Berlins historische Mitte : Leere, wo einst Leben war

Es war eine Sensation: Am Rathaus wurden verschollen geglaubte Skulpturen entdeckt. Doch wer wohnte dort eigentlich? Eine Spurensuche.

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Berlin, Molkenmarkt Postkarte um 1900Alle Bilder anzeigen
Foto: pa/akg-images
15.11.2010 08:52Eine Postkarte um 1900 zeigt den Molkenmarkt in Berlin, die Spandauer Straße und das Rote Rathaus im Hintergrund. -

Im Winter 1936/37 weilte der Schriftsteller Samuel Beckett in Berlin. Bevor er sich einen ganzen Monat lang auf der Museumsinsel aufhielt, erkundete er die Stadt. Gleich der zweite Rundgang, so vermerkte er im Tagebuch, führte ihn durch die Königstraße. Haus Nr. 50, dem Rathaus gegenüber, dürfte ihm nicht aufgefallen sein und auch vom Café Gumpert, einem Stammcafé Alfred Döblins, wird er keine Notiz genommen haben, denn da war der Autor von „Berlin Alexanderplatz“ längst emigriert.

Von der Rathausstraße, wie sie seit 1951 heißt, geht das Interesse dieser Tage schlagartig in ihre Vergangenheit als Königstraße zurück – seit bei den Vorbereitungen des U-Bahn-Baus wie berichtet zwölf Skulpturenfragmente zutage gefördert wurden, die 1937 von den Nazis als „Entartete Kunst“ in deutschen Museen beschlagnahmt worden waren. Sie sind jetzt im Neuen Museum ausgestellt, wobei die jüngsten Funde erst am 26. Oktober gemacht worden waren. Aufgefunden wurden sie im Keller von Haus Nr. 50, nur soviel ist sicher. Alles Weitere sind Vermutungen.

Bis zum Krieg war die Königstraße eine belebte Geschäftsstraße, Ladengeschäfte unten, darüber Firmensitze, Kanzleien, einige wenige Wohnungen. 1943, dem Jahr des letzten „Berliner Adressbuchs“ vor dem Kriege, war das Haus bereits „arisiert“, die jüdische Eigentümerin Edith Steinitz beraubt und womöglich deportiert. Als Eigentümer erscheint nunmehr „Ungenannt“ sowie ein Vertreter, der sich immer noch mit „Königlicher Hofrat“ titulieren ließ. Auch von den noch bei Kriegsausbruch 1939 verzeichneten jüdischen Rechtsanwälten findet sich keine Spur mehr.

Einzig der mutmaßliche Hüter der jetzt im Bodenaushub aufgefundenen Kunstwerke, Erhard Oewerdieck, bietet einen Anhaltspunkt. Er half verfolgten Juden zur Flucht, versteckte gar gemeinsam mit seiner Frau Charlotte unter Lebensgefahr einen jüdischen Angestellten und gab einem politisch linksstehenden jungen Juristen eine Stelle. Das war kein Geringerer als der spätere Marburger Politik-Professor Wolfgang Abendroth. Ansonsten finden sich lauter Firmen, meist aus der Bekleidungsbranche, auch ein Optiker und ein Schneider, und die unvermeidliche „Hauswartin“, die man sich im „Hinterhof parterre“ vorstellen darf.

1943 ist allerdings nicht mehr der Normalzustand der Vorkriegszeit. Gerade die Textilbranche in Berlin wies einen hohen Anteil jüdischer Unternehmer und Geschäftsinhaber auf, von den zahllosen Schneidereien ganz zu schweigen. Das dichte Häusergewirr in der historischen Mitte Berlins bot ideale Voraussetzungen für die Mischung von Angestellten, Selbständigen sowie Firmen jeder Größe. Gegenüber dem Rathaus, im Geviert zwischen der Spandauer Straße und dem seit DDR-Zeiten verschwundenen Hohen Steinweg, säumten neun Parzellen die Königstraße. Darunter war das Grundstück Nummer 50 das bei weitem Größte, was die bemerkenswerte Anzahl der dort verzeichneten Mietparteien erklärt.

