Berlins Ostbezirke : Ein Dorfkindergarten in Alt-Marzahn

100 Quadratmeter und fünf Zimmer: 1982 zog Christiane Vogel mit ihrer Familie in einen der neuen Marzahner Plattenbauten. Heute leitet sie den Dorfkindergarten in Alt-Marzahn, jenem historischen Stadtteil, der nicht abgerissen wurde.

Sandra Dassler
Dorfkindergarten
Willkommen im Dorf. Christiane Vogel leitet den Dorfkindergarten in Alt-Marzahn. -Foto: Mike Wolff

Die „Wolkenkinder“ haben die beste Aussicht. Sie schauen direkt auf die Bockwindmühle. Wenn sich die Flügel drehen und auf dem Hügel davor die Schafe weiden, sind die Drei- und Vierjährigen kaum vom Fenster wegzukriegen, sagt Christiane Vogel. Sie leitet den Dorfkindergarten Marzahn, und der liegt tatsächlich mittendrin, in Alt-Marzahn, jenem historischen Teil des Ortes, der nicht abgerissen wurde, als rundherum die Plattenbauten in den Himmel wuchsen.

Christiane Vogel, 54, ist 1982 in eine solche Plattenbauwohnung gezogen. Bis dahin hatte die Kindergärtnerin mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Friedrichshain gelebt. In den Marzahner Neubau durfte die Familie, als das dritte Kind unterwegs war: 100 Quadratmeter und fünf Zimmer – ihr Mann sei damals vor Freude aus dem Häuschen gewesen, sagt sie. Christiane Vogel selbst kam aus dem ländlichen Neuruppin und fand Marzahn anfangs schrecklich. „Aber in unserem Elfgeschosser wohnten viele Familien mit kleinen Kindern, und wir wuchsen schnell zu einer tollen Wohngemeinschaft zusammen.“ Außerdem war die Zuzüglerfamilie christlichen Glaubens und fand bald Anschluss an die evangelische Gemeinde in Alt-Marzahn. Jeden Sonntag besuchte sie den Gottesdienst in der Dorfkirche. Als der evangelische Kindergarten eine Erzieherin suchte, bewarb sich Christiane Vogel und bekam die Stelle. Erster Standort der Kita: ein Plattenbau. 1986 durften die 47 Kinder in eine ausgebaute Scheune umziehen.

Nach dem Mauerfall änderten sich auch die Verhältnisse im Dorfkindergarten: Die bisherige Leiterin zog gen Westen, Christiane Vogel übernahm die Stelle und damit die Verantwortung – nicht nur für die ihr anvertrauten Mädchen und Jungen, sondern auch für die Existenz der Einrichtung. Bald musste in Marzahn eine Kita nach der anderen schließen: Die Menschen verließen die Plattenbausiedlung, es wurden kaum noch Babys geboren. „Wir haben zeitig gemerkt, dass wir um unsere Kinder kämpfen mussten“, sagt Christiane Vogel: „Meine Kollegen und ich haben uns weitergebildet, neue pädagogische Konzepte erarbeitet und mit Flyern für unsere Kita geworben. Ich bin sogar politisch aktiv geworden, habe im Jugendhilfeausschuss mitgearbeitet und Vorträge gehalten.“

Das war wichtig. Auch nach der Wende standen einige DDR-geprägte Behördenmitarbeiter dem evangelischen Kindergarten eher skeptisch gegenüber. Aber auch von christlichen Pädagogen aus West-Berlin bekam Christiane Vogel manchmal zu hören, dass ihre Ausbildung nichts wert sei. „Das hat uns zusätzlich angespornt“, sagt sie heute. Und ist stolz darauf, dass ihr Dorfkindergarten nicht nur überlebt hat, sondern gerade sogar erweitert wurde.

Jetzt sind dort 60 Kinder untergebracht, Ein- bis Sechsjährige. Im Erdgeschoss die „Regenbogenkinder“, im Stockwerk drüber die „Sonnen-“ und „Wolkenkinder“. Wenn Alt-Marzahn sein Erntefest oder den Adventsmarkt feiert, sind die Kleinen dabei. Der Anger inmitten der Platte ist ein echtes Dorf geblieben, ein kleines Idyll auch für Kinder. Im „Tierhof“ können sie Esel Hugo und Hahn Willy besuchen und etwas lernen über andere, teilweise vom Aussterben bedrohte Tiere. Im „Kulturgut“ lockt die Puppenbühne, Einwohner verkaufen Obst und Gemüse aus ihrem eigenen Garten vor der Haustür, bei der Jugendfeuerwehr gibt es viel zu entdecken.

Das dörfliche Ambiente sei für die Kinder ein schöner Ausgleich, sagt Christiane Vogel. Die meisten von ihnen wohnen immer noch in Plattenbauwohnungen, die aber inzwischen saniert und verschönert wurden. Auch Christiane Vogel ist in der Platte geblieben. Sie hat hier Freunde gefunden, die Arbeit im Dorfkindergarten erfüllt sie. Ihr gefällt das Grün rund um die Hochhäuser. Die kleinen Bäume sind groß geworden. „1982 hätte ich das nicht geglaubt“, sagt sie: „Aber man kann in Marzahn tatsächlich Wurzeln schlagen.“ Sandra Dassler

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