• BERLINS PFLEGEEINRICHTUNGEN STELLEN SICH DEM VERGLEICH 10. Folge: Die Tabelle für Steglitz: Keiner muss alleine gehen

BERLINS PFLEGEEINRICHTUNGEN STELLEN SICH DEM VERGLEICH 10. Folge: Die Tabelle für Steglitz : Keiner muss alleine gehen

Rituale können helfen, den Tod im Pflegeheim zu akzeptieren. Denn auch dort, wo das Sterben zum Alltag gehört, ist es als Thema oft ein Tabu – für Mitarbeiter wie für Bewohner. Ambulante Hospizdienste ermöglichen Menschen ein Abschiednehmen in Würde

Moritz Honert

Auch der Tod arbeitet nach Dienstplan. Bettina Stange kennt ihn – aus Erfahrung. Deshalb weiß sie, dass er bald wieder in ihrem Haus vorbeischauen wird.

„Das Sterben kommt in Wellen“, sagt die Leiterin des DRK Pflegeheims Reinickendorf. „Wenn ein Bewohner von uns geht, dann folgen in den kommenden vier, fünf Wochen zwei weitere Menschen.“ Dem schließe sich wieder eine Phase der Ruhe an. Erklären kann Bettina Stange das Phänomen nicht. Viele Menschen, die häufig mit Sterbenden konfrontiert sind, hätten jedoch eine ähnliche Beobachtung gemacht.

Die seit längerer Zeit wieder erste Bewohnerin, die in dem Heim in Wittenau verstarb, war Martha Weingärtner*. Ihr Tod kam plötzlich. Am Mittag hatte sie noch Besuch von einem Bekannten. Gemeinsam hatten sie gegessen. Am Nachmittag dann ging es ihr plötzlich schlechter. Ihr Besuch war da schon wieder fort. Dass Martha Weingärtner die letzten Augenblicke trotzdem nicht alleine verbringen musste, verdankte sie einem Fremden. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter eines ambulanten Hospizes war gerade im Haus. Zwei Stunden saß er an ihrem Bett und ließ ihre Hand erst los, nachdem die 97-Jährige ihre Augen zum letzten Mal geschlossen hatte. Reden musste er dabei nicht. Martha Weingärtner verabschiedete sich still. Eine Kerze vor der Tür des Zimmers erinnerte noch ein paar Tage daran, dass sie das Heim für immer verlassen hatte.

Die Kerze ist inzwischen weggeräumt, eine Tafel mit ihrem Namen steht jedoch noch auf einem Marmortisch im Flur des Heimes. Ein weißer Schleier liegt darüber, daneben ein Ringbuch mit Blumenmotiven. Ein paar Gedichte sind darin eingeklebt, Nachrufe auf verstorbene Bewohner und aufgeschriebene Gedanken von Angehörigen. „Wir wollen den Menschen damit die Möglichkeit geben, Abschied zu nehmen“, sagt Bettina Stange. Bis dato sind in dem Buch allerdings nur wenige Seiten gefüllt. Und die meisten gestalteten Bögen sind Computerausdrucke mit Abschiedsworten, die die Heimleitung eingeheftet hat. Auch die beiden Damen, die neben dem Tisch in ihren Rollstühlen sitzen und auf das Mittagessen warten, nehmen wenig Notiz von dem Gedenkbuch.

„Das Sterben ist für viele Heimbewohner oftmals kein Thema“, erklärt die Heimleiterin das mangelnde Interesse. Wenn sie den Bewohnern vom Tod eines Nachbarn erzählt, höre sie häufig nur ein Seufzen, dann gingen alle zur Tagesordnung über. Wirklich auseinandersetzen wolle sich kaum jemand mit dem Thema.

Dabei betrifft es jeden Heimbewohner früher oder später. Meist früher. Statistiken zeigen, dass die Hälfte der Bewohner das erste Jahr im Heim nicht überlebt. Ein Drittel stirbt bereits innerhalb der ersten drei Monate. Auch Martha Weingärtner verbrachte nicht viel Zeit in ihrem letzten Zuhause. Drei Monate nur lebte sie in dem Pflegeheim, bevor der Mitarbeiter des Hospizes sich zu ihr ans Bett setzte und ihre Hand hielt.

„Solche spontanen Einsätze wie bei Frau Weingärtner sind eigentlich die Ausnahme“, sagt Susanne Rehberg, Leiterin des ambulanten Hospizes des DRK, einem von mehr als 15 Sterbebegleitdiensten in der Stadt. „Normalerweise beginnt unser Besuch wesentlich früher. Die meisten Menschen begleiten wir Wochen oder gar Monate.“

Die Grundidee der Sterbebegleitung sei es, jedem eine menschenwürdige psychosoziale Betreuung am Lebensende zu gewährleisten, sagt sie. Den alten Menschen Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Mit ihnen über ihre Sorgen und Probleme zu reden, manchmal auch einfach nur da zu sein.

