• BERLINS PFLEGEEINRICHTUNGEN IM VERGLEICH 12. Folge: Die Tabelle für Marzahn-Hellersdorf: Die Profi-Prüfer

BERLINS PFLEGEEINRICHTUNGEN IM VERGLEICH 12. Folge: Die Tabelle für Marzahn-Hellersdorf : Die Profi-Prüfer

Die Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen prüfen die Qualität in den Pflegeheimen. Viele Kontrollen werden vorab angemeldet. Trotzdem stoßen die Teams manchmal auf Mängel, die sie nicht schlafen lassen

Ingo Bach

Es gibt Tage, da kann Hanna Franke nach getaner Arbeit nicht gut schlafen. Vor allem, wenn sie schlecht versorgte Menschen gesehen hat. Seit fast zehn Jahren kontrolliert sie für den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) Pflegeheime. An die 400 Einrichtungen werden es wohl gewesen sein, die sie in dieser Zeit besucht hat. Doch solche Zustände, wie sie sie vor einigen Monaten bei einer Begehung vorfand, erschüttern den Profi immer noch. Damals stieß sie in einem Berliner Pflegeheim auf eine über 80-jährige Dame, die in einem erbärmlichen Pflegezustand war. „Die Frau lag in ihrem Bett, war unterernährt, apathisch und zeigte keinerlei Reaktion auf menschliche Ansprache. Sie war ohne Hoffnung, hatte sich selbst aufgegeben.“

Bei der Begutachtung war die Wohnbereichsleiterin mit im Zimmer – und sie fühlte sich spürbar unwohl. Denn obwohl die Prüferin während der Untersuchung nicht dem Personal redet – „Wir werten das nie vor den Bewohnern aus, sondern immer erst danach“, sagt Franke – war klar, welche Gedanken die Prüferin bewegten. „Meine Betroffenheit war wohl offensichtlich“, erinnert sich Franke.

Hanna Franke ist Anfang 50, sie ist schlank und hat langes dunkelbraunes mit grauen Fäden durchwirktes Haar. Ein bisschen ärgert es sie, dass man noch immer hört, von woher sie vor Jahren nach Berlin kam: aus der Nähe von Stuttgart. Ihre Brille hat sie ins Haar geschoben. Die blauen Ohrringe passen zum blauen Tuch um ihren Hals.

Doch trotz eines manchmal erschreckenden ersten Eindrucks kam es ihr noch nie in den Sinn, in einem Heim auf dem Absatz kehrtmachen. „Wir haben einen Job zu erfüllen: Mängel zu finden und dabei zu helfen, sie abzustellen“, sagt Franke. Getreu dem immer wieder gern vom MDK betonten Gedanken, man sei eigentlich gar keine Kontrollbehörde sondern eine Form von Unternehmensberatung – allerdings eine, die ungefragt ins Haus kommt.

Auftraggeber des MDK sind die Pflegekassen, die das zu kontrollierende Heim benennen: entweder im Rahmen der regulären Stichprobenprüfungen oder aber weil es einen konkreten Anlass gibt, die Beschwerde eines Bewohners zum Beispiel. Im Bundesdurchschnitt muss eine Pflegeeinrichtung derzeit nur alle fünf Jahre mit einer MDK-Kontrolle rechnen. „Es gibt Heime in Berlin, in denen wir noch nie waren“, sagt Martina Wilcke-Kros, zuständige Referentin im MDK Berlin-Brandenburg.

Auch anlassbezogene Prüfungen finden weit weniger häufig statt als es Anlässe gäbe. Denn bei weitem nicht wegen jedem bekanntgewordenen Mangel schicken die Pflegekassen den MDK in die Spur, sondern versuchen das zunächst durch Gespräche mit den Heimbetreibern zu regeln – eine MDK-Prüfung ist sehr aufwändig und teuer. Dabei sind zwischen zwei und sechs Leute eine Woche lang beschäftigt. Kosten: 4000 bis 5000 Euro.

