Berlin : Berlins verlorene Kinder

237 Mädchen und Jungen aus der Stadt sind seit langem verschwunden Am heutigen „Tag der vermissten Kinder“ wird auch an sie erinnert

Sandra Dassler

Gestern Vormittag war es wieder so weit: Über Lautsprecher suchte die Polizei in Schöneberg nach einem fünfjährigen Jungen, der aus der Kita verschwunden war. Viele Menschen hielten inne, Eltern dachten an ihre Kinder, Großeltern an ihre Enkel. Dass das eigene Kind verschwindet, ist eine furchtbare Vorstellung. Am heutigen „Tag der vermissten Kinder“ wird überall in Deutschland an das Schicksal der Verschwundenen – und das schwere Los ihrer Eltern erinnert.

In Berlin sind diese Schicksale immer häufiger. „Wir haben seit Jahren eine steigende Tendenz bei vermissten Kindern und Jugendlichen“, sagt Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Im Jahr 2005 waren 1054 Kinder und 2422 Jugendliche als vermisst gemeldet worden. 2006 waren es 1129 Kinder und 2747 Jugendliche. Aber – so Schodrowski – die allermeisten Kinder und Jugendliche finden sich glücklicherweise innerhalb weniger Stunden oder Tage wieder an. „Sie sind einfach zu einem Bekannten, weil sie die Klassenarbeit verhauen haben. Oder sie haben sich verliebt und sind zu ihrem Freund gezogen – es gibt viele Gründe.“

Manchmal werden Fälle nur wegen mangelnder Kommunikation nicht gleich aufgeklärt. So verschwand vergangene Woche die 15-jährige Stefanie J. aus Treptow. Das leicht geistig behinderte Mädchen wollte zum Bäcker gehen – und kehrte nicht zurück. Die Polizei suchte vier Tage lang nach ihr, dann stellte sich heraus, dass Stefanie bei befreundeten Familien war, denen sie erzählt hatte, dass ihre Mutter davon wüsste. Diese stand derweil furchtbare Ängste aus. Dann war der Alptraum zum Glück vorbei.

Andere Berliner Mütter und Väter müssen mit der quälenden Ungewissheit leben (siehe Kasten). Das aktuellste Beispiel ist der Fall Georgine Krüger aus Moabit. Das 14-jährige Mädchen verschwand im September vergangenen Jahres und bislang blieben alle Anstrengungen, sie wiederzufinden, erfolglos. „Es gibt nichts Neues“, sagte Georgines Mutter gestern dem Tagesspiegel: „Ich bin am Ende meiner Kraft, zum Glück habe ich Menschen, die mir helfen.“ Zu den Helfern gehören auch die Mitarbeiter der Hamburger Elterninitiative „Vermisste Kinder“, die bundesweit agieren. Sie stellen Kontakte zu Behörden her, suchen im Internet weltweit nach den Verschollenen und organisieren alljährlich den „Tag der vermissten Kinder“. Insgesamt werden in Deutschland rund eineinhalbtausend Kinder und Jugendliche seit langem vermisst. In Berlin sind es 237, die in den vergangenen 30 Jahren verschwunden blieben.

In Hamburg werden heute 100 Luftballons mit dem Bild eines vermissten Kindes aufsteigen. Der Fünfjährige aus der Schöneberger Kita ist nicht dabei. Kurz nach Beginn der gestrigen Suchaktion tauchte er wieder auf. Er hatte sich in der Kita versteckt und verstand gar nicht, warum ihn plötzlich alle umarmten.

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