Berlin : Berlins Motto: Sowohl als auch

Thilo Sarrazin

Berlin ist die einzige deutsche Stadt mit zwei Tierparks. Das hat historische Gründe: Während der Zoologische Garten schon 1841 – damals als Teil des Tiergartens weit vor den Toren der Stadt – angelegt wurde, entstand der Tierpark Friedrichsfelde erst 1955 als Reaktion auf die Teilung Berlins.

2,6 Millionen Besucher haben 2002 den Zoologischen Garten besucht. Bei drei Millionen Euro Landeszuschuss wurde jeder Besuch mit rund 1,15 Euro subventioniert. Den Tierpark Friedrichsfelde besuchten im vergangenen Jahr 1,1 Millionen Menschen. Bei 8,3 Millionen Euro Landeszuschuss wurde jeder Besuch mit rund 7,60 Euro subventioniert. Zusammen kosten die beiden Zoos 11,3 Millionen Euro Landeszuschuss. Zum Vergleich: Der private Hagenbeck-Zoo in Hamburg kommt ganz ohne Zuschuss aus, der Tierpark Hellabrunn in München kostet 1,8 Millionen Euro Zuschüsse und der Kölner Zoo 5,1 Millionen Euro. Beide Berliner Zoos haben ihr besonderes Profil: Der Zoologische Garten sticht hervor durch großen Artenreichtum (1500 Tierarten) und seine prächtigen Gebäude. Der Tierpark Friedrichsfelde ist mit 160 Hektar einer der flächengrößten Zoos der Welt und zeichnet sich aus durch weiträumige Gehege. Leider hat er mit 37 Prozent auch den niedrigsten Kostendeckungsgrad aller großen deutschen Zoos.

Nun könnte man sagen: Eine Stadt, die sich drei Opern mit 113,5 Millionen Euro Zuschuss leistet, sollte sich auch zwei Zoos mit 11,3 Millionen Euro Zuschuss leisten können. Das denken auch viele Berliner. Genau diese Mentalität des „Sowohl als auch“ statt des „Entweder/oder“ ist aber eine wichtige Ursache für die finanzielle Schieflage der Stadt: die höchste Zoodichte, die höchste Operndichte, die höchste Kita-Dichte, die höchste Lehrerdichte, die höchste Studentendichte, die höchste Polizeidichte, die höchste Dichte an Verwaltungsmitarbeitern – das alles gleichzeitig geht nicht in einer Stadt, die nur 38 Prozent ihrer Ausgaben mit eigenen Steuereinnahmen finanziert und dreieinhalb Mal so viel Schulden macht wie der Durchschnitt der Länder und Gemeinden. Hinsichtlich Mehrausgaben und Mehrausstattung ist ganz Berlin voll von zooähnlichen Verhältnissen. Umso problematischer ist es, dass wir den doppelten Zoo seit 12 Jahren aus Schulden finanzieren. Wäre der jährliche Landeszuschuss um fünf Millionen Euro geringer gewesen, hätte Berlin heute 80 Millionen Euro Schulden weniger – und müsste jedes Jahr vier Millionen Euro weniger Zinsen zahlen. Wer nicht an Affen und Elefanten sparen will, muss bereit sein, woanders Einschnitte zu akzeptieren.

Der Autor ist Finanzsenator in Berlin.

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