• Berlins Opernhäuser: Wegen Etat-Streitigkeiten will Barenboim seinen Vertrag an der Staatsoper nicht verlängern

Berlin : Berlins Opernhäuser: Wegen Etat-Streitigkeiten will Barenboim seinen Vertrag an der Staatsoper nicht verlängern

Christine Lemke-Matwey

In seinem Büro Unter den Linden trägt der Maestro gern Pantoffel. Ein schwarzsamtenes, feines, zartes Schuhwerk, das diesen Namen eigentlich kaum verdient. Denn in seinem Büro Unter den Linden fühlt der Maestro sich zu Hause. Hier ist er Mensch, Künstler, Vater aller Musiker. Hier will er sein. Seit acht Jahren und - ginge es nach seinem Ethos, das von Geburt an ein kosmopolitisches, im besten Sinne weltoffenes gewesen ist - mindestens auch die nächsten acht oder zwölf Jahre lang noch. "Generalmusikdirektor" heißt das Amt, das Daniel Barenboim 1992 an der Deutschen Staatsoper Berlin mit einigem Mut zum Risiko antrat. Ein Jahr zuvor erst war er beim Chicago Symphony Orchestra als Musikalischer Direktor in die Fußstapfen Georg Soltis getreten, seit 1981 dirigierte er bei den Bayreuther Festspielen, französische Spitzenklangkörper schätzen seine Arbeit am Pult ebenso wie die Berliner, die Wiener Philharmoniker.

Ein moderner Nomadenkönig also, ein Wanderer zwischen exklusiven Welten. Und: ein gewachsener Stardirigent, einer der Letzten vom Schlage des alten Karajan, welcher in den 60er Jahren mit eigenen Flugzeugen und eigenen Plattenlabels den Takt schlagenden Jetset begründete. Barenboim nun, das Wunderkind, der genialisch begabte Meister, hat sich ausgerechnet Berlin als Heimat auserkoren. Liebt und hegt sein Orchester, die Staatskapelle, wie ein "altes, sehr wertvolles Möbel", sucht sich in der neuen deutschen Hauptstadt ein repräsentatives Dach überm Kopf, schickt die Kinder in eine gute Schule, deponiert die Samtpantöffelchen, die zarten, im Büro. Und soll die Rechnung doch ohne die Berliner Kulturpolitik gemacht haben - respektive ohne deren chronisch leere Kassen. Blindheit? Militantes Desinteresse an aller Nicht-Kunst?

Die zehn Millionen Mark mehr im Jahresetat der Lindenoper jedenfalls, die der Maestro für die Staatskapelle fordert, auf dass deren Spieler es pekuniär mit ihren Konkurrenten im fernen Dresden oder München aufnehmen können und bei etwaigen Abwerbungsversuchen endlich mannhaft standhaft bleiben - diese zehn Millionen wird in Berlin niemand bezahlen (können, wollen oder dürfen). Und Barenboim, will er sein Gesicht als Person des öffentlichen Lebens nicht verlieren, muss gehen. Das ist die eine, sattsam bekannte Lesart.

"Skandal!", schreit nun die kaum existente Berliner Haute Volée, und wie kann man einen international derart renommierten Künstler bloß ziehen lassen? Schaut nach München, rufen diese Leute: Warum kann sich die Isarmetropole gleich drei Maestri solchen Kalibers leisten, nämlich Lorin Maazel beim Bayerischen Rundfunk, Zubin Mehta an der Bayerischen Staatsoper und James Levine bei den Münchner Philharmonikern? Und brummt und leuchtet fröhlich vor sich hin? Na, warum wohl?

"Skandal!", schreit auch der betroffene Klangkörper, die Staatskapelle, und wie sollen wir ohne Barenboim jemals unseren Klang wahren, unser ach so unverwechselbares Timbre, die Robustheit unserer Streicher, die Bedeutungstiefe unserer Bläser, dieses neo-furtwänglerische Blattgold, welches der Maestro, der sich noch so gern in die Tradition deutscher Musik und Musiker stellt, uns in mühevoller Detailarbeit hat polieren und bewahren helfen? Das ist das Pfund, mit dem wir wuchern müssen, das ist unser einzigartiger Marktwert, sagen Orchestervorstände und Konzertmeister, und es ist uns ganz egal, ob diese Ästhetik anderswo in der Musikwelt, wo man schlank und rank sein will und zeitgemäß, gerade in Mode ist oder nicht.

