Berlin : Berlins Großbezirke: Das Brandenburger Tor bekäme eine Eins

CS

Der "8. Bezirk" - mit diesem Begriff können in Wien nicht nur Beamte und Postboten etwas anfangen. "Gehen wir in den 8. Bezirk", sagen auch die Nachtschwärmer, denn nirgendwo sind sie in der Donaustadt besser aufgehoben. Es gibt dort auf dem Spittelberg, wie Kenner wissen, drei Straßen mit etwa 57 Kneipen. Den Wienern weisen die Bezirksziffern also den Weg - und in Paris und Budapest ist das ebenso. In Berlin dagegen können sich viele Menschen nur schwer vorstellen, in einem nummerierten Bezirk zu leben.

"Unglaublich", "kaum vorstellbar", "bürokratisch": Seit an der Spree diskutiert wird, allen Bezirken eine Nummer zu verleihen, machen starke Worte die Runde. Aufgebracht wurde die Idee im neu gebildeten Großbezirk "Pankow", der Weißensee, Pankow und Prenzlauer Berg vereint. Doch besonders die Leute aus Prenzlauer Berg wollen in Pankow nicht "untergehen" und entfesselten unter den Bezirksverordneten einen heftigen Streit. Vorläufiges Ergebnis: Der Senat soll prüfen, ob sich das Gerangel um die Namen der neuen Fusionsbezirke nicht durch den Kompromiss mit der Zahl lösen lässt.

Dabei können die Prüfer auf Erfahrungen in Wien, Paris und Budapest zurückgreifen. Denn in allen drei Städten lebt man seit mehr als hundert Jahren etwa im 3. Bezirk, Arrondissement oder Kerület. Und kommt damit gut zurecht, wie Zeitungskorrespondenten, die wir befragten, versichern.

Beispiel Paris. Zwanzig Arrondissements hat die 11-Millionen-Stadt, das centre ville bekam naturgemäß die Ziffer eins. Von dort aus sind alle weiteren Arrondissements im Uhrzeigersinn schneckenförmig angeordnet, das "16e" - eine bourgeoise Villenkolonie - liegt folglich schon recht weit draußen. Im "20e" geht man gerne in den hügeligen "Buttes Chaumont" spazieren, das 18. Arrondissement gilt als unsicher und wird nachts eher gemieden.

Verabredet man sich in Paris, kann das im 4. Arrondissement sein, an einer bestimmten Metro-Station oder in "Saint-Germain-des- près" - je nach Lust und Laune oder wie es praktisch erscheint. Auf ihre Briefköpfe schreiben die meisten Pariser das Arrondissement samt Nummer und auf die Frage - "Wo wohnst du?" - heißt es in der Regel: im 10., 11. oder 3. Arrondissement, obwohl nahezu jede bezifferte Gegend auch einen traditionsreichen Ortsnamen hat.

Und in Wien und Budapest? Dort gibt es jeweils 22 Bezirke, aber nahezu gleiche Erfahrungen. Das Zentrum liegt auch in Wien im 1. Bezirk, die Josefsstadt im achten. Eine simple Sache für Touristen - hilfreich auch für die Post: In Wien und Paris entsprechen die letzten beiden Ziffern der Postleitzahl der jeweiligen Bezirksnummer.

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