Berlin : Berliner Weisse...: Der Winter fährt Schlitten mit der Stadt

Annette Kögel

Kristalle rieseln aus den Wipfeln, Schnee knirscht unter den Sohlen - wer das genießen möchte, muss sich beeilen: Der Schnee bleibt nur kurz liegen. Ein bisschen soll es zwar noch schneien, aber schon am Dienstag gibt es wieder Tauwetter. Ein seltsamer Winter: Mal frühlingshaft warm, dann wieder kalt ... - ein Wechselbad der Wintergefühle. Die der Verkehrsteilnehmer haben sich nach dem chaotischen Freitag schon wieder beruhigt. Die Polizei stellte gestern fest: alles normal.

Auf den Rodelhügeln der Stadt, in Langlaufloipen und Wintersportgeschäften indes herrschte am Sonnabend großer Andrang. Voll war es etwa in der Wintersportabteilung bei "Karstadt Sport" nahe dem Neuen Kranzlereck. "Die Leute kaufen Skihosen und Jacken für den Winterausflug in Berlin", sagte Teamleiterin Beate Ritschel. Schlitten gab es zum Sonderpreis von 45 Mark, nur die Exklusiv-Modelle mitsamt Feuerwehr- oder Polizeisirene (129 Mark) waren so gut wie verkauft.

Auf der Havelchaussee machten sich Langläufer auf ihre Weise die Bahn frei: Sie rutschten morgens über die noch nicht gestreute Fahrbahn - und stärkten sich mit "Glühwein und Grog, aber auch jeder Menge Eis" im Restaurant Grunewaldturm, wie eine Mitarbeiterin sagte. Ohnehin sollte sich, wer Langlaufen möchte, eher schneesichere, weite Waldschneisen im Süden der Stadt aussuchen: Nach Auskunft von Meteofax-Meteorologin Tanja Lamprecht fielen in Tegel neun, in Dahlem immerhin 13 und in Potsdam sogar 19 Zentimeter Schnee. Heute noch bleibt er wohl liegen, "aber er schmilzt von unten her, der Boden ist zu warm", sagte der Obmann für nordisches Skifahren vom Skiverband Berlin, Wolfgang Rochow. Sein Tipp: Strecken nahe dem Müggelsee.

Gestern waren es in Dahlem noch minus 2,6 Grad, das war zwar der drittkälteste Tag dieses Winters, für die Verkehrspolizei aber schon wieder Alltag. "Keinen Anlass für eine Unfallzählung" sah jedenfalls am Abend der Lagedienst der Polizei. Heute soll das Thermometer auf knapp über null Grad klettern, am Mittwoch werden es voraussichtlich schon plus acht Grad. Die tiefste Tagestemperatur war in Dahlem am 4. Februar erreicht worden: Minus 3,8 Grad. In der Nacht zuvor war es in diesem Winter mit neun Grad am kältesten gewesen. Alles in allem moderate Werte, nimmt man die tiefste je gemessene Tagestemperatur (minus 16,4 Grad am 13. Januar 1987) und die höchste (plus 18,6 Grad am 21. Februar 1990).

Wahrscheinlich hätten sich die exotischen Bewohner der Volieren am Neuen Kranzlereck damals vor elf Jahren geradezu heimisch gefühlt in Berlin. Doch auch gegen den Schnee hatten weder Prachtrosellen noch Pennantsittichen gestern etwas einzuwenden.

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