• BERLINS PFLEGEEINRICHTUNGEN STELLEN SICH DEM VERGLEICH 9. Folge: Die Tabelle für Pankow: Das Seniorenproletariat

BERLINS PFLEGEEINRICHTUNGEN STELLEN SICH DEM VERGLEICH 9. Folge: Die Tabelle für Pankow : Das Seniorenproletariat

Im Jahr 2020 könnten drei Millionen Menschen bundesweit auf professionelle Pflege angewiesen sein Der Blick in die Zukunft zeigt: Die meisten werden sich nur ein Doppelzimmer im Heim leisten können

Hannes Heine

Voll daneben. Am Geburtstag der Pflegeversicherung 1995 glaubte der frühere CDU-Sozialminister Norbert Blüm noch, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2020 kaum zwei Millionen übersteigen würde. Ein Irrtum: Schon jetzt, mehr als ein Jahrzehnt früher, ist diese Zahl erreicht. Hinzu kommt, dass um 2020 die ersten Männer und Frauen aus den geburtenstarken Jahrgängen der Wirtschaftswunderzeit auf Hilfe angewiesen sein werden. Einigen Prognosen zufolge müssen 2020 drei Millionen Menschen gewaschen, gefüttert, in vielen Fällen auch gewindelt werden. Auf fast jeden Erwerbstätigen wird dann ein Rentner kommen.

Dank des medizinischen Fortschritts steigt die Lebenserwartung weiter an. Bis 2020 klettert nach Auskunft von Sozialwissenschaftlern der Altersdurchschnitt der Berliner von 42 auf 44 Jahre. Theoretisch könnte der Deutsche durchschnittlich bald 95 Jahre alt werden. Derzeit sind es knapp 80 Jahre.

Doch längeres Leben kann auch längeres Leiden bedeuten. Bis zum 60. Lebensjahr liegt das Risiko, ein Pflegefall zu werden, bei einem Prozent. Allerdings ist trotz medizinischen Fortschritts schon jeder fünfte 80-Jährige pflegebedürftig, bei den über 90-Jährigen sind es fast zwei Drittel.

Wer wird sich um diese Menschen kümmern? Intakte Familien werden rar, schon lange hat nicht mehr jeder Hochbetagte helfende Kinder oder Enkel. Die Gesellschaft fordert von den Menschen immer mehr Mobilität, die Bereitschaft, dem Arbeitsplatz hinterherzuziehen. Doch das heißt auch: Familien zerbrechen öfter, Ehen halten nicht, weniger Kinder werden geboren – eine bisher nicht da gewesene Individualisierung ist die Folge. Schon jetzt ist mehr als jeder dritte Berliner ein Single. Bei den über 60-Jährigen sind es sogar fast zwei von drei. Um diese Menschen kann sich im Pflegefall also kein Partner kümmern.

Vor diesem Hintergrund hat das Statistische Bundesamt einen Trend zur „professionellen Pflege“ festgestellt. Immer weniger Patienten werden von Angehörigen gepflegt, dagegen verstärkt sich die nachfrage nach Altenheimen und ambulanten Pflegediensten.

Noch sind die Pflegeeinrichtungen in der Lage, diesen Bedarf zu decken: Allein in Berlin sind fast 2000 Heimbetten nicht belegt. Deshalb warnen einige Experten auch davor, den Markt zu überschätzen. Doch bis zum Jahr 2020 errechnen Studien aufgrund der demografischen Entwicklung bundesweit einen Bedarf von mindestens 250 000 zusätzlichen Pflegebetten. In Berlin sind nach Auskunft der Sozialsenatorin in den nächsten Jahren 3000 neue Betten geplant.

Das Pflegeproblem der Zukunft wird sich auch noch aus einem anderen Grund verschärfen: Je älter ein Mensch wird, desto anfälliger ist er für Demenz. In wenigen Jahren wird die Hälfte aller Pflegefälle an diesem schleichenden geistigen Verfall leiden, schon jetzt sind eine Million Deutsche betroffen. Jedes Jahr gibt es 250 000 Neuerkrankungen.

