Berliner Verkehr : "Wer das nicht erträgt, muss umziehen"

Facharzt Harald Krüger spricht über die Risiken des Lärms und Hilfe für die Betroffenen.

Herr Krüger, mehr als 340 000 Berliner sind nachts Lärm ausgesetzt. Riskieren sie damit ihre Gesundheit?

Das kann man so sagen, ja. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die längerer lauten Geräuschen ausgesetzt sind, also zum Beispiel in Einflugschneisen wohnen oder an viel befahrenen Straßen, häufiger an Asthma, Migräne oder Depressionen leiden als Menschen aus ruhigen Gegenden. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzrhythmusstörungen werden bei ihnen häufiger diagnostiziert.

Wie lässt sich das erklären?

Lärm bedeutet Stress, schädlicher Stress. Dieser führt unter anderem zu einer vermehrten Ausschüttung von Adrenalin, was sich besonders auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt. Einige Studien sprechen auch von Stoffwechselerkrankungen als Folge von Lärmbelästigung. Da wäre ich jedoch etwas vorsichtig. Diese können auch andere Ursachen haben.

Macht Lärm immer krank?

Eine Gesundheitsbeeinträchtigung hängt vor allem davon ab, wie die Geräusche wahrgenommen werden. Laute Musik, die man gerne hört, kann zwar das Ohr schädigen, ist aber psychologisch weniger schädlich als Musik, die der Nachbar laut hört und die einen nicht schlafen lässt. Auch sind unregelmäßige Geräusche schädlicher als konstante, weil sie die Schlafphasen unterbrechen können. Anders als die Augen können wir unsere Ohren ja nicht einfach schließen.

Wo liegt die kritische Grenze?

Tagsüber drohen gesundheitliche Schäden ab einer Dauerbelastung von 65, nachts schon ab 55 Dezibel. So laut ist ungefähr ein Gespräch. Höhere Geräuschpegel sind jedoch alltäglich. Im Straßenverkehr werden häufig mehr als 70 Dezibel gemessen, Sirenen erreichen gar 120 Dezibel und liegen oberhalb der Schmerzschwelle. Und nicht immer kann man sich gegen Lärm schützen: Ein Busfahrer beispielsweise kann sich ja keine Stöpsel in die Ohren stecken.

Wird die Belastung im Alltag stärker?

Ja. Zum einen nimmt die Motorisierung stetig zu, was zu mehr Verkehrslärm führt. Zum anderen gibt es kaum noch Ruhezonen. Auch in Supermärkten wird man heute permanent akustisch berieselt.

Was raten Sie Betroffenen?

Bei geringeren Belastungen können bereits dämpfende Vorhänge, Schallschutzfenster oder auch ein geeigneter Gehörschutz, zum Beispiel Ohrstöpsel, Erleichterung und Ruhe bringen.

Die Flughafengesellschaft finanziert Anwohnern, die nach dem BBI-Ausbau stärkerem Fluglärm ausgesetzt sein werden, Schallschutzfenster. Sollte die Stadt dergleichen auch für von Verkehrslärm beeinträchtigte Menschen tun?

Beim Flughafenausbau gilt sicher das Verursacherprinzip. Beim Straßenverkehrslärm bin ich da skeptisch – hier wäre eher die Allgemeinheit gefordert. Wenn ich mit dem Verkehrslärm nicht leben kann, muss ich gegebenenfalls umziehen. Wenn ich jedoch den Luxus haben möchte, direkt in einer quirligen Großstadt zu wohnen, und die Vorteile der kurzen Wege nutzen möchte, dann muss meine Toleranz auch so groß sein, die damit verbundenen Nachteile in Kauf zu nehmen. Sonst müsste man am Ende konsequent die Abschaffung der Infrastruktur und dann der Metropolen fordern.

Das Gespräch führte Moritz Honert.

Harald Krüger (56)

ist Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen und Mitarbeiter im Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin.

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