Das Pflegeheim Lebenswerk Spreeufer in Köpenick war im Oktober 2007 Ziel einer Routineprüfung des MDK. Auch Hanna Franke gehörte zum vierköpfigen Team. Die Heimleitung erfuhr per Fax von der Kontrolle – zwei Tage vorher. Routineprüfungen sind nahezu immer vorangemeldet, im Gegensatz zu den anlassbezogenen. Diese finden – zumindest in Berlin – zu 94 Prozent ohne Voranmeldung statt, heißt es beim MDK Berlin-Brandenburg mit einem gewissen Stolz. In anderen Bundesländern ist die Quote durchaus geringer.

Immer wieder wird die Praxis der vorangemeldeten Kontrollen kritisiert. So etwas könne doch keine realen Ergebnisse liefern, sagen zum Beispiel manche Politiker und fordern mehr überraschende Prüfungen.

Eine solche Frist sei viel zu kurz, um noch irgendetwas „drehen“ zu können, meint dagegen Julia Hübner, Leiterin des Heimes am Spreeufer. „Schlecht gepflegte Bewohner kann man in der kurzen Zeit doch nicht aufpäppeln, als wäre nichts gewesen.“

Klar ist man da aufgeregt, wenn so ein Fax kommt. Da hilft es auch nicht, dass der MDK sich selbst als Beratungsorgan versteht. „Es bleibt eine Prüfungssituation für alle“, sagt Julia Hübner. Die 32-Jährige sagt das lächelnd, offenbar pflegt die zupackende Frau mit dem freundlichen runden Gesicht einen robusten Umgang mit Prüfungssituationen. „Ich verstehe so etwas als eine Beratung für neue Ideen.“ Natürlich informiere sie die Bewohner über den Besuch der Prüfer. „Schließlich ist das auch für sie eine aufregende Sache.“

Neben der Pflegedokumentation begutachten die MDK-Mitarbeiter nämlich auch den Zustand der Pflegebedürftigen. Die Stichprobe soll immer rund zehn Prozent betragen – am Spreeufer waren das elf der 118 Bewohner. Das Heim ist voll belegt. Die Prüferinnen wählen aus den Akten, die sich auf jeder Station befinden, zufällig Bewohner aus. Aber dann einfach hinein ins Zimmer und begutachtet, so läuft das nicht. „Nur wer zustimmt, darf untersucht werden“, sagt Heimleiterin Julia Hübner. Denn dabei geht es tief in die Intimssphäre eines Menschen hinein, etwa wenn nach einem Druckgeschwür gesucht wird oder geprüft wird, ob die Finger- und Zehnägel geschnitten sind. Außerdem befragen die MDK-Mitarbeiter auch die Pflegebedürftigen: Wie sie sich in der Einrichtung fühlen? Ob sie zufrieden sind? „Wir bekommen dann von den Kontrolleuren sofort eine Einschätzung“, sagt Hübner – „allerdings nie in Gegenwart der Bewohner.“

Die Hauptarbeitszeit aber vergeht mit der Prüfung der Pflegedokumente: Sind die Körperreinigungen und die Massagen zur Verhinderung eines Druckgeschwürs vollständig nachgewiesen, sind die Medikamente korrekt beschriftet oder die Fortbildungen für die Mitarbeiter dokumentiert und gibt es eine Pflegeplanung? Heimbetreiber stöhnen immer wieder über die Dokumentationspflicht: zu viel, zu aufwändig, zu teuer. Das ständige Aufschreiben raube Zeit, die eigentlich dem Pflegebedürftigen gehören müsste, sagen manche.

