich. Die Politiker hatten der BVG Anfang der 50er Jahre sogar noch einen Kredit in Höhe von damals zwölf Millionen Mark bewilligt – für den Kauf von 40 neuen Straßenbahnen und 20 Bussen. Der BVG-Beirat entschied 1953 dann aber, keine neuen Straßenbahnen anzuschaffen. Stattdessen erhielt der Verkehrsbetrieb 140 neue Doppeldecker – finanziert aus dem für die Straßenbahn gewährten Kredit. Der Senat stimmte zu. Ohne neue Züge stand die Straßenbahn aber vor dem Ende. Bereits 1954 fanden die letzten Fahrten auf dem Kurfürstendamm statt. Strecke um Strecke wurde in den folgenden Jahren aufgegeben – bis am 2. Oktober 1967 mit der „55“ auch die letzte Linie verschwand.

Die Straßenbahn abzuschaffen sei ein Fehler gewesen, sagte bereits in den 80er Jahren der damalige Verkehrssenator Edmund Wronski (CDU). Die Einsicht war aber zu spät gekommen – bis die Wende in der DDR kam. Ost-Berlin hatte es sich nicht leisten können, das Straßenbahnnetz komplett aufzugeben. Denn an den Bau von U-Bahn-Strecken war auch in der Hauptstadt der DDR jahrelang nicht zu denken. Es fehlte Geld und Material. So wurde zwar die Innenstadt um den Alexanderplatz fast straßenbahnfrei, doch bei den neuen Wohngebieten in Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf mussten neue Straßenbahn-Strecken die S-Bahn und die U-Bahn ergänzen.

Wenige Wochen nach den ersten Löchern in der Mauer hatte der mit Planern aus Ost und West besetzte neue Regionalausschuss vorgeschlagen, die nur noch im Ostteil fahrende Straßenbahn in die Westbezirke zu verlängern. Doch es dauerte sechs Jahre, ehe Straßenbahnen wieder über die frühere Sektorengrenze fuhren; über die Bösebrücke von Prenzlauer Berg zunächst zum Louise-Schröder-Platz und 1997 weiter zum Virchow-Klinikum in Wedding.

Seither kam aber nur 2006 die Verbindung über die Bernauer Straße hinzu, die am Nordbahnhof endet. Frühestens 2011 soll sie über die Invalidenstraße bis zum Hauptbahnhof verlängert werden und damit im Westteil der Stadt enden. Weitere konkrete Projekte zur Rückkehr der Tram in den Westen gibt es derzeit nicht. Pläne, auch im Südosten der Stadt neue Verbindungen zu bauen, sind zurückgestellt. Klaus Kurpjuweit

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