Berliner "Wer hilft wem"-Einsatz in Afrika : Als Ehrenamtliche im Waisenheim in Kenia

Endlich selbst was tun und nicht nur schreiben: Ich wollte in Nairobi Waisen-Babies füttern, windeln, baden. Das bricht einem das Herz.

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In der „Juja Farm“, der Einrichtung für ältere Waisenkinder von "Happy Life Children's Home" spielen Jungs mit Reifen. Alle schätzen es, in die Schule auf dem Areal außerhalb Nairobis gehen zu können. Einige Häuser auf dem Gelände sind noch im Bau befindlich, es mangelt noch an Geld. Foto: Annette Kögel
In der „Juja Farm“, der Einrichtung für ältere Waisenkinder von "Happy Life Children's Home" spielen Jungs mit Reifen. Alle...Foto: Annette Kögel

Kaum bin ich das erste Mal im Waisenheim „Happy Life Children’s Home“, da schießen mir gleich Tränen in die Augen.

Was ich denn da alles aufschreibe, hat mich ein Mädchen gefragt. Es sitzt im Innenhof auf einem ausrangierten Autositz. Nun, das wird ein Artikel für eine Zeitung in Deutschland, weit weg, antworte ich – und dass sie sich bitte kein Beispiel an der ausgeschriebenen Handschrift nehmen möge! „Guck mal, ich kann sehr schön schreiben“, sagt die Achtjährige: „Leah“ steht auf dem Tagesspiegel-Block, sauber in Druckbuchstaben.

„Bist du die Adoptivmama von Leah?“, fragt ein anderes Kind, „holst du Leah ab?“ Das geht durch und durch. Ach, wenn ich nur könnte, wie ich wollte.

Mit Führungszeugnis in die Subsahara

Aber immerhin bin ich jetzt hier, als Journalistin und als ehrenamtliche Helferin. Die Initiative zum Waisenheim-Einsatz kam von einer Berlinerin, die in Kenia geboren wurde. Sie wollte gern in einem Waisenheim ehrenamtlich mitarbeiten. Jacinta – man nennt sich hier beim Vornamen – war schon in Heimen wie dem von Thomas Bernardo und dem Mama Ngina Children’s Home. „Happy Life“ brauchte Unterstützung, so sah es aus, also hat sie alles Nötige organisiert.

Was unsere Redakteurin im Waisenheim in Kenia erlebte
Hallo! Ist da jemand? Werde ich gleich aus dem Bettchen geholt? Foto: Annette KögelWeitere Bilder anzeigen
1 von 30Foto: Annette Kögel
30.09.2015 10:05Hallo! Ist da jemand? Werde ich gleich aus dem Bettchen geholt?

Nach dem Mosambik-Pressetrip mit der Deutschen Aids-Stiftung bin ich auf eigene Kosten nach Kenia weitergereist – wann ist man schon mal in Subsahara-Afrika? Und das Wohnamt Friedrichshain-Kreuzberg hat mit seinem Auszubildenden-Bürgeramt 2.0 unbürokratisch beim Führungszeugnis geholfen. Das kam mit ins Gepäck, sicher ist sicher.

Berliner Kenianerin hat alles organisiert

Die Ortskundige aus Berlin fragt immer mal Einheimische nach „Happy Life“, und Fahrer Kennedy tourt durch die verstaute Stadt mit – huppsala – Schwellen mitten auf Schnellstraßen, über holperige Wege, an Wellblechwänden vorbei. Nun stehen die Berliner Freiwilligen im etwas arm wirkenden Stadtteil Kasarani und wollen vor Ort helfen.

All die Babys von der Internetseite werden lebendig: Sie lachen, sie schreien, sie haben diesen typischen Babyduft. „Happy Life“ ist eines der vielen von Kirchen betriebenen Heimen. Rund zwei Millionen Waisenkinder soll es allein in Kenia geben, und es werden immer mehr. Die achtjährige Leah hat neben ihrem eigenen Namen noch zwei andere auf den Block geschrieben: „Pastor Faith“ und „Pastor Peter“. Faith und Peter Ndungu von den „Overcoming Faith Ministries“ haben das Waisenheim vor 13 Jahren begründet.

