Tag 1 - Der Wald und lauter Bäume

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Berliner Wald : Lichtung und Wahrheit
Karl Grünberg
Herrscher des Waldes. Andreas Constien, Leiter der Revierförsterei Dachsberg.
Herrscher des Waldes. Andreas Constien, Leiter der Revierförsterei Dachsberg.Foto: Thilo Rückeis

Das Reh mit dem gebrochenen Blick hängt an einem eisernen Haken. Die Spitze durchstößt das Weiche zwischen den Unterkiefern. Der Bauch ist von oben nach unten aufgeschlitzt und das hellrote Fleisch blitzt zwischen den Rippen. Der Magen, die Leber, die Galle liegen in einem Plastikeimer daneben. Schlachtfest in Zehlendorf, Försterei Dachsberg, mein erster Waldtag.

Armes Reh. Wie es da baumelt.

Gestern noch durfte es springen, mit seinen Freunden um die Wette rennen, und heute wurde es einfach abgeknallt.

„Haben Sie das geschossen?“, frage ich Andreas Constien. Ich versuche, neutral zu klingen. Doch der Förster durchschaut mich. Er kennt die Städter, die Fleisch klinisch abgepackt an der Theke kaufen und von nichts eine Ahnung haben. „Was glauben Sie, warum stößt Sie das ab?“, fragt er und fixiert mich. Weil es abscheulich ist, denke ich. Doch ich sage: „Weil ich es nicht gewohnt bin.“ „G-e-n-a-u“, dabei betont er jeden einzelnen Buchstaben. „Weil Sie es nicht gewohnt sind, verurteilen Sie die Jagd“, sagt er.

Wildschweine zum Beispiel, tolle Tiere, Förster Constien mag sie. Doch in seinem Revier sind es mehr als 120. Sie reißen alles auf, fressen alles an, das ist zu viel für seinen Wald, sagt er. „Ich stelle das Gleichgewicht wieder her.“ Dafür klettert er abends auf einen Baum, hängt sich mit einem mobilen Sitz an den Stamm, das Gewehr in der Hand, und wartet. Die Fledermäuse, die Käuze, sie ziehen unter ihm vorbei, späte Spaziergänger flanieren – und merken nicht, dass ein Förster im Baum hängt. Dann kommen die Wildschweine. Schnüffeln, Quieken, Grunzen. Dann: „Ein Schuss. Wie aus dem Nichts. Ein Loch und vorbei. Das Schlachthaus ist brutaler, die Natur auch."

Constien packt dem aufgeschlitzten Reh an die Kehle. „Da würde ein Wolf rangehen, das Reh wäre völlig zerfetzt.“ Constien packt den Nacken, „hier würde ein Luchs rangehen“. Der Wolf hetzt. Der Luchs lauert. Constien mag das: Geschichten erzählen. Auf die Folter spannen. „Ja“, sagt er und wird leiser, bis er flüstert: „Und der Mensch, der Mensch kommt mit dem Auto.“ Angefahren, nicht abgeschossen, wie ich gedacht habe. „Das arme Rehböckchen.“ Vorne auf dem Königsweg. Mitten in der Nacht. Constien hat Bereitschaft. Wenn es wieder ein Tier in seinem Revier erwischt, klingelt bei ihm das Telefon, er muss raus, es bergen.

Ein Bestimmer mit Dienstausweis, ein kleiner Herrscher des Waldes

Andreas Constien, 62, ist seit fast 30 Jahren Bestimmer über Baum und Wildschwein rund um Schlachtensee, Grunewaldsee und Krumme Lanke. Ein Bestimmer mit Dienstausweis, ein kleiner Herrscher des Waldes. „Wissen Sie, dass der Förster Polizeigewalt hat und Festnahmen machen kann?“ Constien hält seinen Försterausweis hoch. Stolz sieht er aus, wie er das macht.

Aber was soll in einem Stadtwald schon gefährlich sein? Constien schaut mich an. Dieser Städter, von nichts eine Ahnung. Er legt los, springt von einer Geschichte zur nächsten. Die illegale Waffenübergabe, die er gefilmt hat. Einschusslöcher auf einem Waldschild, von einer Maschinenpistole, wie er vermutet. Jugendliche, die mit Schreckschuss-Munition rumballern. Bauschrott, einfach ausgekippt – die Typen hat er rangekriegt. Hundebesitzer, aggressiv, unverschämt. Der große Hundekrieg um den Schlachtensee, den er und die Berliner Behörden erst mal gewonnen haben. Von einer Wildschweinattacke auf einen Wanderer, der danach halb verblutet am Wegesrand liegt.

Und Constien erzählt von zwei Toten, die er gefunden hat. Einen im See. Das war vor einem Jahr. Den anderen im Wald. In einem Zelt. Das war Konrad Seeger, der Waldmann. Einer, der es in der Stadt, zwischen den Menschen und Häusern nicht ausgehalten hat. Constien hatte ihn entdeckt und trotzdem jahrelang dort leben lassen. Auch wenn es gegen das Gesetz war. Auch wenn Vorgesetzte wollten, dass der Waldmann wegkommt. „Jeden anderen hätte ich fortgejagt. Doch ihn nicht. Der Mann hatte etwas, das habe ich geachtet“, sagt er. Jede Ecke hier hat Geschichte. Das alte Jagdschloss am Grunewaldsee. Die Asphaltstraße, auf denen die Panzer der Amerikaner von der Kaserne zum Übungsplatz gefahren sind, damals, als der Berliner Westen noch eingesperrt war.

