Berlin : Berlins Radiosender brechen quotenträchtig die zehn Gebote (Glosse)

Markus Hesselmann

Respekt. Die trauen sich was. Wer wochenlang derart ungeniert auf den Nerven seiner Mitmenschen herumtrampelt, der fürchtet kein Gottesgericht. Und die irdische Mutter Kirche schon gar nicht. Im Gegenteil: Zornige Kardinäle und Bischöfe sind als Werbeträger willkommen, wenn bei 94.3 r.s. 2 und anderen Radiosendern schwungvoll Sakramente und Gebote durch den Kakao gezogen werden. Beispiel: Zwei Menschen heiraten, die sich noch nie zuvor gesehen haben. Motto: "Das mutigste Ja-Wort der Welt".

Ein nicht überall bekannter Hip-Hop-Sender hat derweil den Bruch der zehn Gebote zum Quoten fördernden Ereignis erklärt. "Kiss FM" drohte, Kleinvieh am offenen Mikrofon zu schlachten ("Du sollst nicht töten"). Eine Moderatorin beschimpfte ihre Eltern ("Du sollst Vater und Mutter ehren") und ging im Kaufhaus auf Diebestour ("Du sollst nicht stehlen"). Da ist die "BZ", Berlins in Moralfragen maßgebliches Organ, einigermaßen empört. In der Axel-Springer-Straße wurde flugs auf Beihilfe zum Totschlag plädiert. Weil vorgestern ein 19-Jähriger seine Großmutter umgebracht hatte.

Dabei beweisen die Radiomacher doch zumindest ihre Bibelfestigkeit. Denn die Gebotsbruch-Aktion geschieht ja frei nach dem zweiten Buch Mose. Das ist in der Tat mutig. Denn wer dort zurückblättert, hört den Herrn folgendes sprechen: "Ich will meinen Mut an ihnen kühlen." Doch noch ist auch für Privatfunker Zeit, Buße zu tun. Also ab in den Beichtstuhl. Zur Absolution schlagen wir vor: Zehnmal Psalm 10 ("Der Gottlose rühmt sich seines Mutwillens") und ein Gastkommentar bei Radio Paradiso.

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