„Gott hat uns dahin geführt“, sagt Faith Ndungu. Sie sah auf dem Weg zur Arbeit immer die Straßenkinder, wollte höchstens fünf mit Essen versorgen und ihnen den Schulbesuch ermöglichen: „Das schaffen wir!“ Jetzt haben allein im Hauptsitz in Kasarani derzeit 50 Kinder ein Zuhause.

"Auto", sagt Beniah. Aber er muss ja Suaheli lernen!

Die Kleinen kennen Ehrenamtliche aus Europa oder aus Australien, viele mit weißer Hautfarbe. Sie wissen, dass sie kommen und gehen. Auch wenn sie am liebsten häufig kämen, wenn sie nur könnten.

Das Wichtigste, was man als Ehrenamtler geben kann, ist Wärme, Berührung, Aufmerksamkeit, Nähe. Dem Jungen namens Beniah merkt man an, dass er bedürftig ist, er fordert lautstark Aufmerksamkeit ein. Auf dem Arm ist er ruhig, guckt wie gebannt aus dem Fenster. „Auto“, sagt unsereins. „Auto“, sagt Beniah in perfektem Deutsch. Huch, der Junge muss ja Suaheli und Englisch lernen! Was bitte heißt Auto auf Suaheli? Gari. „Beniah, guck mal, das Gari!“, Und er sagt, fix zweisprachig: „Auto! Gari!“

Die Zeit, auf alle sich entgegenstreckenden Arme zu reagieren, haben die 33 Mitarbeiter von „Happy Life“, die sich über zwei Standorte verteilen, nicht. Die Deutsch-Kenianerin Jacinta nimmt die kleine Jackie auf den Arm. Diese lächelt sonst selten zurück. Aber jetzt tut sie es. Kleines Glück. Jacinta übersetzt auch bei Interviews in verschiedene Stammessprachen, und sie wäscht die Kleinen in der Plastikwanne, windelt und putzt Nasen.

Die kleinen Wesen sind im Müll gefunden worden, mit Strick um den Hals. In Latrinen. In der Kirche abgelegt worden. Oder die vom Vater oder Huasherren vergewaltigten Mütter im Teenager-Alter haben das Neugeborene im Krankenhaus zurückgelassen. Und jetzt stecke ich so einem Menschlein, das eigentlich die Mutterbrust suchen müsste, vorsichtig einen Sauger in den Mund. Immerhin hat es überlebt. Foto: privat
Die kleinen Wesen sind im Müll gefunden worden, mit Strick um den Hals. In Latrinen. In der Kirche abgelegt worden. Oder die vom...Foto: privat

Zum Glück kommen immer mal christliche Freiwillige auch aus den USA zum Helfen, dort hat „Happy Life“ große Unterstützung in den Kirchenleuten Jim und Sharon Powell aus Delaware. Neben den Berlinern helfen Schüler aus Nairobi, lokale Kirchenmitglieder, Studenten.

Manche werden nie eine Mutter finden

Als ich Beniah vom Arm geben möchte, um was aufzuschreiben, fängt er an zu weinen. Vielleicht lässt er sich von der anderen „Weißen“ nehmen? Nein, noch nicht mal das Kuscheltier will er abgeben, klammert sich fest und brüllt. Wenn die leiblichen Mütter ihren Nachwuchs sähen, vielleicht wären sie stolz. Doch viele von ihnen leben im Slum, wurden als Kind oder Teenager schwanger – vom Vater vergewaltigt, als Hausmädchen vom Hausherren bedrängt, mit HIV infiziert. Es sind viele Babys aus inzestuösen Verhältnissen, und sie werden in Kenia wohl nie Eltern finden. Wie auch viele Mischlingskinder. Afrikaner vermuten oft, ein Freier habe sie gezeugt.

