Berlins marode Schulen : Unterrichtsausfall mangels Lehrer-WC

Die Lehrertoilette kaputt, der Weg zum Ersatz zu weit: Der Leiter einer Reinickendorfer Schule wehrt sich gegen das Bezirksamt - mit einer symbolischen Entscheidung.

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Ersehntes Örtchen. Arbeitgeber haben wenig Spielraum bei der Bereitstellung von WCs für ihre Beschäftigten. Die Arbeitsstättenverordnung regelt alles ganz genau.
Ersehntes Örtchen. Arbeitgeber haben wenig Spielraum bei der Bereitstellung von WCs für ihre Beschäftigten. Die...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Rund ums stille Örtchen kennt die deutsche Arbeitsstättenverordnung kein Pardon. Ihr 31-seitiges Kapitel über die Sanitärräume regelt nicht nur die Mindestanforderungen an Toiletten, sondern auch die Entfernung zum Arbeitsplatz: „Die Weglänge zu Toilettenräumen sollte nicht länger als 50 m sein und darf 100 m nicht überschreiten“, heißt es da. Außerdem dürfe der Weg von ständigen Arbeitsplätzen in Gebäuden zu Toiletten „nicht durchs Freie führen“. Nun hat diese Verordnung 270 Schülern der Reinickendorfer Hannah-Höch-Gemeinschaftsschule Unterrichtsausfall beschert.

„Wir wurden tagelang hingehalten. Ich wollte das meinen Kollegen nicht länger zumuten“, begründet Schulleiter Nuri Kiefer seine ungewöhnliche Reaktion auf die Verzögerungen bei der Reparatur einer Lehrertoilette: Sie sollte nach den Herbstferien wieder nutzbar sein, war sie aber nicht. Daher mussten rund 30 Lehrer über 100 Meter zurücklegen, um vom Lehrerzimmer zum WC zu gelangen, und außerdem in ein anderes Gebäude wechseln, was den Personalrat auf den Plan rief. Wegen besagter Verordnung habe er dann beschlossen, am Dienstag den Nachmittagsunterricht ausfallen zu lassen – nicht ohne die Bildungsverwaltung und den Bezirk zu verständigen.

Jetzt wurde ein Schüler-WC umdeklariert

Inzwischen ist zwar die Toilette wieder heil, aber die Verärgerung hält an – auf beiden Seiten. „Es ist unverhältnismäßig, dass deshalb Unterricht ausfällt“, findet Tobias Dollase, frisch gewählter Bildungsstadtrat für die CDU. Schließlich gebe es direkt neben den Lehrertoiletten sowohl Schüler- als auch Dienstkräftetoiletten – etwas für den Hausmeister – , die die Schule zeitweise hätte umfunktionieren können. Dollase war, alarmiert durch den drohenden Unterrichtsausfall, sofort in die Schule gefahren, um sich die Lage vor Ort anzusehen. Dort habe er dann erkannt, „dass Herr Kiefer das Problem selbst hätte lösen können“ – was Kiefer nicht bestreitet: „Das Schloss in der Dienstkräftetoilette war zwar defekt, aber wir konnten das Schüler-WC umdeklarieren“, schildert der Schulleiter die Behelfslösung, die den Unterrichtsbetrieb in der Folge sicherstellte. Dennoch sieht er sich mit seiner Entscheidung vom Dienstag im Recht: „Es hat sich wieder gezeigt, dass man offenbar erst eine Bombe platzen lassen muss, damit was passiert“, schlussfolgert er aus der zwischenzeitlich erfolgten Reparatur durch das Bezirksamt.

Jahrelang bekämpfte der Bezirk die Gemeinschaftsschule

Überhaupt – das Bezirksamt. Das Verhältnis zwischen der Schule und der langjährigen Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt ist zerrüttet, nachdem sich die CDU-Politikerin lange geweigert hatte, eine Gemeinschaftsschule zu gründen. Außerdem leidet die Schule unter einem Zehn-Millionen-Euro-Sanierungsstau. „Die Zustände sind unwürdig“, fasst Kiefer die Baufälligkeit von Fassaden und Fenstern, die defekte, laut scheppernde Eingangstür, die „fürchterliche“ Akustik und das nur teilrenovierte Dach, „durch das es bei Starkregen tropft“, zusammen.

Schultze-Berndt, die inzwischen in das Bauressort wechselte, bestreitet den Sanierungsstau nicht, verweist aber darauf, dass nicht nur der Campus Hannah Höch betroffen ist: Der Gesamtbedarf ihre Bezirksschulen wird auf 409 Millionen Euro beziffert. Es gebe Schulleiter, die – anders als Kiefer – „trotz baulicher Probleme lösungsorientiert und konstruktiv mit dem Bezirk zusammenarbeiten“.

Auch in der Bildungsverwaltung ist man nicht einverstanden mit Kiefers Vorgehen: „Wir denken nicht, dass Unterrichtsausfall das adäquate Mittel ist“, kommentierte Sprecherin Beate Stoffers dessen Vorgehen. Die Arbeitsstättenverordnung lasse sehr wohl „temporäre“ Ausnahmen zu oder auch provisorische Zwischenlösungen, wie der Schulleiter sie dann ja auch gefunden habe.

„Wir wollten aufrütteln“, beharrt Kiefer, der sich auch in der GEW-Schulleitervereinigung engagiert. Es komme vor, dass Schüler nach der sechsten Klasse seine Schule verlassen, „weil im Gebäude der Mittelstufe alles so marode ist und stinkt. Irgendwo ist mal genug.“

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