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Berliner Wahlkampfabschluss : Reden ist Gold, Schweigen undenkbar
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GRÜNE

Winfried Kretschmann glaubt an Wunder: „Was wäre Politik ohne Wunder. Es geschehen immer Dinge, die niemand erwartet hätte, wie einen grünen Ministerpräsidenten.“ Der Grünen-Politiker aus Baden-Württemberg lobte am Freitagabend auf dem Schöneberger Winterfeldtplatz seine Parteifreundin Renate Künast. Sie sei die „richtige Kandidatin, die ein fulminantes Ergebnis einfahren wird. Das ist sicher“, sagte „Kretsch“ vor etwa 300 Zuhörern, darunter Basis-Mitglieder und Spitzenpolitiker wie Jürgen Trittin, Claudia Roth und Volker Beck. So einen Wahlkampf hatten die Berliner Grünen noch nie geführt: Er war von Anfang an einer Person auf den Leib geschneidert: Spitzenkandidatin Renate Künast. Doch die zunächst hohen Umfragewerte konnten weder Künast noch die Partei halten. Es war ein Wahlkampf, in dem die Grünen ihre Schwerpunkte auf Bildung, Arbeit, Klima legten. „Es war der längste Wahlkampf an einem Stück. Ich bin der Überzeugung, dass wir ein Berliner Rekordergebnis kriegen. Und dann wollen wir verhandeln für Berlin“, sagte Künast. Die Grünen würden nicht einfach den „Part der Linken übernehmen. Wo grün draufsteht, muss auch grüne Politik drin sein.“ Berlin wolle das Labor seiner eigenen Zukunft sein. „Und das geht nur mit einer grünen Beteiligung.“ Sie wiederholte das Nein zur Verlängerung der A 100 als grundlegende Bedingung für Rot-Grün. Bis Sonntag solle sich die SPD erklären. Parteichefin Roth sandte einen Gruß zu „Sigi“ Gabriel und „Wowi“ zum Potsdamer Platz, wo die SPD die „70er Jahre der guten Zeiten der Sozialdemokratie mit Karat feiern“. Die Renate habe gezeigt, wo der Schuh in Berlin drücke. Und der Ausbau der A 100 wäre ein „betonierter Stinkefinger“. Richtig überzeugend fand das Publikum dieses Bild nicht. Es gab höflichen Applaus. sib

LINKE

Sie habe kein schlechtes Gefühl, aber vor Prognosen hüte sie sich, sagt Carola Bluhm, während sie am Freitagnachmittag zwischen reichlich 200 zumeist älteren Leuten vor der Linken-Bühne auf dem Schlossplatz Köpenick steht. Die Sozialsenatorin erinnert sich noch an den Schreck beim Absturz ihrer Partei 2006. Vielleicht denkt sie aber auch an Bundeschefin Gesine Lötzsch, die ein paar Meter weiter steht und mit fragwürdigen Äußerungen zu Mauerbau und einem Glückwunsch an Fidel Castro ihren Berliner Parteifreunden den Wahlkampf erschwert hat. Auf der Bühne singt Wirtschaftssenator und Spitzenkandidat Harald Wolf das Hohelied der Gemeinschaftsschule, preist den öffentlichen Beschäftigungssektor als faire Alternative zu Ein-Euro-Jobs und warnt, dass Klaus Wowereit nicht mehr derselbe sein werde wie bisher, wenn die SPD nicht mehr mit den Linken, sondern mit CDU oder Grünen regiere. Schließlich dankt er „den Aktivistinnen und Aktivisten“, die Plakate der NPD überpinselt oder anderweitig entschärft haben.

Vier Mal war vorher ein altes Wohnmobil mit Reklame für die rechtsradikale Partei vorbeigerollt. Vom Beifahrersitz aus fotografierte Parteichef Udo Voigt mit einer Digitalkamera aus asiatischer Produktion die Versammlung. Die NPD-Zentrale ist der politische Schandfleck von Köpenick, doch inhaltlich arbeiten sich die Linken hier eher an der SPD ab, die seit der Wende im Bezirk regiert.

Die Ausdauer der Zuhörer wird mit einem Auftritt von Gregor Gysi belohnt, der lang und kurzweilig über Flugrouten, Bankenskandal und die Weltherrschaft der Finanzmärkte spricht. Als die Sonne sich schon rot färbt, ist Gysi gerade in Griechenland. Viele Leute schauen jetzt freundlicher als zuvor, manche nicken unbewusst. Gysi funktioniert immer. obs

PIRATEN-PARTEI

Keine Reden, keine Versprechen, dafür Sternburg-Bier aus der Plastiktüte und kalte Buletten. Die Piratenpartei traf sich am Freitagnachmittag im Treptower Park. Nur ein normales Picknick sollte es sein, sagt die suchtpolitische Sprecherin Heide Haagen. Auf dem Rasen liegt eine Decke, daneben stecken Fackeln. Mikulas Ferjenuk, zweiter Chef der tschechischen Piraten, spielt Akkordeon. Über eine Stunde nach dem angekündigten Termin sind es etwas mehr als ein Dutzend Piraten. Die anderen würden noch Wahlkampf machen, heißt es. Manche wundern sich über die guten Umfrageergebnisse. Irgendwann kommt Spitzenkandidat Andreas Baum mit dem Floß angeschippert. „Wir werden über fünf Prozent kommen“, sagt Baum, die Stimmung sei gut. Die Piraten haben 15 Kandidaten auf der Landesliste. Was, wenn sie mehr Mandate gewinnen würden? Dieser Fall ist unwahrscheinlich, aber denkbar. Zum Vergleich: Die FDP hatte 2006 mit 7,6 Prozent 13 Mandate. Die zusätzlichen Plätze blieben dann laut Landeswahlgesetz unbesetzt. Ausgerechnet Junge Liberale besuchen mit zwei Booten die Piraten. „Schulden stoppen, Piraten entern“, steht auf Plakaten. Die Piraten kontern mit Häme. Die Wasserschutzpolizei beendet den kleinen Protest. Friedlich wollen die Piraten im Anschluss weiterschippern zur Oberbaumbrücke. Und am Sonntag ins Parlament. sib/spa

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