Berlin : Berliner Zentralflughafen: "Landet ooch in Tempelhof"

Rainer W. During

Jahrzehntelang gehörten die vermeintlichen Transportflugzeuge, die scheinbar sinnlos ihre Runden in der Luftkontrollzone drehten, zum gewohnten Bild am Himmel über Berlin. Dass diese "Rundflüge" weniger dem Pilotentraining als der Feindaufklärung dienten, war offenes Geheimnis. Ein neues Buch enthüllt jetzt Details. Danach wurde von den Amerikanern bereits Anfang der fünfziger Jahre das erste derartige Geheimprojekt mit dem Decknamen "Rain Drop" (Regentropfen) gestartet.

Ebenso wie die drei Luftkorridore erlaubte die im 32-Kilometer-Radius um das Kontrollratsgebäude im Kleistpark geschlagene Luftzone den Westmächten tiefe Einblicke in Militäreinrichtungen der sowjetischen Streitkräfte und der Nationalen Volksarmee der DDR. Um auch kleinste Details zu erfassen, wurde zunächst eine viermotorige YC97 - die militärische Transportvariante der Boeing Stratocruiser - mit "Big Bertha" (Große Bertha) ausgestattet. Hinter diesem Code-Namen verbarg sich eine Tele-Kamera, deren Objektiv mit seinen 6,1 Metern Brennweite den Sowjets im wahrsten Sinne des Wortes auf den Teller blickte.

Im Laufe der Jahre kam immer modernere Aufklärungstechnik zum Einsatz. Für den Betrieb der Maschinen wurden eigens die "7575th Operations Group" und das "7405th Operations Squadron" gegründet, die zunächst in Wiesbaden und später an der Frankfurter Rhein-Main-Airbase stationiert waren. Vor der Landung und nach dem Rückstart gab es jeweils einen 45-minütigen "Local Flight" in der Kontrollzone. Der letzte Aufklärungsflug, mit einer Hercules, fand erst am 29. September 1990 statt. Insgesamt gab es in knapp vier Jahrzehnten rund 50 000 derartige Flüge mit etwa 120 000 Einsatzstunden.

Lutz Freundt hat den amerikanischen Teil der Geschichte des Berliner Zentralflughafens zum Thema seines Buches gemacht. Es beginnt mit der Ankunft des ersten Vorauskommandos der US Army Air Force am 1. Juli 1945 und endet mit dem 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, der erstmals wieder deutsche Flugzeuge nach Tempelhof brachte. Die relativ kurzen Texte werden ergänzt durch gut 300 Fotografien. Von der Luftbrücke spannt sich der Bogen über die "Operation Kinderlift", bei der von 1953 bis 1957 mit umgebauten "Rosinenbombern" 10 000 Kinder von DDR-Flüchtlingsfamilien zu Ferienaufenthalten nach Westdeutschland geflogen wurden, bis hin zum Aufschwung des zivilen Linien- und Charterverkehrs.

Besondere Kapitel sind dem Einsatz von Hubschraubern, dem "Aviation Detachment" der US Army und dem alliierten Flugkontrollzentrum gewidmet. Ausführlich beschrieben werden auch die spektakulären Entführungen polnischer Maschinen der Fluglinie LOT. Das Kürzel übersetzte der Berliner Volksmund prompt mit "Landet ooch in Tempelhof".

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