Berlins Ostbezirke : Der Reiz der Randlage

Hellersdorf hat Platz – für neue Bauten und „Importe“. Ein Mann kämpft gegen den Beton für das satte Grün.

Stefan Jacobs

Um den ältesten Baum im Bezirk zu retten, muss man sich notfalls auch daran anketten dürfen, findet Heino Mosel. Das wollte er sich vom Vorstand des Naturschutzbundes Nabu bestätigen lassen, dessen Hellersdorfer Ortsgruppe er vorsaß. Nachdem er auch im zweiten Anlauf keine Antwort bekommen hatte, trat er aus, enttäuscht von so viel Hasenfüßigkeit. Kurz darauf wurde die Eiche in der Ulmenstraße gefällt. Elf Jahre ist das her, damals war Heino Mosel 66.

Kürzlich fiel ihm auf, dass er schon 77 ist und die Zeit reif für etwas Bleibendes. Weil Bezirksamt und Heimatmuseum das genauso sahen, konnte soeben sein erstes Buch erscheinen: „Wandlungen im Wuhletal – Ansichten einer Berliner Landschaft“. 135 Fotos aus der Anfangszeit von Hellersdorf bis heute. Bilder von sattgrünen Wiesen neben Bildern von Plattenbauten auf ehemaligen Wiesen. Aber das Buch ist keine Anklage; eher eine Bestandsaufnahme. So wie Heino Mosel kein Querulant ist, sondern ein konstruktiver Kritiker. Seine erste Eingabe – heute hieße sie „Petition“ – stammt von 1968 und enthielt neben einem Protest auch das Angebot mitzumachen. So wurde der Postbeschäftigte Mosel zum ehrenamtlichen Naturschutzhelfer. Manchmal wurde auf ihn gehört, oft nicht. Bis er seine Kamera als Wunderwaffe entdeckte und das Foto als Beweismittel. Nach der Wende ließ sich damit manches Stück Natur vor den Goldgräbern retten.

Bei der Niederung am Kienberg, nicht weit vom Erholungspark Marzahn, läuft die Rettungsaktion noch. Das Feuchtgebiet mit Schilf und Dickicht, Titelfoto auf Heino Mosels Buch, ist das größte zusammenhängende Stück Natur entlang der Wuhle, die sich wie eine Lebensader auf ganzer Länge zwischen Marzahn und Hellersdorf entlangzieht. „Mein größter Wunsch wäre, dass diese Niederung als Naturschutzgebiet ausgewiesen wird“, sagt Mosel. Und fügt hinzu, dass dafür der Senat zuständig sei, dem rund 1000 derartige Anträge vorlägen. Bei der bisherigen Bearbeitungsgeschwindigkeit wäre die Wuhleniederung nach Mosels Berechnung circa im Jahr 3000 an der Reihe. Und das, obwohl 42 Arten der Roten Liste hier lebten. „In Dresden wird nur wegen der Kleinen Hufeisennase die Elbbrücke infrage gestellt. Und hier gibt’s 42 Arten, und nichts tut sich.“ Damit die Tiere möglichst nicht schon vor der Senatsentscheidung aussterben, haben Mosel und andere Naturfreunde zumindest eine geplante Brücke mitten durch das Gebiet verhindert – und, um mehr als nur Nein zu sagen, eine Alternative präsentiert: einen Hochstand, einen Steg und ein Plateau mit Tisch und Stühlen für Picknicker. „Das stört die Tiere kaum. Die gewöhnen sich an die Stellen, wo die Menschen sind.“

Mosel wohnt im südlichen Teil von Hellersdorf, wo Einfamilienhäuser in Gärten stehen und auch ein paar alte Bäume. Das sieht trotz stark verdichteter Bebauung recht intakt aus, aber wenn Mosel von nunmehr verschwundenen Fasanen und Feldhasen erzählt und von für immer davongeflogenen Singvögeln – oje. „Die Natur frisst die Landschaft“, resümiert er ohne Groll.

Damit, dass der Dorfteich in Marzahn zu einem Parkplatz geworden ist, hat Heino Mosel sich abgefunden. Aber dem in den Neunzigern für die „Helle Mitte“ zugeschütteten Hechtpfuhl würde er gern ein Denkmal setzen. Einen Brunnen mit Hechtplastik vielleicht. Etwas, was an den Tümpel erinnert, „der sich gewehrt hat bis zuletzt“ und noch während der Bauarbeiten den Boden immer wieder aufgeweicht hat. Mosel war mit seinem Vorschlag schon beim Management des Einkaufscenters. Das Resultat war immerhin eine Fotoausstellung über die Vergangenheit des heute komplett versiegelten Stadtplatzes. Jetzt liegt die Sache beim Umweltamt. Unbeantwortet, seit zwei Jahren ungefähr. „Aber das liegt bei mir auf Wiedervorlage“, sagt Heino Mosel. Ein wenig will er noch warten, bis er sich meldet. Er ist schließlich kein Querulant. 

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