• BERLINS PFLEGEEINRICHTUNGEN STELLEN SICH DEM VERGLEICH 4. Folge: Die Tabelle für Lichtenberg: Letzte Heimat

BERLINS PFLEGEEINRICHTUNGEN STELLEN SICH DEM VERGLEICH 4. Folge: Die Tabelle für Lichtenberg : Letzte Heimat

Der erste Tag im Heim ist für viele eine schwierige Erfahrung: die eigene Wohnung für immer aufgegeben, die Möbel entsorgt. Oft dauert es Wochen, bis der Rhythmus der Pflegeeinrichtung zum eigenen wird

Lothar Heinke,Moritz Honert

Inzwischen ist sie darin geübt, mit ihrem Rollator elegant die Kurve ins Zimmer zu nehmen. „Mein neues Reich!“, sagt Maria Bengsch, „und am schönsten ist diese Ecke“. Da steht ein Ohrensessel, daneben leuchtet die Stehlampe. Auf dem Bett liegen vier Kissen: Eins, das größere, mit einem Bezug, „den ich vor Urzeiten mal gehäkelt habe“. Drei kleinere sind mit edlem Samt bezogen, Marias Brüder haben sie ihr geschenkt, „und der da ist Alfred“ – sie zeigt auf das rote Kissen. Alfred war wohl der Prominenteste aus der Familie. Alfred Bengsch, in den sechziger und siebziger Jahren Kardinal in Berlin, höchster Repräsentant der katholischen Kirche. Glanzstück der neuen Mini-Wohnung ist nicht nur der Fernseher mit dem Flachbildschirm, sondern auch das freundlich geflieste Bad mit Dusche.

Die 25 Quadratmeter neue Heimat waren gut möbliert – „helle Buche!“ –, als Maria Bengsch im April 2007 hier einzog. Vorher wohnte sie viele Jahre in einem Haus in Lichterfelde, 2. Stock, 48 Stufen, kein Fahrstuhl. Zuletzt fiel es der 87-jährigen Dame schwer, das Notwendige zu erledigen. Plötzlich sollte alles saniert, der Fußboden aufgerissen werden. Diesem Chaos wollte sie entfliehen und sich, alleinstehend, in gute, hilfreiche Hände begeben. So kam sie ins Seniorenheim St. Josef.

Das neue Zuhause von Maria Bengsch ist ein renovierter Alt- und ein rotbraun leuchtender Neubau direkt neben der Katholischen Kirche St. Norbert in der Schöneberger Dominicusstraße.

Am Tag des Umzugs nahm sie ihre Familienbilder von der Wand und verstaute sie sorgsam im Album. Die Möbel blieben in der alten Wohnung in Lichterfelde. „Ich würde lügen, wenn ich sage, der Umzug hat mir nichts ausgemacht“, sagt Maria Bengsch. 40 Jahre lang war sie Kinderkrankenschwester im ChristopherusKrankenhaus. Sie hat zwei Weltkriege, Vertreibung, viel Not und Tod erlebt. Nun blitzen ihre Augen unter dem hellen Grau der vollen, gewellten Haare, und während sie aus dem Fenster auf einen stillen Kirchhof nach unten blickt, sagt sie lächelnd: „Schön ruhig hier, vielleicht sogar beruhigend. Auch der Ausblick auf das Vergängliche. Nein, ich bin nicht lebensmüde. Jeder Tag ist ein Geschenk“.

Jeder, der in ein Pflegeheim zieht, weiß: Dies ist wohl die letzte Station. Vieles was zum früheren Leben gehörte, bleibt zurück – im Falle von Gertrud Nürnberger war das fast alles. Nur ein Tisch, eine Stehlampe, eine Kommode, drei Bilder und ihr Fernseher sind ihr geblieben. Der Rest musste „verramscht“ werden, sagt sie.

Anderthalb Jahre lebt die 82-Jährige nun im Pflegeheim im Sunpark in Neukölln. Freiwillig ist sie nicht gekommen. Nach einem Schlaganfall ließen die Ärzte sie jedoch nicht zurück in ihr altes Leben, sondern überwiesen sie in ein Heim. Dabei hatte Gertrud Nürnberger schon vor dem Schlaganfall ihre Wohnung vorsorglich auf Pflegebedürfnisse angepasst – sie ist es gewohnt, vorauszuplanen. Hatte ein seniorengerechtes Bett gekauft, sich um einen Lieferdienst für das Essen gekümmert. Alles umsonst. Eine Bekannte übernahm für die kinderlose Witwe schließlich die Suche nach einem Heimplatz. Ihre Wohnung sollte sie nie wieder betreten.

