Berlins historisches Zentrum : Wunden schließen mit der Liebe zu Mitte

Berlins historisches Zentrum ist ein Ort der jüngsten Vergangenheit – vor allem die beiden deutschen Diktaturen haben ihn geprägt. Bei den Überlegungen für die künftige Gestaltung wird das bisher kaum gewürdigt.

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Historische Lücke. Die heutige Mitte Berlins ist das Ergebnis des radikalen Umbaus durch zwei deutsche Diktaturen und die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges.
Historische Lücke. Die heutige Mitte Berlins ist das Ergebnis des radikalen Umbaus durch zwei deutsche Diktaturen und die...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Ringen um die Berliner Mitte geht in eine neue Runde. Ein „Dialogverfahren“, von einem professionellen Moderationsbüro begleitet, soll Impulse für die künftige städtebauliche Gestaltung geben – mit Bürgerbeteiligung und ergebnisoffen. Alte Mitte – neue Liebe? Das wäre schön. Aber es fehlt an wichtigen Weichenstellungen, um bei den Planungen die stadthistorische Bedeutung des Ortes zu würdigen und den Weg für künftige Nutzungen zu ebnen. Vor allem bleibt im Dunkeln, dass die Berliner Mitte von heute zum größten Teil das städtebauliche Ergebnis der beiden Diktaturen ist, des Nationalsozialismus und der DDR. Diese Feststellung soll die Unterschiede der beiden Diktaturen nicht wegbügeln. Im Gegenteil.

NATIONALSOZIALISTISCHE MITTE

Mit der Behörde des „Generalbauinspektors“ für die Neugestaltung der Reichshauptstadt waren 1937 die institutionellen Grundlagen für einen Abbruch der Berliner Altstadt geschaffen. Hitlers Chefarchitekt Albert Speer projektierte für die Berliner Mitte den Durchbruch der Ostachse, der heutigen Karl-Liebknecht-Straße. Betroffen davon waren weite Teile des nördlichen Alt-Berlin, aber auch die Gegend um den Hackeschen Markt. Die Großbauten, die hier entstehen sollten, folgten der Logik monumentaler Repräsentation, sie nahmen auf die übrige Altstadt keinerlei Rücksicht.

Parallel zu Speer bereitete die Stadtverwaltung einen großflächigen Umbau des südlichen Alt-Berlin vor. Die geplante Architektur war traditionell, ihr Inhalt modern: vor allem Büros, keine Wohnungen mehr. Kern der Umgestaltung war ein riesiger neuer Molkenmarkt, der an die Stelle des kleinen mittelalterlichen Molkenmarktes treten sollte. Um die Nikolaikirche herum war eine Art Museumsquartier vorgesehen. Dort sollten historische Bauten, die an anderer Stelle abgebrochen wurden, rekonstruiert werden.

Ein Teil dieser gewaltsamen Pläne wurde verwirklicht. An der heutigen Liebknechtbrücke wurden für die Ostachse Gebäude abgebrochen, für den Umbau des südlichen Alt-Berlin erfolgte ein flächendeckender Abriss. Heute stehen dort NS-Bauten, etwa die Reichsmünze. Auch der alte Mühlendamm wurde beseitigt und durch eine Notbrücke ersetzt. Das Ephraimpalais musste einer neuen Straße weichen. Mit zwei großen Durchgangsstraßen wurde der radikal autogerechte Ausbau der Berliner Mitte eingeleitet.

Die Planung wurde auch durch Zugriff auf privates Grund- und Hauseigentum umgesetzt. Die Ausstellung „Geraubte Mitte“ des Berliner Stadtmuseums dokumentierte 2013, dass insgesamt 225 jüdische Grundstücke gewaltsam entwendet wurden.

SOZIALISTISCHE MITTE

Trotz der großflächigen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg blieben der Stadtgrundriss und private Parzellen zunächst erhalten. Diese wurden erst durch die DDR-Diktatur beseitigt - aufbauend auf den in der NS-Zeit gewaltsam geschaffenen Eigentumsverhältnissen. Der Raub jüdischer Grundstücke wurde nicht rückgängig gemacht, die Enteignungen wurden verallgemeinert. Allerdings blieb noch bis weit in die 1960er Jahre hinein der alte Stadtgrundriss erfahrbar.

Zerstörte Mitte. Die Aufnahme von 1945 mit der Schlossruine im Hintergrund zeigt, dass die Grundstruktur der historischen Bebauung trotz der Verheerungen durch die Luftangriffe erhalten blieb.
Zerstörte Mitte. Die Aufnahme von 1945 mit der Schlossruine im Hintergrund zeigt, dass die Grundstruktur der historischen Bebauung...Foto: dpa

Nach dem Zweiten Weltkrieg war keineswegs von vornherein klar, wie es städtebaulich weitergehen sollte. Frühe Pläne sahen eine partielle Rekonstruktion der historischen Altstadt vor. Im Zuge unterschiedlicher Planungsansätze wuchs schließlich eine neue Ost-Berliner Mitte heran, ein Ort fast ohne Vergangenheit. Bis in die 70er Jahre hinein dominierte der radikal moderne DDR-Städtebau. Das die Mitte zerschneidende Hauptstraßennetz aus der Nazizeit wurde in veränderter Form vollendet. Der riesige Freiraum zwischen Alexanderplatz und Spree, mit der isolierten Marienkirche im Schatten des Fernsehturms, war dagegen als solcher nie geplant.

Am Ende der DDR-Zeit wechselte nochmals die städtebauliche Orientierung: Das in freier Form rekonstruierte Nikolaiviertel, das als Altstadt-Simulation eine Idee aus der NS-Zeit variierte, war eine eigene Antithese der DDR zu den Hochhäusern auf der nahe gelegenen Fischerinsel.

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