Berlin : Berlins ältestes Kino weicht einem Discount-Supermarkt

Seit fast zehn Jahren ist das „Tivoli“ in Pankow eine Bauruine. Jetzt ist klar: Hier werden nie wieder Filme zu sehen sein

-

Streng genommen ist die Ruine in der Berliner Straße in Pankow eine Weihestätte. Cineasten, Filmemacher, KinoMelancholiker, kurzum allen, denen Film mehr bedeutet als lediglich gute Unterhaltung für knapp zwei Stunden, wissen: Hier steht die Wiege des Films in Berlin. Die Brüder Skladanowsky stellten an diesem Ort einst ihren „Bioskop“ vor, einen Vorläufer für Projektionsmaschinen – 1895 war das. 1995 schließlich standen die Filmfans trauernd auf dem Gehsteig, ließen ein Mosaik in den Boden, mit dem sie an den Ort erinnerten und auch an die Tatsache, dass das Kino „Tivoli“ im gleichen Haus immer noch eine Bauruine ist. Jetzt ist klar: Statt eines Kinos soll es an der Weihestätte des Films einen Supermarkt geben. Die Discountkette „Lidl“ wird hier eine Filiale eröffnen.

Die ehrgeizigen Pläne von einst sind damit vom Tisch. Nach der Wende kaufte die Wilmersdorfer Investorin Gabriele Schloß-Gräbert das Haus, ließ das intakte Kino abreißen und plante, ein kleines Kino-Center mit fünf Sälen und 800 Sitzplätzen wiederzueröffnen. Im Sommer sollten in einem Biergarten ebenfalls Filme gezeigt werden.

Doch die Pläne der Investorin wurden von der Marktmacht der Kinoriesen überrollt: Cinemaxx und Ufa planten und bauten schließlich große Multiplextheater ein paar hundert Meter weiter südlich in Prenzlauer Berg. Auch andere alte Kinos im Nordosten mussten aufgeben. Für das „Tivoli“ blieb kein Publikum übrig, glaubte die Investorin und das Bezirksamt musste mitansehen, wie die Berliner Straße zusehends verödete. Ohne Kino bleiben die Passanten weg und die Einkaufsstraße von einst ist heute weitgehend menschenleer. Ein Supermarkt wie „Lidl“, so hoffen die Geschäftsleute, könnte wieder Leben in die Straße und Geld in die Kassen bringen.

Und die Filmfans, darunter Wim Wenders als prominenter „Tivoli“-Unterstützer, trauern: Wieder ist ein Kinostandort futsch. oew

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben