Berliner Walzer : Ein Spaziergang mit Daniel Hope durch die City West

Beim Schlendern durch Berlin verleiht der südafrikanisch-britische Geiger jedem Gesprächsthema eine persönliche Note. Heute lädt er zum Benefizkonzert in Dahlem.

Das Kaffeehaus Grosz ist dem Musiker Daniel Hope zu einer Art Heimat geworden.
Das Kaffeehaus Grosz ist dem Musiker Daniel Hope zu einer Art Heimat geworden.Foto: Agnieszka Budek

Die Sonne wärmt nicht mehr. Immerhin, sie verschönert die letzten Blätter des Jahres, die Fassaden leuchten, auch die des Literaturhauses in der Fasanenstraße. Eine Straße, die in Daniel Hope immer wieder aufs Neue eine Saite zum Schwingen bringt: „So viel Berliner Geschichte ist hier konzentriert, einfach fantastisch“, schwärmt der Geiger.

Und zählt auf: Kollwitz-Museum, Villa Grisebach, Delphi, Hotel Savoy, Jüdisches Gemeindehaus. Auch das Kempinski liegt in der Fasanenstraße, wo sein Mentor und großväterlicher Freund Yehudi Menuhin quasi gewohnt hat und 1999 gestorben ist. Und natürlich das Literaturhaus, das in den 70er Jahren ein Bordell war und eine Disco – „und zwar gleichzeitig“.

Hope weiß so was. Als Musiker ist er ein hellwacher Geist, der seine Umgebung genau registriert und alles aufsaugt, was es über sie zu wissen gibt. Eine Fähigkeit, die man wohl automatisch lernt, wenn man in so vielen Städten gelebt hat wie er: Durban/Südafrika, wo er geboren wurde, Paris, London, Amsterdam, Wien. Und jetzt Berlin: 2016 zog er mit seiner Frau und dem vierjährigen Sohn nach Charlottenburg.

Der Weltbürger ist in Berlin zu Hause

Gehen ist gut fürs Denken, wusste nicht nur Thomas Bernhard. Gehen wir also spazieren, die Fasanenstraße hinunter, durch den Kiez, der Daniel Hopes neue Heimat ist. Man kann sich gut unterhalten mit ihm. Er ist charmant, höflich, eloquent. Ein Medienprofi, auch das.

Egal worüber man redet: Vielen Themen gibt er sofort eine persönliche Note, indem er eine Anekdote erzählt. Der Brexit reißt schon verheilt geglaubte Wunden in Irland wieder auf? „Ich habe erst kürzlich ein Konzert in Nordirland gegeben, in Enniskillen. Dort tötete eine IRA-Bombe 1987 elf Polizisten. Bei der Einreise unterhielt ich mich mit einem Beamten. ‚Sie werden die Grenze nicht wieder schließen, das werden sie nicht tun‘, meinte der. Ich bin mir da nicht so sicher.“

Warum hat er ausgerechnet Wien aufgegeben, um hierherzuziehen? „Das hat viel mit dem Geist Berlins zu tun“, erklärt der 44-Jährige. „Die Stadt ist kulturell unschlagbar. Und wir hatten das Gefühl, dass uns in Wien etwas fehlt. Wir wollten zu Hause ankommen.“

Tatsächlich ist Berlin eine Konstante in Hopes Leben. Seine mütterlichen Wurzeln reichen zurück ins 18. Jahrhundert, ein Vorfahre war der erste Rabbi von Potsdam. Seine Großmutter stammt aus Dahlem, sein Großvater aus Schmargendorf, beide haben sich erst in Südafrika kennengelernt, wohin sie vor den Nazis geflohen waren.

Sein Vater, ein Schriftsteller, verehrte Christopher Isherwood und reiste mit dem kleinen Daniel in den 70er Jahren oft nach Berlin. Die Gegend um den Nollendorfplatz, wo Isherwood lebte, ist ihm vertraut.