Baumstadt Berlin: Grunewald ist der Wald des Jahres 2015
Der Grunewald darf sich Waldgebiet des Jahres 2015 nennen. In dem Wald gelinge es besonders gut, die hohe Besucherzahl von bis zu 100 Millionen Waldspaziergängern pro Jahr mit Naturschutz und Forstnutzung in Einklang zu bringen, begründete der Bund Deutscher Forstleute (BDF) seine Wahl.Weitere Bilder anzeigen
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21.03.2015 13:44Der Grunewald darf sich Waldgebiet des Jahres 2015 nennen. In dem Wald gelinge es besonders gut, die hohe Besucherzahl von bis zu...

Constien rast von Baum zu Baum, zeigt hierhin, zeigt dorthin, nach unten, oben, links, rechts. Er rennt vorne weg, ich keuche hinterher. Constien kommentiert, lacht und flucht über die Wildschweine: „Das Pack!“ Im nächsten Moment holt er sein Handy raus und zeigt ein Bild, wie er einen Frischling im Arm hält.

Prachtvolle Uniformen tragen Förster nicht mehr. Heute sehen sie eher aus wie eine grüne Mischung aus Polizei und Ordnungsamt. Doch Constien wird sogar in Zivil erkannt. Immer wieder grüßt er Jogger, Radfahrer und Hundeausführer, Familien und verliebte Pärchen. Ein Strom an Gesichtern, wie auf einer Einkaufsmeile. 100 Millionen Besucher pro Jahr hat der Grunewald laut Forstamt. Und dann ist der Grunewald vom Bund Deutscher Forstleute auch noch zum Waldgebiet des Jahres 2015 erklärt worden. Auf dem Hauptweg ist so viel los, dass ein Eichhörnchen erst nach links, dann nach rechts schaut, alles frei, jetzt hüpft es hinüber und verschwindet im nächsten Baum.

"Ich bestimme, ich gestalte. Ich bin ein Walddesigner"

„Sehen Sie die Verjüngung, die Durchmischung“, ruft Constien. Ich sehe Bäume. Manche haben glatte Haut. Andere haben Furchen. Sind dick, dünn, groß, klein, mit Nadeln, mit Blättern. „Früher war hier C-h-a-o-s. Ein Dschungel. Alles voll mit dieser Traubenkirsche, diesem Parasiten. Dann kam der Constien und hat d-u-r-c-h-g-e- f-o-r-s-t-e-t.“ Also gezielt Bäume gefällt, damit andere Platz zum Wachsen haben.

Die Bäume, bringen Geld. Als Brennholz, für Möbel, zum Bauen, als Futter für Energiekraftwerke. Deswegen heißt es auch Forstwirtschaft. 2013 arbeiteten 1,1 Millionen Menschen in Deutschland im Bereich „Forst und Holz“. Der Berliner Wald ist aber in erster Linie Erholungswald, auch wenn Bäume gefällt und verkauft werden.

Constien rennt weiter. „Die Kiefer da lasse ich noch mal 100 Jahre alt werden.“ „Die da muss weg, die ist ein Bedränger, die nimmt den anderen das Licht.“ „Da hinten lasse ich einen Buchenwald entstehen.“ „Der tote Baum bleibt für die Insekten.“ „Hier habe ich nach der Wende 50 Tannen hingestellt, als grüne Punkte im Winter.“ „Den Weg hier habe ich angelegt.“ Andreas Constien bleibt stehen. Endlich. „Das ist doch verrückt. Ich hinterlasse Spuren für die nächsten 100 Jahre. Ich bestimme, ich gestalte. Ich bin ein Walddesigner.“

Jagdbeute? Dieses Reh wurde tatsächlich überfahren.
Jagdbeute? Dieses Reh wurde tatsächlich überfahren.Foto: Thilo Rückeis

Und ich? Mit Constien komme ich so gar nicht zur Ruhe. Dafür lerne ich, den Wald zu lesen. Erkenne die Bäume. Sehe die abgeschnittenen Stämme. Eine der Kiefern hat eine große, ausufernde Krone. Sie hat Licht bekommen, ist schön gewachsen und dick geworden, weil Constien die Lichtwegnehmer und Wasserklauer drumherum abgeschnitten hat. Andere Kiefern stehen dicht an dicht, deswegen sind sie dünn und schnell nach oben gewachsen. Im Wald tobt ein Kampf um Ressourcen, die Pflanzen schenken sich nichts. Der Stärkere gewinnt, wer nichts abbekommt, kränkelt und stirbt.

Und ich lerne noch etwas vom Förster Constien: Am Berliner Wald ist nichts echt. Alles angelegt, alles geplant. Kein Baum wächst ohne Erlaubnis. Vor dem Krieg wurde gerodet, für die wahnsinnigen Eroberungspläne. Nach dem Krieg wurde auch gerodet, für die Alliierten als Reparation. Aber auch für die Öfen der frierenden Berliner. Für den Wiederaufbau. Der Berliner Wald verwandelte sich in eine Mondlandschaft. Deswegen mussten die Berliner Frauen nachpflanzen. Millionen Bäume, dicht an dicht, Reihe nach Reihe, der Pionierbaum Kiefer brachte den Wald zurück. Heute gestalten die Förster die so entstandene Monokultur wieder zu einem Mischwald um: Eiche, Buche, Birke, Linde, und eben die Kiefer. Weil es schöner aussieht und natürlicher ist. Außerdem halten die Laubbäume das Regenwasser besser im Boden, es verdunstet nicht so schnell wie bei den Nadelbäumen. Das wiederum ist einer der Effekte, die helfen sollen, den Berliner Wald auf den erwarteten Klimawandel einzustellen.

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