Kenianer lieben Kinder, und sie nehmen auch Waisen befreundeter Familien an, wenn jemand stirbt. Doch Adoption ist in Afrika nicht so geläufig und geschätzt. Unfruchtbarkeit gilt als Schande, die man besser für sich behält. Paare oder Alleinstehende aus anderen Ländern, die gern adoptieren würden, warten und hoffen, denn Kenia hat internationale Adoptionen nach Menschenhandelsfällen ausgesetzt. So werden die Heime voller und die Mittel knapper. Welcher Wonneproppen oder welche Frühgeburt kam woher zu „Happy Life“? Zum Schutz soll die Herkunftsgeschichte getrennt vom Kind genannt werden, bittet die Heimleitung. Also: Ein Säugling lag mit Strick um den Hals in einer Plastiktüte auf dem Müll. Neugeborene wimmern in Latrinen. Aidskranke Mütter stehlen sich nach der Geburt aus der Klinik. Legen das Neugeborene in der Kirche ab. In dem Land, in dem christlicher Glaube und Kirche so bedeutsam sind, wäre Abtreibung Sünde.

Dann gäbe es auch Anthony nicht. Anthony, der „Jumper“. Er hopst in seinem Kindergestell, ist immer in Bewegung und gut gelaunt. Mangels Platz gibt es draußen nur ein Spielgatter im Hof. Alle geben sich große Mühe, aber die Sitze passen teils nicht zu den Maßen der Kinder, einige Böden sind kahl oder mit schnell bekleckertem Teppich ausgelegt. Aber Mangel ist teils auch Reichtum: Viele Kinder sind in dem Land ausgeglichen und können sich noch mit sich selbst beschäftigen, so ohne Handy.

Neugeborenen den Sauger in den Mund stecken

Von wegen nur einen Tag helfen. Immer wieder zieht es mich zurück zu „Happy Life“. Die Berliner Ehrenamtlichen stecken Neugeborenen riesig wirkende Sauger in den Mund. Doch was soll man tun, wenn das Kind nicht nach der Mutterbrust suchen kann? Füttern, kuscheln, die Babys wieder zum Schlafen hinlegen. Ein Dutzend Menschlein liegt in Gitterbettchen übereinander, nebeneinander, miteinander. Die Klappstäbe bewahren sie vorm Rausfallen. Wenn einer kräht oder weint, hören und spüren es alle. Die Kinder wachsen umständehalber so auf, dass keine Mama, kein Papa, kein Geschwisterkind mal nach ihnen schauen kann, wenn etwas ist.

Als ich mich kurz vor Ende der Mittagsruhe in den Babyraum stehle, um die Schützlinge, die da bäuchlings zum Stillehalten verdattert sind, noch einmal zu erleben, stemmt sich Anthony mit starken Armen hoch. Er ist jetzt mein Patenkind, wie Charmingboy Kenneth. Jacinta hat ebenfalls zwei, es sind Mädchen. Aber auch Frühgeburt Gideon mit seinem kleinen dünnen Körper und dem großen Kopf hätte eine Patenschaft gut gebrauchen können. Ehrenamtskollegin Jacinta hält jetzt den etwas Älteren unterstützend den Kopf, wenn diese aus der viel zu großen Tasse trinken. Sie war wie viele Kenianer ergriffen, als US-Präsident Barack Obama beim jüngsten Kenia-Besuch ein Waisenmädchen aus dem „Mama Ngina Children’s Home“ symbolhaft vor den Kameras drückte.

Kenneth. Ein Schätzchen. Und jetzt eines meiner beiden Patenkinder in Nairobi. Foto: Annette Kögel
Kenneth. Ein Schätzchen. Und jetzt eines meiner beiden Patenkinder in Nairobi.Foto: Annette Kögel

Waisenkinder, sie sind und waren aber auch ein Business. Säuglinge wurden nach der Geburt selbst aus Krankenhäusern heraus und von Kirchen verhökert. Selbst die staatliche Adoptionsbehörde „State Welfare Society of Kenya“ kam in die Negativ-Schlagzeilen, weil sie, so der Vorwurf, Babys an Adoptiveltern aus Schweden vergeben haben soll, obwohl die leiblichen Eltern sie gar nicht freigegeben hatten. Laut der zentralen Adoptionsstelle Berlin-Brandenburg in Potsdam gilt Kenia als Land „mit unklarer Aktenlage“. Doch muss man nicht all den hilflosen Wesen zuliebe etwas tun, selbst wenn die Verhältnisse nicht so transparent und geordnet sind wie in Deutschland?

