Berlin : Berliner Vermieter verdienten am Krieg

REGINA MÖNCH

Sozialämter zahlten Spitzenmieten für Flüchtlinge VON REGINA MÖNCH

Berlin.Am Krieg in Bosnien haben sich viele Berliner Vermieter eine goldene Nase verdient.Dies meint Berlins Ausländerbeauftragte Barbara John.Tausende der Flüchtlinge nämlich leben in Unterkünften privater Vermieter, in denen die Plätze viel teurer sind als in Wohnheimen - jeder Flüchtling bringt zwischen 30 und 40 Mark pro Tag.Für eine (von 18 kleinen Flüchtlingswohnungen) streicht deshalb ein Weddinger Hausbesitzer seit Jahren zwischen 3700 und 4500 Mark monatlich ein.Tun muß er dafür nichts - nur die Kontonummer beim für seine Mieter zuständigen Sozialamt melden. Es geht auch anders: Etwa 12.000 bosnische Kriegsflüchtlinge sind in Berliner Wohnheimen untergebracht, die das Landesamt für Soziale Aufgaben kontrolliert.Etwa 4,32 Millionen Mark erhalten die Heime dafür jährlich.8000 leben in Wohnungen und zahlen ortsübliche Mieten, die oft nur ein Drittel der Heimkosten betragen. Beispiel Wedding: Die bosnischen Mieter des schmucken Wohnhauses in der Lindower Straße halten sich für Glückspilze.Jeder kann die Tür hinter sich zumachen und ist dann ganz privat.In diesem Wohnhaus nahe der Müllerstraße hat jede Flüchtlingsfamilie mit Kindern eine eigene Küche und ein eigenes Bad.Von außen und im Treppenhaus sieht das Haus wie die in der Nachbarschaft aus, nur die Tünche ist hier frischer.Bei den Sozialämtern in Hohenschönhausen und Steglitz aber wird es als "Pension" geführt. Die Geschichte kam zufällig ans Licht: Zlatko K., sollte mit seiner Frau und den beiden Kindern in eine "Sammelunterkunft" eingewiesen werden.Das Sozialamt in Hohenschönhausen fand die Weddinger Wohnung nach drei Jahren zu teuer.An den Besitzer flossen bis dahin nur für Familie K.etwa 130 000 Mark.Die alte Frau im Parterre, eine Deutsche, bringt da weniger aufs Besitzer-Konto: Sie zahlt für ihre drei Zimmer warm 800 Mark im Monat.Familie K.also sollte in ein billigeres Heim.Der Besitzer ging auf von 30 auf 25 Mark pro Kopf und Tag herunter, das Heim würde aber das Sozialamt nur 22 Mark kosten.K.war verzweifelt, denn er hat sich etliche Möbel schenken lassen - deutscher Sperrmüll, ein Vermögen für den Neuanfang in Bosnien.Die Familie K.will im März, nach dem Winter, zurück und das zerschossene Haus in Bosnien wieder aufbauen.K.bat Barbara John um Unterstützung: er wolle die Möbel behalten, könne sie aber im nächsten Heim nicht unterbringen. Barbara John informierte am Mittwoch das Bezirksamt.Sozialstadtrat Michael Szulczewski (CDU) hatte bereits eine Einzelfallprüfung angeordnet.Unzumutbar sei der Umzug für die Familie so kurz vor der Rückkehr und für das Amt zu teuer, sagte er dem Tagesspiegel."Warum um dieser Aufwand für die Flüchtlingsunterbringung", fragt sich trotzdem Babara John, "warum fällt das jetzt erst auf? Das wird kein Einzelfall sein." Sie vermutet eher, daß sich viele Vermieter auch in Berlin an diesem Krieg eine goldene Nase verdient haben.Nach der Rückkehr der Kriegsflüchtlinge werde es wohl in dieser Stadt einige Millionäre mehr geben.Es sei an der Zeit, diese Zustände zu ändern. Doch Nachfragen in Wedding ergeben, daß alles - leider - seine Ordnung hat.Der Besitzer des Hauses könne sich darauf berufen, sagt Hermann Heil, Chef des Wohnungsamtes, daß sein Haus in einem "beschränkten Arbeitsgebiet" steht.Das war einst so gedacht: Vorn wurde gewohnt, hinten gearbeitet.Nun wird fast ausschließlich "gearbeitet", sofern man das Unterbringen von Flüchtlingen als Arbeit bezeichnen will.Der an chronischer Wohnungsnot leidende Bezirk bedauert dies, kann es aber nicht ändern.Der Besitzer könne sich auch auf "Bestandsschutz" berufen, sagt Heil. Hohenschönhausen stimmte vor drei Jahren dem Einzug der Familie K.gern zu.Damals fehlten Flüchtlingsunterkünfte, und mit 120 Mark pro Tag für eine ganze Familie lag der hilfreiche Privatmann aus Steglitz weit unter den üblichen Geboten von bis zu Hundert Mark pro Nacht und Flüchtling.Das Landesamt für Soziale Aufgaben (LaSoz) übernahm 1994 die Koordinierung, senkte die Tagessätze auf durchschnittlich 25 Mark in ihren Heimen.Die müssen davon - im Gegensatz zu den Privaten - auch Wachschutz, Sozialarbeiter und und einen Heimleiter finanzieren.Doch zu welchen Preisen Flüchtlinge anderswo untergebracht werden, ist allein Sache der Bezirke.

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