Hope setzt sich seit langem mit Rechtsextremismus auseinander

Am Fasanenplatz putzt eine Frau in der Morgensonne die Stolpersteine. „Am 9. November taten das auch in unserer Straße viele Menschen“, erzählt Hope, der seit diesem Jahr deutscher Staatsbürger ist. „Ich finde das sehr bewegend. Kein anderes Land setzt sich so intensiv mit seiner Vergangenheit auseinander.“ Was er von den Wahlerfolgen der AfD hält? Beunruhigend, meint er. Aber er hat sich auch angeschaut, woher die Stimmen kommen: Fast eine Million von der CDU, 800 000 von der SPD. „Wenn so viele Leute unzufrieden sind, kann man das nicht unter den Teppich kehren. Man muss sich damit auseinandersetzen.“

Mit Rechtsradikalismus setzt sich Daniel Hope seit Langem auseinander. Zum 70. Jahrestag der Pogromnacht hat er ein Konzert im Flughafen Tempelhof veranstaltet. Er hat im Finanzministerium gespielt, auf Einladung von Wolfgang Schäuble, der auch nichts davon hielt, die Nazivergangenheit des Dienstsitzes unter den Teppich zu kehren.

Und er trat in einem Film auf, der an jüdische Komponisten erinnert, die die Nazizeit nicht überlebt haben: „Refuge in Music“ (2013), mit dem 93-jährigen Berliner Jazzgitarristen und einstigen Theresienstadt-Häftling Coco Schumann. Seit einigen Wochen gibt es eine weitere Doku, „Der Klang des Lebens“, die seine Lebensgeschichte erzählt – und noch eine andere, die des Grabmals seines Ururgroßvaters Julius Valentin auf dem Luisenkirchhof in Westend.

"Gäbe es Monty Python noch, hätten sie massive Probleme."

Man könnte sagen: Hope ist viel mehr als ein Geiger. Ein Tausendsassa, neugierig, umtriebig. Die Kunst der Kommunikation beherrscht er wie sein Instrument. Seit 15 Jahren leitet er das Klassikprogramm beim Savannah Music Festival, ab 2019 soll er als Künstlerischer Leiter das musikalische Profil der Dresdner Frauenkirche schärfen. Autor ist er auch, er hat einen Konzertführer geschrieben („Wann darf ich klatschen?“) und ein Buch über die Dahlemer Villa seiner Großmutter.

In dem Haus am U-Bahnhof Podbielskiallee war nach der Emigration die jüdische Schule Kaliski untergebracht, zu deren Schülern auch W. Michael Blumenthal zählte, später Direktor der Jüdischen Museums Berlin. Heute gehört sie zum Deutschen Archäologischen Institut.

„Bis heute besuche ich die Villa regelmäßig“, erzählt Hope, während er sich dem Kurfürstendamm nähert. In einer Woche fährt er wieder nach Dahlem: In der Jesus-Christus-Kirche, wo Karajans Aufnahmen mit den Philharmonikern entstanden, gibt er mit Pianist Sebastian Knauer ein Benefizkonzert für den Verein Lemiki („Leben mit Kindern“) – eine neue Konzertreihe, die er jedes Jahr veranstalten will.

Im endlich sanierten, allerdings sehr exklusiven Haus Cumberland befindet sich Hopes’ Büro – und das Café Grosz, das er liebt, das ihm zu einer Art Heimat wurde. Es ist kalt, also schnell einen Cappuccino – und weiter unterhalten: über Weltpolitik („Gäbe es Monty Python noch, hätten sie massive Probleme. Einige Hauptakteure übertreffen leider alles, was sie je gemacht haben.“). Oder über Wien, wo Daniel Hope gelebt hat, im 3. Bezirk, nicht weit vom Wohnhaus von Richard Strauss.

Über die hinterfotzigen Wiener, die so charmant daherreden, dass man gar nicht merkt, wie sie einem gerade das Messer im Bauch umdrehen. Schon der Rheinländer Beethoven soll sich darüber bitter beschwert haben, erzählt Hope. So viel ist nach diesem Spaziergang klar: Es ist ein Wesenszug, den er nicht übernommen hat.

Benefizkonzert mit Daniel Hope und Sebastian Knauer am Sonntag, 10. Dezember, 18 Uhr, in der Jesus-Christus-Kirche Dahlem, Hittorfstraße 23, Tickets 25/15 Euro, www.koka36.de

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