Und ein ganz kleines "Skandal!" vernimmt man dieser Tage selbst aus den Etagen der Berliner Kulturpolitik. Senator Stölzl, der sich vor der Sommerpause in seiner umwerfend unverbindlichen Art noch damit brüstete, nicht etwa nur Daniel Barenboim in der Stadt zu halten, sondern auch den flüchtigen Christian Thielemann wieder einzufangen, er steht mit abgesägten Hosenbeinen da. Barenboim, soviel hat Stölzls jüngster Wochenend-Trip nach Chicago erbracht, wird seinen Vertrag über das Jahr 2002 hinaus nicht verlängern. Und wenn überhaupt dann nur mehr als rein künstlerisch Verantwortlicher, als Musiker in einer Metropole, die sich gefälligst dafür rühmt, drei Opernhäuser zu unterhalten - und in diesem ihrem Luxus schwelgt.

Zeit für neue Lesarten

Es gehört zur Ironie der ganzen verzwickten Geschichte, dass ausgerechnet Daniel Barenboim hier indirekt dem Status Quo das Wort redet. Denn hätte er sich vor Jahresfrist mit seiner (objektiv sicher berechtigten) Zehn-Millionen-Forderung nicht derart weit aus dem Fenster gelegt, die Berliner Kulturpolitik hätte getrost noch weiter vor sich hingedümpelt. Jetzt indes steht sie, stehen alle Beteiligten und Betroffenen hart am Anschlag. Und das ist gut so. Die Grube, in die Barenboim aus Berliner Sicht zu fallen droht, hat er sich höchstselbst gegraben. Wie weiland der Zappelphilip im Märchen reißt er dabei jedoch nicht nur den eigenen schwappenden Suppenteller vom Tisch, sondern das ganze restliche Inventar gleich mit. "Tabula rasa" könnte man diesen Effekt nennen. Katharsis hätten die alten Griechen gesagt. Die Zeit der Erwiderungen ist da. Die Zeit der neuen Lesarten. Endlich. Denjenigen etwa, die sich nach Deutschlands reichem Süden sehnen, nach gesellschaftlichem Leben und ein bisschen Schickimicki-Tümelei im Namen der Kunst, könnte man berichten, dass längst nicht alles Gold ist, was glänzt. Wenn Zubin Mehta in der Bayerischen Staatsoper zuletzt 44 Abende pro Saison am Pult stand und James Levine nebenan, bei den Münchner Philharmonikern, gerade einmal 18, dann hat das - ganz abgesehen von den jeweiligen Ergebnissen - mit künstlerischer Präsenz nicht eben viel zu tun (zum Vergleich: Ingo Metzmacher verbringt rund 70 Abende im Graben der Hamburgischen Staatsoper!).

Und denjenigen Damen und Herren Instrumentalisten, die, gleichsam vaterlos, um ihre Identität bangen, sei im selben Atemzug versichert, dass es den Kollegen in München vor wenigen Jahren kaum anders erging: Da starb mit Sergiu Celibidache einer der letzten wirklich schwergewichtigen Sonderlinge der Branche - und es erhob sich ein einstimmiges Zetern und Klagen: Wer oder was sind die Münchner Philharmoniker ohne ihren "Celi"? Nun, wie man weiß, der Klangkörper hat überlebt, wusste die Celi-Archive publicityträchtig zu plündern und vermag sich dank "Jimmy" L. ganz gut zu helfen. Alles geht - also auch das nackte Gegenteil?

Der ratlos maulenden hauptstädtischen Kulturpolitik aber sei Folgendes ins Stammbuch geschrieben: Die Zeiten während und nach des Krieges, da 35jährige Originalgenies wie von selbst die Pulte stürmten, sind unwiderruflich vorbei. Und die Zeiten, da Musikerkarrieren wie die eines Karajan oder Maazel oder Abbado oder Muti vornehmlich über die Schallplattenindustrie angeschoben wurden und tatsächlich funktionierten, auch. Neue Namen, neue Lichtgestalten braucht die Branche. Und also eine souveränere, selbstbewusstere, kundigere Politik denn je. Reisen Sie, Herr Stölzl, fragen Sie, hören Sie. Pantoffeln aus - und los!

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