Berlin : Berlins stärkste Fliege

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Von Esther Kogelboom

Jedes Gramm Fett zählt. Deswegen gibt es keine Cheeseburger, kein Bier mit den Kumpels in der Disco „Kontrast“. Es gab auch keine Party nach der deutschen Meisterschaft. Kein Sekt auf den Sieg, sondern Boxen und Blattsalat. Wochenlang. Marcus Abramowski darf zurzeit maximal 51 Kilogramm wiegen. Das 16 Jahre alte Fliegengewicht muss auf seine Linie Acht geben. Als Abramowski 1995 mit dem Boxen begann, war er neun und brachte gerade mal 23 Kilo auf die eiserne Waage im Boxsaal des Sportforums Hohenschönhausen - ein Hänfling, der boxen wollte, aber nicht wusste, wie. Abramowski, der immer der Kleinste in seiner Schulklasse war, biss sich durch, geriet unter die Fittiche des Landesjugendtrainers Ralf Dickert. Und jetzt ist er Deutscher Meister seiner Gewichts- und Altersklasse. Eine steile Schlag-auf-Schlag-Karriere, erkämpft mit einer großen Portion Disziplin.

„Wer boxen will“, sagt Trainer Dickert, „muss ständig dranbleiben, gute Reflexe haben und härteverträglich sein.“ So wie Abramowski, dessen Ausdauer sich beim Finalkampf um die Meisterschaft als außergewöhnlich herausstellte. Drei Punkte lag der Hellersdorfer hinter Mirko Weisel aus Halle bereits zurück. Doch Abramowski ließ sich nicht kleinkriegen, kämpfte, bis Weisel drei Mal angezählt werden musste: Abbruchsieg. Der junge Berliner qualifizierte sich so für die Weltmeisterschaft, die diese Woche in Ungarn ausgeboxt wird. Große Chancen räumt Dickert seinem Schützling zwar nicht ein, aber allein die WM-Teilnahme sei schon ein großer Erfolg, sagt der Trainer.

Marcus Abramowski muss sich in naher Zukunft entscheiden, ob er eine Profi-Laufbahn einschlagen oder lieber Amateurboxer bleiben möchte. Der Schüler will nach dem Realschulabschluss eine normale Optikerlehre beginnen, doch sein Trainer plädiert für eine Ausbildung als Groß- und Einzelhandelskaufmann auf einer speziellen Berufsschule für Leistungssportler in Köpenick.

Boxen und Brillen, das passt nicht zusammen, findet Ralf Dickert. „Optiker – das liegt mir aber“, sagt Abramowski trotzig. „Ich hab’ sogar schon ein Praktikum in einem Brillengeschäft gemacht.“ Mama und Papa Abramowski jedenfalls sind mächtig stolz auf ihr einziges Kind. „Meine Mutter hat eher mal Angst um mich“, erzählt das sommersprossige Ausnahmetalent mit den braunen Augen. Dass er öfter mal einen Fausthieb abbekommen hat, sieht man der Nase noch nicht an.

„Wer Meister werden will, muss wie ein Meister trainieren“, steht auf einem Motivationszettel an der Schattenbox-Spiegelwand. Das bedeutet für Abramowski: laufen, Gewichte stemmen, Konditions- und Ausdauerübungen. Täglich, pünktlich und gewissenhaft. Darauf legt der Trainer, der trotz Mittelkürzungen den Laden am Laufen hält, großen Wert. „Von den Jungs, die bei uns boxen“, sagt Ralf Dickert, „ist noch keiner auf der Straße gelandet.“

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