Das Pflegepersonal, das nach Ansicht der Pflegekassen eigentlich auch für diese Aufgabe zuständig ist, wäre damit regelmäßig überfordert. „Für mehr Zuwendung, als kurz einmal über die Wange streichen, ist wegen der Personalknappheit doch gar keine Zeit“, sagt Susanne Rehberg. Auch wäre in vielen Heimen das Personal in Sachen Sterbebegleitung gar nicht geschult. Nicht jedes Heim sei bereit, für sein Personal die entsprechenden Fortbildungen zu bezahlen.

In Rehbergs Büro in Wedding laufen jede Woche rund zwei neue Bitten ein, einen Sterbenden im Heim zu begleiten. Meist sind es Pflegedienstleiter, die sich melden, wenn der Tod sich ankündigt, und der Bewohner keine Verwandten und Freunde mehr hat, die sich kümmern könnten. Auf 50 eigens ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeiter kann sie dann zurückgreifen, die die Sterbenden besuchen. Meist ein- oder zweimal in der Woche. Eine davon ist Astrid Heinrichs.

Die 49-Jährige mit den kurzen braunen Haaren ist dreifache Mutter. Ein viertes Kind hat sie verloren. Nachdem sie auch ihren Vater und eine Freundin, die an Krebs erkrankt war, bis zum Tod begleitet hatte, meldete sie sich vor fünf Jahren bei dem Hospiz. „Es ist eine Aufgabe, bei der man viel Dankbarkeit zurückbekommt.“ Lange Zeit habe sie den Tod als etwas Schreckliches betrachtet. Sie habe jedoch gelernt, dass er auch eine Wohltat und eine Erleichterung sein kann. „Wenn man erreicht, dass jemand in Ruhe aus dem Leben scheiden kann, dann ist das eine runde und schöne Sache.“ Eine psychische Belastung wäre die Tätigkeit eigentlich nicht, sagt sie nüchtern. Und zu Hause habe sie ja als Ausgleich das pralle Leben. Auch mit ihren drei Kindern rede sie offen über das Thema.

Dass einige der Begleiter nach ein paar Jahren aufgeben, liege eher an Problemen mit Heimen. Manche Mitarbeiter fühlten sich durch ihre Anwesenheit regelrecht kontrolliert und hätten sie dann „so freundlich wie einen Staubsaugervertreter“ willkommen geheißen, erzählt Astrid Heinrichs. Eine Kollegin sei sogar einmal angebrüllt worden. Die Kerze, die sie der Stimmung wegen im Zimmer des Sterbenden entzündet und unbeaufsichtigt hatte brennen lassen, sei ein Verstoß gegen die Brandschutzbestimmungen.

Mit den meisten Heimen könne man jedoch gut kooperieren, sagt Susanne Rehberg. Allerdings bedauert sie, dass das Interesse, ambulante Hospize zu beauftragen, allgemein noch gering sei. Unverständlich findet sie das. Schließlich entlasteten ihre Mitarbeiter das Pflegepersonal und bezahlen müsste sie auch niemand. Sie vermutet jedoch, dass die Ursache eher der Umgang mit dem Tod und vor allem seine Nichtakzeptanz in unserer Gesellschaft seien. Viele Menschen würden instinktiv vor ihm zurückschrecken.

Eine Überzeugung, die auch Dirk Müller vom Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie, das die Pflegeheime des Union Hilfswerks betreut, teilt. „Dass man sterben darf, ist in vielen Köpfen noch gar nicht angekommen“, sagt er. Deshalb würden viele Heime, wenn der Tod naht, lieber den Notarzt rufen, statt die Menschen friedlich einschlafen zu lassen. Dann sind die letzten Augenblicke nicht geprägt von Ruhe und Einkehr, sondern von Blaulicht und Hektik in einer fremden Umgebung.

„Eine gute Pflegeeinrichtung erkennt man auch daran, wie sie mit dem Thema Sterben umgeht“, sagt Müller. Der Tod darf nicht versteckt werden. „Wir möchten, dass die Menschen in den Heimen sterben dürfen – und nicht im Krankenhaus.“ Manche Heime machen in solchen Fällen extra Zimmer frei, damit Angehörige in der Nähe der Sterbenden bleiben können. Andere spielen Lieder oder organisieren Lesungen. „Solche Rituale können dabei helfen, den Tod zu akzeptieren“, sagt Müller.

Ein solches Ritual ist auch die Kerze vor dem Zimmer eines Verstorbenen – so wie sie auch im Pflegeheim Reinickendorf wieder brennen wird, wenn der Tod erneut vorbeischaut. (*Name geändert)

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