Berlins neuer Kulturstaatssekretär : Ein Musikproduzent macht Kultur

Hatice Akyün begrüßt Tim Renner in der Hochkultur und fragt sich: Kann jetzt jeder alles machen oder bringt der ehemalige Geschäftsführer von Universal Music tatsächlich alles mit, was man für den Job des Kulturstaatssekretärs braucht?

von
Gestatten, Tim Renner. Hier bei einem Tagesspiegel-Interview am ICC, rechts der Funkturm. Sein Urteil übers ICC: "Das ist wie der Alexanderplatz in Ost-Berlin. Eine herrliche Kulisse für Videoclips mit begrenztem Nutzwert."Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
26.04.2014 14:27Gestatten, Tim Renner. Hier bei einem Tagesspiegel-Interview am ICC, rechts der Funkturm. Sein Urteil übers ICC: "Das ist wie der...

Ein Handwerksverband hat mich für einen Vortrag angefragt. Das machte mich unsicher und ich erklärte, dass ich zwei linke Hände hätte und beim Zimmerstreichen in Studentenzeiten zum Kaffeekochen weggelobt wurde. Aber das war dem Verband egal. Sie wollten jemand völlig anderes, aus einer fachlich und sachlich um Lichtjahre entfernten Galaxie. Später begriff ich, warum. Als handwerklich Unbeholfene war ich die Zielgruppe für das Neugeschäft. Ich stand stellvertretend für die Gruppe von Migranten, die man als Auszubildende händeringend für diese Branche gewinnen wollte.

Beim Job-Roulette ist jede Besetzung möglich

Warum ich das erzähle? Weil ich darüber nachgedacht habe, wie viel Ahnung man von einem Job haben muss, um ihn ausgezeichnet machen zu können. Nehmen wir aus aktuellem Anlass die Politik. Vorgestern war einer noch in Terrorabwehr und Grenzsicherung unterwegs. Gestern in Milchquoten und Genmais. Heute ist er auf sich allein gestellt. Oder unser Schweizer Taschenmesser der Politik: Vorgestern kämpfte sie für die Vereinbarkeit von Frau und Mensch, gestern ermöglichte sie Hartz-IV-Kindern Flötenunterricht, und heute schafft sie neue Arbeitszeitmodelle für die Kriegsführung, damit Frau Oberfeldwebel im Afrikaeinsatz abends den Kindern zu Hause noch Grimms Märchen via Skype vorlesen kann. Diese Leute können Verwaltung, sie können führen, Dinge durchsetzen.

Einer geht noch, dachte sich wohl Klaus Wowereit und zog den neuen Kulturstaatssekretär aus dem Hut. Tim Renner, Musikmanager. Jemand, der neue Talente entdeckte. Jemand, der in der Unterhaltungsindustrie so die Plätze wechselte (und wechseln musste), dass er zwar manchmal den Stuhl, nie jedoch das Metier wechseln musste. War der eigentlich schon mal in der Oper? Kennt der Musik vom Notenblatt oder nur vom iPod? Wie groß ist seine Bibliothek? Bleibt er beim Ballett bis zur Pause oder bis zum Schluss? Kennt er die wortgewaltigen Tugendwächter der Hauptstadtkultur? Und überhaupt, kann er die Förderrichtlinien von Land, Bund und EU auswendig?

Wie viel Ahnung vom Thema muss man eigentlich haben, um ein Amt in der Politik zu bekleiden?
Wie viel Ahnung vom Thema muss man eigentlich haben, um ein Amt in der Politik zu bekleiden?Foto: imago

Ist ihm das Personalvertretungsrecht geläufig? Sind ihm die Besoldungsregeln im öffentlichen Dienst vertraut? Nein? Aber mal unter uns, sind diese Dinge wirklich entscheidend, um einen Job gut zu machen? Wowereit ließ bei dieser Personalie sein Faible für Unkonventionelles durchblitzen. Alles, was Herrn Renner womöglich fehlt, kann er lernen. Oder er findet jemanden, der das zuverlässig gut macht. Viel spannender ist für mich die Frage, ob der Posten für den neuen Kulturchef Beruf oder Berufung ist. Die Pessimistin in mir sagt, dass die Hauptstadtkultur sowieso nur noch Kommerz ist; warum also keinen Kommerzmanager? Die Hoffnungsvolle sagt, dass man Kultur dort hintragen muss, wo die Menschen sind. Und um sie dort abzuholen, braucht man Mut und Menschenkenntnis.

Vertrauen in Tim Renner

Das Kalenderjahr verwalten kann jeder. Kann Tim Renner mehr? Ich traue es ihm erst einmal zu, einfach so. Ich mag das ja, gegen den Strom zu schwimmen, gegen die Masse zu meutern. Manchmal ist es gut, Unmögliches zu probieren, auf Regeln zu pfeifen. Netz und doppelten Boden durchzuschneiden, hat etwas abenteuerlich Anarchistisches. Oder wie mein Vater sagen würde: „Tüm söyledi, yapamazsin. Bunu bilmeyen biri geldi ve yapti.“ Alle sagten, das geht nicht. Da kam einer, der das nicht wusste und machte es.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.

Autor

9 Kommentare

Neuester Kommentar