Berliner Verkehrsbetriebe : Das Geheimnis der pünktlichsten Buslinie der Stadt

Die Linie 399 in Kaulsdorf ist auf 98,8 Prozent aller Fahrten pünktlich. Wie ist das möglich? Eine Rundfahrt gibt Aufschluss darüber.

Die Berliner Buslinie 399 ist die pünktlichste Verbindung der Stadt. Darüber freut sich auch Busfahrer Bekir Gülcek.
Die Buslinie 399 ist die pünktlichste Verbindung der Stadt. Darüber freut sich auch Busfahrer Bekir Gülcek.Foto: Hannes Soltau

An Martin Schulz kommt dieser Tage niemand vorbei. Schließlich ist der SPD-Kanzlerkandidat Mister 100 Prozent. Doch direkt dahinter rangiert die Berliner Buslinie 399. Mit sagenhaften 98,8 Prozent pünktlicher Fahrten ist sie der Spitzenreiter im BVG-Tarifgebiet. Ein beachtlicher Wert für eine Stadt mit Dauerbaustellen und einem täglich wiederkehrendem Stau-Kollaps.

Grau in grau liegt Kaulsdorf an einem verregneten Donnerstag da. Aus der Tristesse am S-Bahnhof sticht nur das satte Gelb der BVG-Busse ins Auge. Linie 399 steht startbereit. Der Motor läuft. 15 Minuten, 15 Stationen. Das klingt sportlich. Heute fährt Bekir Gülcek die Runde. Bereits am frühen Morgen hat er mit dem Fahrgeld die ersten Komplimente von Pendlern entgegengenommen. Die Nachricht hat sich herumgesprochen. Von den drei Passagieren die gerade einsteigen, weiß keiner von seinem Glück. „Zu spät war der Bus aber seit Jahren nicht mehr“, sagt eine ältere Dame, die es sich im hinteren Teil des Fahrzeugs bequem gemacht hat.

Wenige Fahrgäste, leere Straßen

Schon geht es flott hinaus auf eine von Eichen gesäumte, gähnend leere Dorfstraße. Alle 500 Meter erscheinen zwischen den mächtigen Stämmen Haltestellenschilder. Weitere Passagiere? Keiner steigt zu. Erst am Briesener Weg wartet eine ältere Dame. Sie grüßt den Fahrer freundlich, man kennt sich schon. Alle fünf Minuten ertönt der Hinweis einer Computerstimme, die Fahrgäste mögen sich bitte festhalten. Kein Wunder. Die erschwerten Fahrbedingungen in Kaulsdorf sind physisch spürbar. Ein Schlagloch reiht sich an das nächste.

An der Haltestelle Wernerbad zeichnen sich schemenhaft Konturen im Wartehäuschen ab. Gülcek bremst. Einsteigen will aber niemand. Es sind Straßenfeger, die sich vor dem Nieselregen in den Unterstand geflüchtet haben. Als an der Tolkmittstraße ein Ehepaar zusteigt, ist der Bus mit sechs Personen gefühlt ausgelastet. Womöglich müssen gleich die Ersten stehen. Doch dann ertönt eine angenehme Melodie. Endhaltestelle.

Der Busfahrer Bekir Gülcek fährt regelmäßig auf der Linie 399. Pünktlichkeit ist für eine Selbstverständlichkeit.
Der Busfahrer Bekir Gülcek fährt regelmäßig auf der Linie 399. Pünktlichkeit ist für ihn eine Selbstverständlichkeit.Foto: Hannes Soltau

Pünktlichkeit als Selbstverständlichkeit

Gülcek hat fünf Minuten Pause. Seit vier Jahren fährt er auf dieser kurzen Linie. Langweilig wird ihm aber nicht. Alle zwei Tage wechselt er die Busroute und kennt alle Tücken des Innenstadtverkehrs. Aber auch in Kaulsdorf gibt es Feinde der Pünktlichkeit: Tempo-30-Zonen, der Kreisverkehr und parkende Autos. Vor allem zu Stoßzeiten könne man dabei wertvolle Minuten verlieren. Das erkläre auch die 1,2 Prozent, die zur vollkommenen Pünktlichkeit fehlten.

Stolz ist Gülcek zwar auf den Spitzenwert der Linie 399. Er mache aber nur seinen Job: Menschen von A nach B zu fahren. Rechtzeitig anzukommen sei da selbstverständlich: „Schließlich zahlen die Fahrgäste dafür.“ Die nächste Runde wird eingeläutet. Diesmal startet der Bus leer. Auch nach fünf Stationen ist kein Fahrgast in Sicht. Nach acht Stationen muss Gülcek sein Gefährt abbremsen. Ein kleiner Monitor neben dem Lenkrad signalisiert: Er ist bereits zwei Minuten vor der geplanten Zeit. Kurz bevor der Bus in der drohenden Nullrunde auf die Zielgerade geht, stehen doch drei Personen an der Grottkauer Straße.

Keine Minute Verspätung

Einer von ihnen ist nicht im Besitz einer BVG-Zeitkarte. „Durch das Abkassieren verliert man 30 Sekunden“, sagt Gülcek. Kurz vor dem Ziel wird seine Rechnung nochmal auf die Probe gestellt. Ein Paketdienst versperrt die Straße. Der Busfahrer gestikuliert wild und blendet auf. Schließlich macht der Transporter Platz. Gülcek lächelt zufrieden. Voller Einsatz für die Fahrgäste, das zeichne die Linie 399 eben aus.

Dann ist auch diese Tour exakt nach Plan beendet. Bekir Gülcek nimmt die Fahrtenliste und trägt die Ankunftszeit ein. Wieder pünktlich. Seit 04.50 Uhr hat er keine Minute Verspätung zu verbuchen. Noch könnte ihm der Berufsverkehr gegen Abend in die Quere kommen. Andernfalls wäre Bekir Gülcek wenigstens für einen Tag ein Mister 100 Prozent.

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