Schwere Fälle müssen rund um die Uhr versorgt werden, bei ambulanter Versorgung zu Hause kostet das bis zu 10 000 Euro im Monat. Für Normalverdiener ist das – trotz des Geldes aus der Pflegeversicherung – finanziell nicht zu leisten. Pflegekasse und Sozialamt zahlen nur dann eine ambulante Helferin, wenn sie billiger ist als eine Heimunterkunft. In rund 600 Berliner Haushalten arbeiten nach Schätzungen schon jetzt Pflegerinnen aus Osteuropa. Doch selbst eine schlecht bezahlte Vollzeithelferin kostest tausend Euro im Monat – viele Berliner können das nicht zahlen. Bleibt nur das Pflegeheim.

Doch Heim ist nicht gleich Heim. Ähnlich wie bei Kindergärten, Schulen und Universitäten werden sich neben preisgünstigen Pflegeeinrichtungen besser ausgestattete Häuser für zahlungskräftige Senioren etablieren.

Wer kein Vermögen hat oder nicht von einer privaten Zusatzversicherung profitieren kann, wird künftig mit von der gesetzlichen Pflegekasse oder den Sozialämtern bezahlten Häusern vorliebnehmen müssen. Das befürchtet auch Hartmut Häußermann, Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität zu Berlin: Wer lange arbeitslos war und deshalb nur wenig Rente bezieht, wird im hohen Alter in einer Bettenburg leben müssen. „Ein Seniorenproletariat wird entstehen“, prophezeit der Forscher.

Werden wir 2020 also in einer Zwei-Heim-Gesellschaft leben? „Die meisten Menschen werden sich nur noch ein Billigheim leisten können“, sagt Michael Musall, Pflegeexperte bei der Gewerkschaft Verdi. Daran, dass ambulante Hilfsdienste einen Großteil der Arbeit bei den Bedürftigen zu Hause erledigen, glaubt der Gewerkschafter nicht. Auf Dauer sei ein Heim einfach preiswerter. Nur wer nach lebenslanger Erwerbsarbeit eine satte Rente bekommt, oder gar in eine private Zusatzversicherung investieren konnte, wird sich in eine luxuriöse Altersresidenz zurückziehen können, die zusätzlich bis zu 3000 Euro und mehr im Monat verlangen.

Das sehen die Unternehmer der Branche ähnlich. Das Konzept der Marseille Kliniken AG etwa zielt darauf, sich als „Aldi der Pflegebranche“ zu etablieren und Heimplätze für den kleinen Geldbeutel anzubieten. Kosten wolle man sparen, indem man vor allem Zweibettzimmer bereitstelle. Schon jetzt steht die Hälfte der Betten in den Häusern des Unternehmens in Doppelzimmern.

Mit 9000 Pflegeheimplätzen ist die Marseille AG einer der größten privaten Heimbetreiber, bis Ende 2008 sollen es schon 12 000 Plätze sein: Rund 95 Prozent der Betten sind derzeit ausgelastet. „Wir machen für jeden Geldbeutel ein gutes Angebot“, erklärt Vorstandvorsitzender Axel Hölzer. Er erwartet, dass die Nachfrage nach „preiswerten Pflegeplätzen“ künftig weiter steigen wird.

Wirtschaftsexperten prognostizieren, dass sich in 30 Jahren mehr als die Hälfte aller Altenpflegeheime in privater Hand befinden wird. Derzeit liegt der Anteil bei rund einem Drittel – die übrigen werden von gemeinnützigen Verbänden oder Kommunen betrieben. Zukünftig wird der Zwang zur Rentabilität steigen. In Berlin teilen sich laut Senat schon jetzt 12 000 der 25 000 Heimbewohner ein Zimmer. Illusionen darüber, dass künftig jeder Interessierte ein eigenes Zimmer bekommen könnte, macht sich in der Branche kaum noch jemand.

Ex-Minister Norbert Blüm hat immerhin versucht aus der Not eine Tugend zu machen: Er forderte kürzlich eine „Kultur der Verantwortung“ – und teilte mit: Es komme ja nicht nur auf’s Geld an.

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