Berlin : Berlins beste Adresse

Banken, Salons und Kunst: Die Jüdischen Kulturtage widmen sich der Familie Mendelssohn

Christina Tilmann

Der Zar, erzählt man, habe hier einen eigenen Tresor gehabt. Wann immer er auf Reisen gen Westen ging, habe er sich in der Berliner Jägerstraße neu eingedeckt. Die Pracht der alten Bank kann man noch sehen, in der Jägerstraße 49/50, heute Sitz des Apothekerverbandes: die Goldkammer, heute Konferenzraum, der Tresorraum, heute Bibliothek, ein Büro mit Kamin, die Kassenhalle, der Aufgang.

1892 hatte sich die Berliner Bankiersfamilie Mendelssohn, die nun im Zentrum der Jüdischen Kulturtage 2004 steht, vom Architekturbüro Schmieden & Speer ein neues Gebäude bauen lassen, das fünfte in Folge. Schon zuvor war die Remise des Stammhauses Nr. 51 als Kassenhalle genutzt worden. Hinzu kamen ein Bankneubau in Nr. 52, ein Wohnpalais in Nr. 53, auch die Häuser Nr. 22 und Nr. 2 wurden von der Familie genutzt.

Die Jägerstraße war also MendelssohnGrund, in weiten Teilen. Und gleichzeitig ein Kern gesellschaftlichen Lebens in Berlin. Wirtschaft und Kultur: Das ging hier immer zusammen. Das nahe Schauspielhaus, das Konfektionsviertel um den Hausvogteiplatz, die Nähe zum Schloss, zur Singakademie und Museumsinsel – es gab Ende des 18. Jahrhunderts kaum eine edlere Adresse in Berlin. Rahel Levin hatte in der Jägerstraße 54 ihren Salon, Joseph Mendelssohn, der Gründer der Bank, scharte in der Jägerstraße Nr. 51 Köpfe wie Alexander von Humboldt, Leopold von Ranke, Christian Daniel Rauch um sich. Clara Schumann ging bei Franz von Mendelssohn ein und aus, wohnte bei Berlin-Besuchen sogar im Haus. Man hielt literarische und musikalische Salons ab, sammelte Kunst, früh schon Picasso und van Gogh, und verärgerte Kaiser Wilhelm II., indem man der Nationalgalerie einen Manet stiftete.

Den „Mendelssohns in der Jägerstraße“ ist im Rahmen der Jüdischen Kulturtage eine Ausstellung in der Remise von Nr. 51 gewidmet, mit der der 2002 gegründete „Arbeitskreis Geschichtsmeile Jägerstraße“ die Geschichte der Familie bis zur Liquidation der Bank durch die Nationalsozialisten verfolgt (Eröffnung Sonntag, 14 Uhr). Die berühmtesten Mendelssohns, Fanny und Felix Mendelssohn-Bartholdy, wirkten allerdings an anderer Stelle: im Palais in der Leipziger Str. 3, an der Stelle, wo heute das Bundesratsgebäude steht. Im dortigen Gartenhaus führten die Geschwister auf Sonntagsmatineen neu komponierte Werke auf, Singspiele oder Kammermusik: Eine Gedenktafel erinnert heute daran. Fanny Hensels Musikzimmer, das auf einem zeitgenössischen Aquarell festgehalten ist, wird nun in einer Ausstellung des Centrums Judaicum rekonstruiert (Eröffnung Dienstag, 18 Uhr).

Ende des 19. Jahrhunderts schließlich war die Jägerstraße nicht mehr standesgemäß: Sebastian Hensel, selbst ein Nachkomme Fanny Mendelssohns, hat in einer Chronik die desperaten Zustände rund um den Gendarmenmarkt geschildert, Verwahrlosung, Markttreiben, unzureichende hygienische Zustände. Längst war, was in Berlin Rang und Namen hatte, in die westlichen Vororte gezogen, in den Grunewald oder an den Wannsee. Auch Franz von Mendelssohn ließ sich am Herthasee im Grunewald von Ernst von Ihne, Lieblingsarchitekt von Kaiser Friedrich III., eine monumentale Villa bauen, die mit kriegsbedingten Veränderungen noch existiert. Und Ernst von Mendelssohn-Bartholdy, der Neffe des Komponisten Felix, zog hinaus aufs Land, ins Schloss Börnicke bei Bernau. Auch dieses steht noch, ist allerdings dem Verfall preisgegeben. Demnächst soll dort eine „Automobile Erlebniswelt“ entstehen.

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