Maasai-Kinder im Auto mitgenommen

Das „Happy Life Children’s Home“, so lauten die Statistiken, hat seit seiner Gründung 400 Kinder gerettet, die Hälfte davon an Adoptiveltern, auch aus Kenia, vermittelt. Selbst die älteren Kinder finden Eltern, wie einige der derzeit 85 Mädchen und Jungen in der „Juja Farm“, einem großen Gelände außerhalb Nairobis. Da gibt es viel Platz, und – schon intensiv gebrauchte – Spielgeräte.

Immer gut gelaunt, immer in Bewegung: Den Jungen möchte ich gern als Patin unterstützen - und durch die Spende gleich Babynahrung für andere im Waisenheim mit ermöglichen. Anthony. Foto: Annette Kögel
Immer gut gelaunt, immer in Bewegung: Den Jungen möchte ich gern als Patin unterstützen - und durch die Spende gleich Babynahrung...Foto: Annette Kögel

Einige der Kosten für die ersten dort 2008 eröffneten Gebäude holt das Ehepaar Ndungu herein, indem es Wasser aus dem Brunnen in der Nachbarschaft verkauft. Wasser, darum bettelten auch die Maasai-Kinder auf der Touristentour zum Magadisee. Sie laufen Kilometer von der Schule zu ihren Eltern nach Hause; wir nahmen sie im Auto mit. So viele Berliner haben schon ihr Herz für den Kontinent entdeckt.

Was die Schüler brauchen? "Liebe".

Im Waisenheim „Juja Farm“ hat jedes der vier bereits fertigen Häuser mit je einer Schülergruppe von 16 Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren eine „Mutter“ und eine „Tante“ als Betreuer. Draußen wird frisch gekocht. Doch die Zeit reicht nicht, jedem die abgewetzten Schuhe richtigherum anzuziehen. Die Kinder sind stolz, in die Schule auf dem Areal gehen zu können. Was die Schüler am meisten brauchen? Die junge Lehrerin sagt: „Liebe“.

Bleib doch noch. Manche Blicke im Waisenheim in Kasarani, Nairobi, vergessen die ehrenamtlichen Helfer aus Berlin nie. Viele der Waisen klammern sich an, wenn man gehen möchte. Beziehungsweise muss. Eigentlich würde man sich hier jetzt am liebsten jeden Tag um die Mäuse kümmern, sagt sich das Helfer-Duo aus Berlin gegenseitig. Foto: Annette Kögel
Bleib doch noch. Manche Blicke im Waisenheim in Kasarani, Nairobi, vergessen die ehrenamtlichen Helfer aus Berlin nie. Viele der...Foto: Annette Kögel

Und so können Sie helfen

Viele Waisenheime in Afrika bitten um Hilfe. „Happy Life Children’s Home“ etwa freut sich über Paten, die die Kinder mit Geld unterstützen; Lebensmittel, Windeln, Spielzeug, Medizin, Schultische und -bücher. Freiwillige Helfer können dort einfache Zimmer mieten (www.happylifechildrenshome.com). Interessenten mit Fragen oder Angeboten können eine Mail an werhilftwem@tagesspiegel.de („Happy Life“) schreiben. Der Ehrenamtseinsatz entstand aus persönlicher Neugier und hat nichts mit der Spendenaktion „Menschen helfen!“ zu tun.

Behutsam helfen. Die in Kenia geborene Jacinta hat als Ortkundige den Ehrenamtseinsatz in Nairobi für die "Wer hilft wem"-Seite organisiert. Foto: Annette Kögel
Behutsam helfen. Die in Kenia geborene Jacinta hat als Ortkundige den Ehrenamtseinsatz in Nairobi für die "Wer hilft wem"-Seite...Foto: Annette Kögel

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