Berliner Wetter : Strahlen nach Zahlen - Frühling im Februar

Das erste Picknick, das erste Sonnenbad: Die Berliner genießen bei 13 Grad den Winter, der ein Frühling ist. Wir haben uns umgehört.

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Frühblüher. Nicht nur die Menschen lockt das schöne Wetter nach draußen, auch Blümchen sprießen dieses Jahr früher als sonst – hier zum Beispiel im Botanischen Garten.
Frühblüher. Nicht nur die Menschen lockt das schöne Wetter nach draußen, auch Blümchen sprießen dieses Jahr früher als sonst –...Foto: dpa

Frühling mitten im Februar – und es soll so weitergehen. Bei strahlender Sonne, Temperaturen von mehr als zehn Grad und blauem Himmel genossen viele Berliner den Sonnabend an der frischen Luft. Auch für die kommenden Tage sagen die Meteorologen Sonne vorher – und Temperaturen von bis zu 13 Grad.

Das erste Picknick. Vom Wind auf dem Tempelhofer Feld lassen sie sich nicht abschrecken. Dick eingepackt, aber zufrieden sitzen die zwei befreundeten Familien aus Falkensee auf dem einstigen Flugfeld und genießen das mitgebrachte Picknick. „Gestern haben wir zu Hause angegrillt, heute gibt’s die Reste“, sagt Isabell Mews. „Ist ja auch ein Wahnsinnswetter“, freut sich Peter Schulze.

„Gestern schon haben wir angegrillt, heute gibt’s die Reste als Picknick.“ Isabell Mews, Doreen Steinberg, Markus Hemmann, Selina Mews und Peter Schulze
„Gestern schon haben wir angegrillt, heute gibt’s die Reste als Picknick.“ Isabell Mews, Doreen Steinberg, Markus Hemmann, Selina...Foto: Lars von Törne

So früh wie in diesem Jahr haben sie noch nie gegrillt oder gepicknickt – nur die Decke haben sie vergessen, deswegen muss der rot-weiße Betonklotz, der einst die Flugbahn markierte, als Ersatz herhalten. Danach wollen sie den Parawing auspacken, einen Lenkdrachen. Dutzende andere Drachen tanzen bereits über ihren Köpfen im Wind.

Früher Fahrrad-Boom. „Es knackt richtig“, sagt Fahrradhändler Peter Stage und grinst. „Das ist ja wie ein vorgezogener April.“ Normalerweise ist das der Monat, in dem Fahrradläden wie der im Mehringhof von Menschen überrannt werden, die neue Räder kaufen oder ihre Gefährte nach der Winterpause zur Inspektion bringen.

„Normalerweise haben wir im Winter nur ein paar Reparaturen – aber bei so gutem Wetter wie jetzt kommen die Kunden in Busladungen.“ Peter Stage, Fahrradladen Mehringhof
„Normalerweise haben wir im Winter nur ein paar Reparaturen – aber bei so gutem Wetter wie jetzt kommen die Kunden in...Foto: Lars von Törne

Nun brummt das Geschäft schon im Februar. „Bei gutem Wetter kommen die Menschen in Busladungen“, sagt Stage, der den Laden vor 34 Jahren gegründet hat. Die ungewöhnlich milden Temperaturen halten ihn und sein Team auf Trab. Sie arbeiten trotz der großen Nachfrage mit Minimalbesetzung, weil einige Kollegen den sonst so ruhigen Februar für einen Urlaub nutzen.

Zeit für den Frühjahrsputz. An den Waschanlagen der Tankstellen stauen sich am Sonnabend die Autos. Bei Shell an der Tempelhofer Manteuffelstraße ist das Rundumpflege-Programm der Renner, sagt eine Mitarbeiterin. Das wäscht auch den Unterboden und befreit die Autos vom Salz und anderen Überbleibseln des kurzen Winters. „Ist doch eine Freude, an solch einem Tag ein sauberes Auto zu haben“, sagt Ex-Schulleiter Lutz Redlich, der seinem vom Dreck befreiten blauen Audi mit dem Poliertuch den letzten Schliff gibt. Himmel blau, Auto blau.

"Sobald die Sonne scheint, ist die Terrasse gut besucht. Und wenn in Kürze mehr Boote kommen, ist das hier wie in Monaco." Birgit Gaske, Café Lebensart, Tempelhofer Hafen
"Sobald die Sonne scheint, ist die Terrasse gut besucht. Und wenn in Kürze mehr Boote kommen, ist das hier wie in Monaco." Birgit...Foto: Lars von Törne

Ein Hauch von Côte d’Azur. Auf der Terrasse des „Café Lebensart“ am Tempelhofer Hafen ist kaum ein freier Platz zu finden. Zwischen den alten Lastkränen ist es fast windstill – und so warm, dass manche Gäste sich im Pullover sonnen, während sie ein Stück Schoko-Estragon- oder Limette-Basilikum-Torte genießen. Im März kehren die Boote an die noch etwas leer wirkenden Stege zurück. „Dann ist das hier wie in Monaco“, sagt Café-Mitarbeiterin Birgit Geske.

Gute Geschäfte. Freiluftmärkte erleben eine ungewohnte Konjunktur. Während beim Flohmarkt vor dem Rathaus Schöneberg vor ein paar Wochen nur wenige Händler den Minusgraden trotzten, zählte Marktleiter Erol Kalender gestern 150 Stände. Und die waren von zahlreichen Kunden umlagert. „Sobald die Sonne scheint, ist hier jede Menge los“, sagt er. 

„Vor kurzem standen wir hier noch mit zwölf Händlern in der Kälte. Jetzt ist der Platz voll. So einen Februar habe ich noch nie erlebt.“ Jürgen Demandt, Trödler in Schöneberg
„Vor kurzem standen wir hier noch mit zwölf Händlern in der Kälte. Jetzt ist der Platz voll. So einen Februar habe ich noch nie...Foto: Lars von Törne

Vor allem Privatleute meldeten sich gestern spontan zum Trödeln an. Händler Jürgen Demandt ist seit 15 Jahren fast jedes Wochenende hier. „So einen warmen Februar wie diesen habe ich aber noch nie erlebt“, sagt er.

Schiff ahoi. Bei diesem Traumwetter zieht es viele Bootsbesitzer raus aufs Wasser. Am Stößensee zwischen Spandau und Charlottenburg-Wilmersdorf waren gestern deutlich mehr Boote als in den Monaten zuvor auf dem Wasser, sagt Wolfgang Bigesse vom Verein Pro Sport Berlin 24. Wer kann, bringt sein Boot möglichst bald ins Wasser. Viele Vereinsmitglieder müssen aber trotz des einladenden Wetters warten: Der Kran, der die großen Boote ins Wasser hebt, ist erst für April bestellt. Denn letztes Jahr war der Stößensee im März noch von Eis bedeckt.

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