Berlin : Berliner Verkehrsbetriebe: Pfeifkonzert für den abwesenden Wowereit

Sigrid Kneist

Die Rolle des Buhmannes ist an diesem Vormittag klar vergeben. Nur leider ist der Darsteller nicht gekommen. Aber auch seine Abwesenheit ist es wert, mit einem grellen Pfeifkonzert und lauten Pfui-Rufen gewürdigt zu werden. Gemeint ist der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der den Jubiläumsfestakt des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe der Versammlung im Omnibusbetriebshof in der Müllerstraße vorgezogen hat. Ihm, dem Sozialdemokraten, verübeln die BVG-ler seine Überlegungen zu einer Fusion der Berliner Verkehrsbetriebe mit der S-Bahn, bei der sie eine Verschlechterung ihrer Verträge und einen erheblichen Stellenabbau befürchten. Klar, dass die Zusammenlegungspläne zum Thema der außerordentlichen Personalversammlung der BVG werden, zu der der Personalrat im Zeichen des Wahlkampfes die Spitzenkandidaten der im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien oder ihre Vertreter eingeladen hatte. Wenige Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl ist die Berliner BVG so wichtig, dass sogar Frank Bsirske, der Bundesvorsitzende der neuen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, aufs Rednerpodium steigt.

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Die Berliner Spitzenkandidaten
Mit der vom Personalrat kritisierten Abwesenheit Wowereits - "Noch nie zuvor ist ein Regierender Bürgermeister nicht gekommen" - will auch CDU-Spitzenkandidat Frank Steffel bei den "lieben Mitarbeitern unserer BVG" Punkte machen: "Jeder setzt seine Prioritäen. Ich verzichte gerne auf Glanz und Festakte, um hier bei Ihnen zu sein." Nachredner und PDS-Spitzenmann Gregor Gysi bemerkt allerdings später dazu nur süffisant: "Es ist leicht, nicht zu einem Staatsakt zu fahren, zu dem wir beide nicht eingeladen sind." Damit hat Gysi natürlich die Lacher auf seiner Seite. Dennoch kann Steffel in der gut gefüllten Omnibushalle viel Zustimmung auf sich ziehen und mit seinen Antworten auf die Fragen, die Verdi-Chef Bsirske an die Politiker stellt, die Gewerkschafts- und Belegschaftsschaftsseelen zufrieden stellen: Nein, Lohndumping ist mit der CDU nicht zu machen. Drei Vorstandsmitglieder der BVG sind genug, da braucht man nicht noch einen weiteren dazu. Ja, Vertragstreue ist selbstverständlich; der alte Unternehmensvertrag gilt natürlich weiter. "Mit uns gibt es keine betriebsbedingten Kündigungen. Sie konnten sich in den letzten Jahren immer auf Eberhard Diepgen, Sie können sich in den kommenden Jahren auf mich verlassen", schließt der heutige Oppositionspolitiker Steffel. Sein Vorgänger im Amt des Fraktionsvorsitzenden, Klaus Landowsky, hat es jahrelang nicht anders gemacht. Und so ist auch Frank Steffel der Applaus der Belegschaft sicher.

Diesen erhält Vorrednerin Christiane Krajewski (SPD), Finanzsenatorin und als solche Aufsichtsratschefin der BVG, nur, als sie das Ende ihrer Rede ankündigt. Sie nimmt souverän hin, dass sie sozusagen stellvertretend für Wowereit die Prügel einstecken muss. "Das Land Berlin steht ausdrücklich zu seinem Unternehmen BVG", sagt Krajewski. Die Verhandlungen um eine Fusion würden "ergebnisoffen" geführt: "Es ist noch nichts beschlossen." Auch diese Worte können die Skepsis ihrer Zuhörer nicht beseitigen.

Da trifft Gregor Gysi schon eher den richtigen Ton. Eine Fusion mit der S-Bahn lehnt Gysi eindeutig ab: "Die Deutsche Bahn will eine klare Übernahme." Es sei nicht hinzunehmen, dass künftig Entscheidungen über Berliner Buslinien bei der Bahn-Zentrale in Frankfurt fielen. Da zeigt Gysi eine außergewöhnliche Übereinstimmung mit dem CDU-Mann Frank Steffel.

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