„Der erste Tag hier war der schlimmste in meinem Leben“, sagt die kleine Frau, die in ihrem bunt gemusterten Lieblingssessel fast versinkt. Dass sie einen Schlaganfall hinter sich hat, merkt man nicht. Außer vielleicht daran, dass sie immer wieder sagt, sie fürchte sich davor, sich zu versprechen oder Worte zu vergessen. „Ich fühlte mich wie ein flügellahmer Vogel. Ich konnte nicht mal weinen.“ Besonders, dass sie mit einem Schlag nicht mehr nach ihrem eigenen Rhythmus leben konnte, machte ihr zu schaffen. Die Pillen, die sie jeden Tag schlucken muss oder dass sie jeden Morgen von fremden Händen gewaschen wird. Auch dass sie nicht mehr selbst kochen kann, stört sie. „Vorher war ich in meinem Leben immer auf mich selbst gestellt“. 1945 hat sich die damals Zwanzigjährige allein aus Ostpreußen bis in den Harz durchgeschlagen – zu Fuß. Allein ist sie in den fünfziger Jahren nach Berlin gezogen, und auch als verheiratete Frau hat sie viel Zeit allein verbringen müssen. Ihr Mann arbeitete als Polizist oft im Schichtdienst.

Inzwischen hat sich Gertrud Nürnberger jedoch im Heim eingelebt. Sie nennt es jetzt ihr Zuhause. „Hier will ich sterben“, sagt sie, „und nicht im Krankenhaus.“

Fast jeder, der ins Heim komme, brauche eine gewisse Anlaufzeit, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen, sagt Christine Kühn, Pflegedienstleiterin im Seniorenheim St. Joseph. „Manche benötigen auch seelsorgerischen Beistand.“

Jeder Flur in der Einrichtung mündet in einen Aufenthaltsraum, wo man gemeinsam speist und Tätigkeiten ausübt, die auf einer Art „Stundenplan“ am schwarzen Brett beschrieben sind: Gedächtnistraining, Gymnastik, Gottesdienst, kreatives Gestalten, Spiele, Musiktherapie, Backen, Dämmerschoppen, Quiz, Kunsttherapie, Vorlesestunde, Seelsorge einzeln und in der Gruppe.

Manche dieser Aktivitäten sind Annemarie Grau – „grau wie meine Haare“ – verwehrt. Die 84-jährige Ur-Berlinerin, die in Schöneberg geboren wurde, wo sie nun am Ende ihres Weges wieder angekommen ist, gesellt sich zu uns, und ihr Schicksal ist offensichtlich, als sie ihren Rollstuhl plötzlich dreht: Annemarie Grau fehlen am linken Fuß die Zehen, vom rechten Bein ist nur noch ein Stumpf übrig geblieben. „Zucker!“ sagt sie, „Zucker im Fuß.“ Wenn sie von ihren Operationen spricht, dann sind das Geschichten von Mut, Schmerz, Leid, Selbstüberwindung und Tapferkeit. Und dieser Berliner Mischung aus Galgenhumor und „Uns kann keena“, die man Optimismus nennt: „Es wird schon irgendwie werden, muss ja weitergehen“.

Als Annemarie Grau eines Tages, aus dem Krankenhaus entlassen, im Rollstuhl in ihrer Küche sitzt, „da bin ich mal gerade mit dem Kopf über die Spüle gekommen, so konnte man nicht leben, so ging das nicht“. Die Kinder reisten aus Garmisch-Partenkirchen an, was soll nun werden? Der Schwiegersohn besuchte verschiedene Pflegeheime, kam ins St. Josef, ließ sich auch dort alles zeigen und sagte am Ende überzeugt: „Das ist das Richtige für Mutter!“

Mutter zog am 16. Mai 2007 ins Heim. Die Möbel kamen fast vollständig zum Abtransport auf Nimmerwiedersehen in den Container.„Gott sei Dank habe ich nicht dieses Geräusch gehört, dieses Knirschen, wenn die Sachen zerschreddert werden. Das hätte ich nicht ausgehalten. Musste auch so heulen, zumindest in der ersten Zeit.“

Das ist die Phase von Abschied und Ankunft: Neue Menschen kommen in einer neuen Umgebung auf dich zu, du gewinnst Vertrauen und erzählst deine Geschichte, wenn sie der andere hören möchte oder noch hören kann.

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