Julia Hübner sieht das pragmatisch: „Für die Heimbetreiber ist eine vollständige Dokumentation ein Stück Sicherheit, etwa wenn es um Regressforderungen von Krankenkassen zum Beispiel nach dem Sturz eines Bewohners gibt.“

Die Akzeptanz der Dokumentation sei trotzdem oft ein Problem, sagt MDK-Prüferin Hanna Franke. Eigentlich unverständlich, findet sie. Das sei doch die Widerspiegelung dessen, was die Mitarbeiter gemacht haben. So etwas gehört zur professionellen Pflege dazu. Betreuung aus dem Bauch heraus funktioniert nicht, dann wäre der Pflegebedürftige dem Zufall ausgeliefert.

Aber reicht die Begutachtung von gerade mal zehn Prozent der Bewohner aus, um etwas über die Qualität aussagen zu können? MDK-Referentin Martina Wilke-Kros ist davon überzeugt: „Selbst wenn nur ein Bewohner Pflegemängel zeigt, ist das ein Zeichen dafür, dass in der Einrichtung etwas in den Prozessen nicht stimmt.“

Statt auf die Dokumentationen zu starren, sollten die Prüfer besser jeden zweiten Bewohner persönlich untersuchen, fordert mancher Betreiber. „Dann würden sich Heerscharen von Pflegedienstleitern und Qualitätsbeauftragten auf die Versorgung der Pflegebedürftigen konzentrieren, da jederzeit eine Überprüfung erfolgen kann“, sagt Roscha Schmidt, Bereichsleiterin Qualitätsmanagement bei der Caritas Altenhilfe.

Ein anderer Kritikpunkt ist ebenfalls immer wieder von Betreibern zu hören. Die Prüfungsergebnisse des MDK seien auch von der Tagesform der Prüfer abhängig, etwa ob sie gut gefrühstückt haben. Manche würden es darauf anlegen, Mängel zu finden. Hanna Franke weist das energisch zurück. „Wir sind Profis, unsere Ergebnisse hängen nicht von unserer Gefühlslage ab.“ Heimleiterin Hübner hatte trotzdem für alle Fälle Kaffee bereitgestellt, als die Prüfer am ersten Tag um 9 Uhr in der Pflegeeinrichtung einrückten.

MDK-Prüferin Hanna Franke kann – und muss – damit leben, dass ihr in den wenigsten Einrichtungen winkende und fröhliche Heimleiter oder Pflegekräfte entgegentreten. Es sind eher Angst und Aufregung. „Bis sich das legt, vergehen schon mal zwei Stunden“, sagt sie.

Was gut gemacht wird, das sagt keiner, der MDK lege nur die Finger auf die Wunden, klagen die Geprüften manchmal frustriert. „Für die Motivation der Mitarbeiter sind die Heimleiter verantwortlich, nicht wir“, antworten die Prüfer trocken.

Hanna Franke muss wie ihre Kollegen ihr besonders Augenmerk auf Probleme legen. Aber gab es eigentlich unter den geprüften Heimen einige, wohin sie selbst gehen würden – oder die sie nahen Angehörigen empfehlen würden? Hanna Franke überlegt ein paar Augenblicke. Dann sagt sie zögernd: ja, eine Handvoll.

Lebenswerk-Heimleiterin Julia Hübner hat keinen Grund zur Klage. „Ich habe die Prüfung ja längst erwartet. Ich bin stolz.“ Kann sie auch sein, denn die letzte Prüfung durch den MDK liegt zwei Jahre zurück – und genau nach dieser Prüfung übernahm Hübner die Einrichtung. Das 2007er Resultat ist also ihr Ergebnis. Und es ist ein hervorragendes: Hinter vielen der insgesamt rund 20 geprüften Aspekte zur Prozessqualität und zum Pflegezustand der Bewohner steht eine Erfüllungsgrad von über 90 Prozent.

Ob sie sich subjektiv in einem Haus wohlgefühlt hat, das würde Prüferin Hanna Franke so nie sagen. Die Erfüllungsquoten stehen im Bericht. Das ist das Statement des MDK. „Wir sind nicht subjektiv, wie sind Profis.“

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