Immerhin noch im Jahre 1939 arbeiteten in Nr. 50 Rechtsanwälte mit Namen wie Cohn oder Simon, zumeist aber waren es Firmen für Tuche oder Teppiche. Und die „Hauswartin“ gab’s auch noch nicht, sondern einen „Hausmeister“ namens O. Woywodt. Nebenan, in Hausnummer 51, befanden sich eine Apotheke und eine Lotterieannahmestelle, während wieder ein Haus weiter die Eigentümer, die „Spaeth’schen Erben“, selbst durchweg als Anwälte praktizierten. Es war also eine durchaus bunte, städtische Mischung, die der Königstraße ihr Gesicht gab.

Schon für Adolf Glaßbrenner tief im 19. Jahrhundert war sie „die lebendigste, tobendste Straße Berlins“, allerdings war da der Neue Westen noch lange nicht erschlossen. Entsprechend war die Architektur der Häuser. Neben stolzen Gründerzeitbauten duckten sich bis zum Krieg noch barocke Bürgerhäuser. Und mittendrin die „Elektrische“, die Straßenbahn, die sich die Fahrbahn mit den Doppeldecker-Omnibussen teilte. Autos sieht man auf den historischen Aufnahmen nur in Maßen, obwohl die Königstraße als Hauptverkehrsweg über die Lange Brücke – mit dem Reiterstandbild des Großen Kurfürsten von Andreas Schlüter – geradewegs zum Schloss führte. Deswegen erhielt sie 1701 auch den Namen Königstraße, weil der erste preußische König, Friedrich I., hier von seiner Krönung in Königsberg kommend in die Residenz einzog.

Das Rote Rathaus gegenüber dem Fundort der „Entarteten Kunst“ aus Nr. 50, im Jahr 1869 fertiggestellt nach dem Vorbild des Rathauses im damals preußischen Thorn, konnte erst errichtet werden, nachdem die Stadt rund 20 Grundstücke zwischen Spandauer und Jüdenstraße erworben hatte. Das alte Rathaus war zu klein geworden und keine Spukgeschichte konnte mehr hier beginnen wie noch E.T.A. Hoffmanns „Die Brautwahl“ von 1818, die „unten an dem Turm des alten Rathauses“ ihren Ausgang nimmt.

Der Wachstumsprozess, der aus dem barocken Berlin das wilhelminische Berlin machte, erfasste zunächst nur die einzelnen Parzellen und Gebäude. Erst nach 1880 kam es zu zahlreichen Straßenerweiterungen und -durchbrüchen, doch blieb der Großteil des Stadtgrundrisses immer noch intakt.

Darüber informiert derzeit die vorzügliche Ausstellung „Berlins vergessene Mitte“ im Ephraim-Palais. Dieser befindet sich, nur wenige Gehminuten entfernt, am Ende der Poststraße. Dort, im Nicolaiviertel, lässt sich vielleicht noch erahnen, wie es überall in der Mitte Berlins ausgesehen hat. Nicht zuletzt in der Königstraße, über die Samuel Beckett, der Dichter von „Warten auf Godot“, im Dezember 1936 am Rathaus vorbeiging, um bald darauf rechts in die Klosterstraße einzubiegen.

Das wäre heute nicht mehr möglich: Dieser Teil der Klosterstraße ist verschwunden. Im Krieg wurden die Häuser zerstört, aber die Stadtplanung zu DDR-Zeiten begrub dann auch noch den Straßengrundriss unter den Neubauten der Rathausstraße. Rund ums Rathaus gibt es mehr auszugraben als nur die Kellermauern früherer Gebäude.

Ausstellung „Berlins vergessene Mitte“, Ephraim-Palais, Poststraße 16, bis 27. März 2011, Di., Do.-So., 10-18 Uhr; Mi.,12-20 Uhr, Infotelefon: 24002-162.

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