Berlin : Berlins Opernhäuser: Marode Häuser, löchrige Etats, sture Musiker

Frederik Hanssen

Die erste Kuh hat Berlins Kultursenator Christoph Stölzl fast vom Eis: Am Dienstag entschied der Senat, dass die Staatstheater der Hauptstadt im Jahr 2001 doch nicht fünf Prozent ihrer Zuschüsse abgeben müssen. Zwar soll die Summe von insgesamt 17,6 Millionen Mark bis zum Frühjahr 2001 im Gesamthaushalt Wissenschaft und Kultur eingespart werden, doch die Spielfähigkeit der Opern und Theater ist damit in dieser Saison gesichert. Eine dauerhafte Perspektive aber haben die Berliner Hochkulturinstitutionen nur, wenn in den kommenden Wochen tatsächlich ein ganzer Komplex drängender Fragen geklärt wird.

Tariferhöhungen: Im Gegensatz zur üblichen Praxis im öffentlichen Dienst werden die Gehaltszuwächse der Angestellten im Kulturbereich nicht vom Staat ausgeglichen. Dafür sind die Häuser selbst zuständig. Die sechs Millionen Mark, die für das Jahr 2001 auf sie zukommen, können sie nur durch Personalabbau realisieren. Darum wurde ein Strukturfonds geschaffen, aus dem jene 181 Mitarbeiter ausgezahlt werden sollen, deren Arbeitsplätze die Theater selber für entbehrlich halten. Insgesamt 36 Millionen sollen für den Fonds durch Immobilienverkäufe aus dem Vermögen der Kulturverwaltung zur Verfügung stehen.

Investitionen: Gleichzeitig ist der Fonds aber auch für Strukturmaßnahmen gedacht wie beispielsweise ein gemeinsames Kartenvertriebs-System der Opernhäuser. Christoph Stölzl betont immer wieder, dass er die bisherigen Einnahmen aus Kartenverkäufen in Höhe von 63 Millionen Mark pro Jahr für zu niedrig hält. Fünf Prozent Steigerung sollten realisierbar sein, findet Stölzl. Und auch das Preisniveau liegt in Berlin weit unter dem anderer Hauptstädte.

Marode Häuser: Kopfzerbrechen bereiten den Mitarbeitern von Christoph Stölzl aber auch der bauliche Zustand vieler Theater. Nur vier von 22 Häusern sind derzeit ohne Baumängel. Dickster Brocken ist die Staatsoper, die einen Bedarf von 100 Millionen für die Renovierung des Prachtbaus Unter den Linden errechnet hat. Hinzu kommen 40 Millionen für die maroden Werkstätten. Da auch die Werkstätten der Komischen Oper in schlechtem Zustand und nur angemietet sind, denkt man über das Modell von Zentralwerkstätten auf dem Gelände der Deutschen Oper nach. Möglich wäre auch eine Privatisierung des Bereiches - sieben Interessenten haben sich bereits gemeldet.

Mehrbedarf hat aber auch das Berliner Philharmonische Orchester angemeldet: 6,4 Millionen Mark bis Ende 2002 würde es kosten, jene Maßnahmen zu finanzieren, die sich der neue Chefdirigent Simon Rattle wünscht. Man wird diese Wünsche kaum ausschlagen können, nachdem sich Berlin aus Lokalpatriotismus entschieden hat, das Orchester in städtischer Trägerschaft zu halten - obwohl die Musiker sich lieber vom Bund finanzieren lassen wollten.

Die Tarifverträge sind das heikelste Thema. Wie gut die Deutsche Orchestergewerkschaft ihre Mitglieder zu mobilisieren versteht, hat sie im vergangenen Jahr gezeigt, als sie den Spielbetrieb der Deutschen Oper wochenlang ins Wanken brachte. Ein Berliner Sondertarifvertrag, der festlegt, dass die Musiker im Rahmen ihrer Arbeitszeit kostenlos bei anderen Orchestern der Stadt "aushelfen", wurde bereits unter Senator Radunski ausgehandelt. Weil hier ein Sparpotenzial von mehreren Millionen Mark liegt, täte Christoph Stölzl gut daran, ihn schnell zur Unterschriftsreife zu bringen.

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