Berlin : Berlins Wirtschaft will Hauptschüler fordern und fördern

Annette Kögel

Firmen und Verbände verstärken ihre Angebote, auch weil ihnen künftig Fachkräfte fehlen werden


„Wenn’s qualmt, darf man nicht wegrennen, sondern muss erst recht hingehen“, sagt Norbert Geyer. Deswegen hat der Geschäftsführer der Geyer Gruppe Industrie Holding GmbH mit Sitz in Neukölln eine Schulpartnerschaft mit der Rütli-Hauptschule begründet – noch bevor der Brandbrief über den Ausnahmezustand an der Schule öffentlich wurde. Damit greift der 59-jährige Mittelständler die Forderung vieler Politiker auf, die Wirtschaft müsse geringer qualifiziertem Nachwuchs mehr Chancen geben. Auch andere Berliner Wirtschaftsvertreter wollen sich mehr um die Förderung von Hauptschülern kümmern. Die Anregung von Bildungsexperten, mehr Jobs für Hauptschulabsolventen einzurichten, halten viele Verbände und Innungen jedoch für unrealistisch.

Die Zahlen zeigen es: Im März waren 95 720 Berliner mit Hauptschulabschluss arbeitslos gemeldet – das ist fast ein Drittel aller Jobsuchenden. Bei den Jugendlichen unter 25 Jahren, die von den Jobcentern betreut werden, bilden die Hauptschulabsolventen die größte Gruppe, wobei junge Männer seltener eine Arbeit finden als Frauen.

„Durch das vielgliedrige Schulsystem ist ein unglaublicher Verdrängungsmechanismus in Gang gesetzt worden“, sagt Unternehmer und SPD-Mitglied Geyer – und er beklagt, „dass das soziale Gewissen“ bei vielen Unternehmen „zu wenig funktioniert“. Gerade in wirtschaftlich und gesellschaftlich schwierigen Zeiten müsse man „jungen Hauptschülern Selbstvertrauen geben, sie an die Hand nehmen“, meint Geyer. In den nächsten Tagen wird der Geschäftsmann an der Rütli-Schule Gespräche führen. Er will Betriebspraktika für die Jugendlichen anbieten sowie Fortbildungen für die Lehrer.

Doch durch solch Nachhilfe allein werden Hauptschülern die Jobs trotzdem nicht zufliegen. Thomas Krätschmer, Bildungsfachmann bei der Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin Brandenburg (UVB), bestätigt einen „Trend zur Höherqualifizierung in Berlin“. Sprich: Früher fanden Hauptschüler leicht eine Lehrstelle als Koch, heute sucht die Gastronomie auch für die Küche Gymnasiasten. Das liege daran, so Krätschmer, dass die Anforderungen in vielen Berufen gestiegen sind und zugleich das Leistungsniveau an Hauptschulen sinke.

Hier setzt ein Programm der Industrie- und Handelskammer (IHK) an – die so genannte Einstiegsqualifizierung. In sechs- bis zwölfmonatigen Kursen versuchen die Firmen selbst, Schulabgänger fit zu machen für eine Ausbildung. „Im ersten Jahr hatten wir 400 Plätze, jetzt sind es 1000, und wir stocken weiter auf“, sagt IHK-Sprecher Holger Lunau. Das Engagement ist nicht uneigennützig. „Statt mehr Jobs für Niedrigqualifizierte zu schaffen, müssen wir die jungen Leute besser ausbilden, denn in wenigen Jahren werden wir wegen des Geburtenrückgangs Fachkräfte suchen“, sagt Lunau.

Einen Nachwuchsnotstand erwartet auch die Unternehmensvereinigung UVB. „Deshalb müssen wir Berlins Hauptschüler weiter qualifizieren“, sagt UVB-Sprecher Thorsten Elsholtz. Mit neuen Jobs an Fließband und Maschinenstraßen sei es nicht getan. „Die Entwicklung, dass Niedriglohnjobs nach Osteuropa und Asien verlagert werden, werden wir nicht stoppen können.“

Um Hauptschüler auf die Arbeitswelt vorzubereiten, haben Bildungspolitiker, Kammern und Firmen vor einigen Jahren das Berliner Netzwerk Hauptschulen begründet. Zudem gibt es rund 130 Partnerschaften beim Projekt „Wirtschaft Schule Betrieb“ auch für andere Schultypen. Unternehmen wie Vattenfall, Hans Wall, BSR und Gegenbauer engagieren sich hier. Auch in diesem Programm sollen weitere Plätze hinzukommen. Der Neuköllner Mittelständler Norbert Geyer macht als neuer Partner der Rütli-Schule mit, weil „wir kein einziges Kind links liegen lassen dürfen“.

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