Berlins alte Mitte : Nikolaiviertel: Mein Leben im DDR-Disneyland

Touristen lieben das Nikolaiviertel. Aber wie kann man da nur wohnen? Auch unsere Autorin war zuerst skeptisch. Aber dann wurde es eine Liebesbeziehung. Trotzdem musste sie irgendwann enden.

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Zur 750-Jahr-Feier baute die DDR das alte Stadtzentrum auf. Historisch und stilvoll sollte es aussehen.
Zur 750-Jahr-Feier baute die DDR das alte Stadtzentrum auf. Historisch und stilvoll sollte es aussehen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es hat nicht auf Anhieb gefunkt. Als ich zum ersten Mal ins Nikolaiviertel ging, fand ich es, nun ja, skurril – ein bisschen zu künstlich, zu altbacken. Und überhaupt: Was hat man da zu suchen, wenn man nicht gerade Tourist ist und auch nicht gerne über Touristen stolpert? Die kleine Wohnung, die dort mittendrin frei war, wollte ich mir aber wenigstens anschauen. Sie war günstig und zentral gelegen. Ich war Studentin. Bestenfalls wird Wohnraum in dieser Lebensphase eh nur zum Schlafen genutzt. Also zog ich vor sechs Jahren ein. Und verknallte mich.

Nirgends so schön wie hier

Wie es oft so ist bei Beziehungen, die holprig starten, wurde meine Bindung zur Gegend inniger. Inzwischen traue ich mich zu sagen: So schön (und schön erschwinglich) wie im Nikolaiviertel lebt es sich kaum irgendwo anders im Berliner Zentrum. Von meinem Balkon blickt man auf den Berliner Dom, die Marienkirche und den Fernsehturm. Direkt vor der Haustür liegt das Marx-Engels-Forum. Nur Marx und Engels, die Bronzefiguren, sehe ich nicht mehr, seit sie wegen der Bauarbeiten für die unsägliche U-Bahnlinie 5 verrückt werden mussten. An die eine Seite meines Hauses grenzt das Rote Rathaus, auf der anderen frisst sich die Spree durch die Stadt. Hach, wie schön. Schön für mich auch, dass offenbar niemand aus der Stadt weiß um die Lebensqualität in der Mitte von Berlin-Mitte.

Getarnte Platte

Die Blicke, die ich jedes Mal aufs Neue ernte, wenn ich die Frage nach meinem Wohnort beantworte, bewegen sich zwischen Erstaunen und Entsetzen. Wie jetzt, Nikolaiviertel? Da kann man wohnen? Das ist doch ’ne Tourigegend. Ja, ist es, und ja, man kann dort leben, allerbestens sogar. Genau genommen sehen das etwa 2000 Menschen so, die hier – größtenteils in standardisierten Häusern Marke WBS 70 – zu Hause sind. Aber so liebevoll getarnt wie im Nikolaiviertel hat die DDR ihre Plattenbauten sonst nicht. Während sich die Platte auf der anderen Seite der Straße an der Leipziger Straße dem Himmel entgegenreckt, geht es im Nikolaiviertel nicht über den 7. Stock hinaus, dazu kommen spitze Giebel und Verzierungen. Eine Frage des Prestiges.

Früher lebten hier Ersteklassespione

Schließlich sollte es prachtvoll sein, damals 1987, als die Stadt 750 Jahre alt wurde – und der Rest des kleinen Landes immer gebrechlicher. Guck her, unsere olle DDR kann auch fein, historisch und stilvoll, so hätte das Motto lauten können. Herausgekommen dabei ist eine Art DDR-Disneyland, fertig gestellt, kurz bevor der Staat kollabierte und seine Bürger feststellen mussten, dass das echte Disneyland noch viel schriller ist als diese schräge Mixtur aus historischen Gebäuden, Repliken und Fertigbauteilen im Nikolaiviertel. Und nur wer es sich verdient hatte, so wird es erzählt, durfte zu Ostzeiten hier einziehen. Einer meiner Nachbarn weiß von Ersteklassespionen zu berichten, mit denen er früher zusammenlebte. Aber pssst.

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