DIE GROSSEN PRIVATEN

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Berliner Vermieter : Dein Haus gehört mir
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„Wir bleiben, bis die Mieten sinken“
„Wir bleiben, bis die Mieten sinken“

Dass Berlin immer angesagter wurde, merkte Jörg Schwagenscheidt, als er in den letzten Jahren um die halbe Welt flog und an jedem Flughafen irgendwelche Lifestylemagazine in die Hände bekam, die vom wilden Leben in Berlin berichteten. Jetzt sitzt Schwagenscheidt, Vorstand des Immobilienkonzerns GSW, in einer achten Etage an der Rudi-Dutschke-Straße und blickt über die Stadt. Links der Checkpoint Charlie, rechts das Springer-Hochhaus, geradeaus der Blick auf den Fernsehturm am Alex.

Früher war die GSW ein städtisches Wohnungsbauunternehmen mit einem hohen Anteil an öffentlich geförderten Wohnungen. Dann kam das Jahr 2004 und die GSW wurde verkauft. An einen Hund. Kein kleiner Pinscher erhielt den Zuschlag für das ehemals landeseigene Unternehmen, sondern unter anderem ein Investor mit dem Namen Cerberus – ein Höllenhund mit mehreren Köpfen, ein Türstehermonster aus der griechischen Mythologie, das die Verdammten daran hindert, die Hölle zu verlassen. Kein guter Name, um als netter Vermieter durchzugehen. Das weiß auch Schwagenscheidt, zumal der Verkauf an Cerberus zeitgleich „zum Aufkommen der Heuschrecken-Debatte“ erfolgte.

Und irgendwie scheint auch alles ins Bild zu passen: Seit letztem Jahr ist das Unternehmen börsennotiert, mit knapp 60 000 Wohnungen ist es der größte private Akteur am Berliner Wohnungsmarkt – und spielt bei Geschichten aus Berlins Mieterhölle oft eine Hauptrolle. Zum Beispiel am Kottbusser Tor, wo Anwohner seit mehr als sieben Monaten ein Protestcamp betreiben, weil sie die steigenden Mieten von GSW und Hermes-Hausverwaltung nicht mehr bezahlen können. In den einst mit öffentlichen Geldern gebauten Wohnungen der GSW sind nach dem Auslaufen der Förderung Kaltmieten von 13 Euro pro Quadratmeter keine Seltenheit mehr, klagen die Aktivisten. Wer dann noch arbeitslos und bei den Mieten auf die Kostenübernahme durch das Jobcenter angewiesen ist, hat hier schlechte Karten.

So müssen immer mehr Menschen Kreuzberg verlassen. Zwangsumzüge, veranlasst vom Jobcenter. „Das kann ich nicht nachvollziehen, weil hier die Schwächsten der Gesellschaft aus ihrem Lebensumfeld gerissen werden“, sagt Schwagenscheidt, der für viele doch eigentlich der Schuldige dafür ist. Natürlich gebe es schwarze Schafe in der Immobilienbranche, sagt er jetzt. Aber nach seinem Gefühl sei fraglich, ob nicht tatsächlich vor allem die Jobcenter für die Zwangsumzüge verantwortlich seien, die dazu führen, dass immer mehr arme Menschen aus dem Zentrum an den Stadtrand gedrängt werden.

Wer bei der GSW wohnt und die Miete nicht mehr zahlen kann, hat daher vor allem zwei Möglichkeiten. Er bittet um Mietnachlässe. In 17 Prozent aller Fälle sei das erfolgreich, teilt das Unternehmen mit. Die andere Möglichkeit: Der Mieter spart an den Nebenkosten, Heizung und Energieverbrauch. Mit Aufklärungskampagnen will das Unternehmen seine Mieter sensibilisieren. „Wir haben teilweise in baugleichen Wohnungen mit derselben Bewohnerzahl Nebenkostenunterschiede von bis zu 300 Prozent“, sagt Schwagenscheidt. Pech dürfte derjenige haben, der schon sparsam ist und keinen Mietnachlass bekommt. Für ihn bleibt Möglichkeit Nummer drei: der Auszug.

Auf dem Markt der Wohnungssuchenden konkurriert er dann auch mit denjenigen, die neu nach Berlin kommen. In den letzten drei Jahren sind etwa 70 000 Menschen in die Stadt gezogen, Neubaugenehmigungen wurden in diesem Jahr jedoch nur knapp 6000 erteilt. So steigt der Druck auf die bestehenden Wohnungen. Man könnte auch sagen, Vermieter haben einen immer stärkeren Anreiz, die Mieten zu erhöhen. Und folgen ihm – wie es scheint – zwangsläufig.

Aber was wäre, wenn die GSW ihren Mietern in den Wohnungen mit auslaufender Förderung die Mietsteigerungen tatsächlich einfach erließe? Wenn sie die sozialen Härten, die dort entstehen, wo Marktgesetze ganz unmittelbar Menschenleben verändern, auf eigene Kosten abfedern würde? Sie würde auf Geld verzichten. Bei einem Unternehmen, das an der Börse gehandelt wird, ist das eine schlechte Idee, wenigstens aus Sicht der Aktionäre. Vielleicht kann man daher sagen, dass es von vornherein eine schlechte Idee des rot–roten Senats war, ein städtisches Wohnungsunternehmen zu privatisieren. Schwagenscheidt sieht das naturgemäß anders. Immerhin gehe es bei der GSW als börsennotiertem Unternehmen so transparent zu wie bei kaum einem anderen Vermieter. „Über der GSW schwebt immer eine Lupe.“

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