Berlin : Berlins Antidepressivum

Die Gans im Magen, die Gedanken schwer. Gegen die Melancholie hilft eine wie Gayle Tufts. Die 50-Jährige zeigt ab heute ihre neue Show im Admiralspalast

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Auf hohen Hacken.
Auf hohen Hacken.Foto: JEAN-PAUL RAABE / plotpoint

Eigentlich liebt Gayle Tufts die Deutschen und die Berliner besonders. „Deren eigentümliche Mischung aus Bodenständigkeit, Kritikfreudigkeit und etwas Schwermut, gewürzt mit je einer Prise Mutterwitz und Selbstironie“, sagt Tufts. Sonst würde die Entertainerin nicht seit rund 20 Jahren mit Begeisterung erst in Kreuzberg und nun in Schöneberg wohnen. Doch manchmal wird selbst der an der amerikanischen Ostküste geborenen Künstlerin das vermeintlich „typisch Deutsche“ zu viel. Dann nämlich, wenn ihren Mann, der aus Norddeutschland stammt, wieder die Melancholie des Flachländers überfällt und er deshalb ein Teelicht anzündet, ein Glas schweren Rotweins trinkt und dazu entweder Gustav Mahler oder Velvet Underground auflegt. „In solchen Momenten habe ich das starke Bedürfnis, eine brasilianische CD zu holen und so lange den Clown zu geben, bis dieser Weltuntergang vorbei ist“, sagt Tufts.

Die Aufgabe, Trübsal und noch mehr – eine Art Schockstarre – von den Menschen zu nehmen, sieht Tufts auch während ihrer Show „Everybody’s Showgirl“ auf sich zukommen, die sie ab heute im Admiralspalast präsentiert: „Entweder man hat dann seinen familiären Feiertagsbesuch direkt neben sich sitzen oder der ist gerade wieder abgereist“, sagt Tufts. Daher will sie ihrem Publikum durch Gesang, Tanz, Comedy und Schauspiel unbedingt ein paar Extra-Pflegeeinheiten gönnen. „In New York sind alle auf Antidepressiva. Ich will das Antidepressivum für Berlin sein.“

Wäre die fröhliche Wahlberlinerin mit der üppigen Figur – „Weihnachten gibt es einen großen Baum, aber nichts zu essen, sonst passe ich nicht in dieses Paillettendings rein“ – nicht mit einem unerschütterlichen Optimismus und Gelassenheit gesegnet, hätte auch sie in diesem Jahr Grund zur Melancholie gehabt: im Juni ist sie 50 geworden. Um erst gar keine trüben Gedanken aufkommen zu lassen, hat sie ihren Geburtstag an einem See bei Potsdam gefeiert – mit einer Schnitzeljagd, an der alle Gäste zwischen acht und 80 Jahren teilgenommen haben. Während Tufts von der ausgelassenen Party erzählt, dröhnt ein Lärm von der Zimmerdecke im Büro des Veranstalters Semmel Concerts am Lützowplatz herab, als würde dort ein Düsenjet landen. Tatsächlich ist es aber bloß eine Maschine zum Dielenabschleifen. „Typisch 2010 – eigentlich ist alles prima, bis plötzlich der Wahnsinn ausbricht“, sagt Tufts lachend. Ihre Tournee führte sie in diesem Jahr an viele Orte, an denen sie vorher noch nie aufgetreten war – zum Beispiel Köln- Chorweiler. „Das Publikum schien gar nicht zu wissen, dass ich auch singe. Es war, als würde ich als Künstlerin nach 30 Jahren wieder bei null anfangen”, resümiert sie. Doch neue Erfahrungen machen ihr keine Angst, im Gegenteil. Die Wechseljahre sind ein Beispiel dafür: „Toll – ein LSD-Trip, bloß ohne LSD”, ruft Tufts und lässt begleitet von einer weiten Armbewegung ein begeistertes „Wheeeeehhh!” folgen, damit man auf jeden Fall versteht, wie großartig der hormonbedingte Höhenflug ist. Im kommenden Jahr will Tufts rund um dieses Thema ein Buch schreiben und eine neue Show konzipieren, dafür will sie sich die ersten drei Monate des Jahres Zeit nehmen. Und zwischendurch mal die Museumsinsel besuchen, in Prenzlauer Berg shoppen oder in einem Café sitzen und etwas ins Notizbuch schreiben. Doch erst mal steht Silvester vor der Tür. Den Jahreswechsel verbringt Tufts traditionell an der Ostsee, auf Rügen. „Ich möchte am ersten Tag des Jahres einen klaren Kopf haben und am Strand spazieren gehen“, sagt sie. Eine Zeit also, um durchzuatmen, gelassen zurück und optimistisch nach vorn zu blicken. „Eigentlich ist der Amerikaner ja nicht gerade Weltmeister in Sachen Nachdenklichkeit”, sagt Tufts. Doch zum Jahreswechsel dürften Muße und innere Einkehr durchaus sein – wenn die Hormone es zulassen.

26. bis 29. Dezember, 20 Uhr im Admiralspalast, Friedrichstraße 101. Tickets von 20 bis 49,50 Euro auf www.berlin-ticket.de oder unter Telefon 230 99 330.

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