Berlin : BERLINS SOZIALATLAS: DIE WICHTIGSTEN TRENDS

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Mit Berlin geht es offenbar immer weiter bergab – zumindest, was die Sozialstruktur betrifft. Auch wenn sich die Situation in einigen wenigen Gebieten in der Stadt verbessert hat: Der statistische Durchschnitt aus Arbeitslosenquote, Einkommenshöhe, Bildungsstand, Lebenserwartung und weiteren Kriterien – der Sozialindex – hat sich seit dem letzten Sozialstrukturatlas, der vor vier Jahren veröffentlicht wurde, weiter verschlechtert. So leben nach den Daten des am Freitag vorgelegten aktuellen „Sozialatlasses 2003“ 533 000 Personen unter der Armutsgrenze, das sind 15,6 Prozent aller Berliner. 1996 waren das noch 488 000 Menschen (14,1 Prozent). Kinder und schlechte Bildung erhöhen das Armutsrisiko. So lebt jede zweite kinderreiche Berliner Familie in Armut. Die Armutsgrenze liegt bei monatlich netto 606 Euro pro Erwachsenen oder bei 1333 Euro für eine dreiköpfige Familie.

Insgesamt hat sich die soziale Lage in drei Vierteln der 298 Berliner Kieze verschlechtert – und wie gestern berichtet in manchen von ihnen in einem dramatischen Tempo. Das betrifft besonders den Osten. So liegen 16 der 20 Kieze mit der sich am schnellsten verschlechternden Situation im Osten. Neu auf der Verliererseite sind auch Kieze in Spandau. Dies bestätigt im Wesentlichen die Problemkiezstudie, die die Berliner Polizei bereits Anfang des Jahres veröffentlichte – auch wenn diese „den Osten offensichtlich außen vor ließ“, wie Gerhard Meinlschmidt, oberster Statistiker der Sozialverwaltung, sagte.

Die sozial auseinanderdriftenden Stadtgebiete seien aber kein typisch Berliner Phänomen, sagt Meinlschmidt. Mit ähnlichen Problemen hätten auch andere Metropolen wie New York, Paris oder London zu kämpfen.

Schuld an der Verschlechterung in Marzahn-Hellersdorf sei vor allem die starke Abwanderung von einkommensstarken jungen Familien, heißt es im Sozialatlas. Beispiel Marzahner Straße in Hohenschönhausen, der sozial gesehen mit Abstand schlechteste Kiez in ganz Berlin. Hier hat sich die Arbeitslosenquote seit 1999 mehr als verdoppelt und der Anteil der Sozialhilfeempfänger mehr als verdreifacht. Der Ausländeranteil liegt mit 724 Menschen bei über 70 Prozent.

Die Reaktion der Politik? Die Fördermittel müssten mehr nach Bedürftigkeit an die Bezirke verteilt werden, sagte Sozialsenatorin Knake-Werner. Das heißt, wohlhabende Gebiete müssten zugunsten der sozial schwachen Kieze auf Förderung verzichten. „Das wird sicher keine leichte Diskussion“, sagte Knake-Werner. Doch gegen den Bundestrend komme auch Berlin nicht an. „Zentrale Ursache bleibt die hohe Arbeitslosigkeit.“ Eine Verbesserung der Situation sei aus eigener Kraft derzeit nicht möglich. I.B.

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