Berlin : Berlins laute Straßen machen krank

Verkehrsclub maß an elf Stellen nach: Verkehrslärm überschritt überall die Grenzwerte des Umweltbundesamtes

Ingo Bach

Eine Viertel Million Berliner ist tagsüber Verkehrslärm ausgesetzt, der krank macht. In der Nacht sind es 320 000. Wegen dieser Zahlen aus der Senatsumweltverwaltung hat der Berliner Landesverband des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) an zehn besonders lauten Straßen die tatsächliche Lärmbelastung gemessen. Das Ergebnis: Alle zehn Straßen in Berlin – und auch eine Umleitungsstraße in Glienicke – erreichen oder überschreiten den Grenzwert, ab dem nach Auffassung des Umweltbundesamtes gesundheitliche Schäden drohen; das sind 65 Dezibel am Tage und 55 Dezibel in der Nacht (siehe Kasten neben der Grafik).

„Lärm verursacht Stress“, sagt Helmar Pless, Lärmexperte beim VCD. Und dauernder Stress macht krank. Das Problem hat auch die Politik längst erkannt. Die Senatsumweltverwaltung hat einen Lärmatlas für Berlin erarbeitet. Er belegt, wie viele Haupt- und Nebenstraßen in der Stadt die Grenzwerte des Umweltbundesamtes überschreiten. Doch diese Werte haben nur für neu gebaute Straßen eine praktische Bedeutung – für die nämlich sind unter bestimmten Voraussetzungen zum Beispiel Lärmschutzwände vorgeschrieben. Doch das ist eine seltene Ausnahme. So wird in Berlin derzeit gerade mal an zwei größeren Straßenneubauprojekten gewerkelt. Für den übergroßen Rest der Berliner Straßenanwohner gilt: sie haben keinerlei Rechtsanspruch auf Lärmschutz.

Dabei lässt sich der Schalldruck schon mit relativ simplen Methoden wesentlich verringern. Eine Reduzierung des Tempos von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde etwa verursacht drei Dezibel weniger Lärm. Und schon das wird vom menschlichen Gehör subjektiv als Halbierung des Geräuschpegels wahrgenommen. „Wenn man Kopfsteinpflaster durch Asphalt ersetzt, gewinnt man sechs Dezibel“, sagt Sandro Battistini, der Berliner Landesvorsitzende des VCD. Weil Lkw einen wesentlich größeren Lärmpegel erzeugen als Pkw, bringt auch ein Lkw-Fahrverbot etwas: drei Dezibel.

Dass Lärmschutz kostet, wissen die Experten. Doch man könne das zum Beispiel mit einer höheren Mineralölsteuer finanzieren, fordert der Verkehrsclub. Oder mit einer Kfz-Steuer, die leise Autos belohnt und laute bestraft. Auch müsse man die Folgekosten des Lärms gegenrechnen. Aus der Pichelsdorfer Straße in Spandau zum Beispiel zögen die Wohlhabenderen weg in ruhigere Gegenden. Die Sozialstruktur hier verschlechtere sich, immer mehr Läden machten dicht, heißt es beim VCD.

Die größte und auch schnellste Entlastung für lärmgeplagte Anwohner erreicht man mit Schallschutzfenstern. Bis zu 50 Dezibel des Verkehrslärms können damit geschluckt werden. Eine staatliche Förderung solcher Maßnahmen gibt es in Berlin jedoch nicht. „Nähme man die Grenzwerte von 65 beziehungsweise 55 Dezibel als Grundlage“, sagt Bernd Lehming, Verkehrsexperte der Senatsumweltverwaltung, „dann hätten in der Stadt theoretisch die Anwohner von 900 Kilometern Hauptstraße ein Recht auf solche Förderung – bei einer Gesamtlänge von 1300 Kliometern. Das ist finanziell nicht zu leisten.“ Zudem setze man in Berlin weniger auf den Lärmschutz in der Wohnung als vielmehr auf eine generelle Lärmreduzierung auf den Straßen. Das Abgeordnetenhaus verabschiedete dafür in diesem Sommer einen Stadtentwicklungsplan Verkehr. Insgesamt 16 Milliarden Euro sollen bis 2015 in Projekte wie Umgehungsstraßen, Tempo-30-Zonen oder Verkehrsberuhigungsmaßnahmen fließen. Schon bis 2010 will die Umweltverwaltung so die Zahl der vom gesundheitsschädigenden Lärm betroffenen Berliner um ein Viertel senken.

Die Lärmkarte Berlins im Internet: www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/i705.htm

Der Berliner VCD verleiht sein Lärmmessgerät. Es kostet zwanzig Euro in der ersten Woche (zehn Euro für VCD-Mitglieder) und 100 Euro Kaution. Weitere Informationen unter Telefon 446 3664

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